03.12.2016, 13:17 Uhr

Schriftsteller Michael Kuper „Das Emsland ist ein guter Nährboden für Satire“


Meppen. Der Meppener Schriftsteller Michael Kuper feiert doppeltes Jubiläum: Mit „Schatzkistengold“ hat er sein 50. Buch veröffentlicht. Gleichzeitig lebt er seit 30 Jahren ausschließlich von der Schriftstellerei und dem Verlegen der eigenen Werke. Wie er seine Themen sucht, was ihn bewegt und warum er in gewisser Hinsicht ein Nachfahre Till Eulenspiegels sein könnte, das berichtet er im Interview.

Herr Kuper, Sie sind Jahrgang 1960 und schreiben seit langer Zeit. Seit 1986 erscheint in jedem Jahr mindestens ein Buch. Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Buch?

Das war „Marionettentango im Welttheater“ und erschien 1978. Es kostete 2,80 Mark und enthielt Lyrik und Kurzprosa.

Da waren Sie gerade 17 Jahre alt, als Sie das Buch geschrieben haben und 18 bei Erscheinen. Waren Sie ein literarischer Frühstarter?

„Ich habe mich schon sehr früh für Literatur interessiert. Helden und Antihelden beispielhaft in einen Zeitraum zu stellen und an ihnen Zusammenhänge und Hintergründe zu vermitteln – das fand ich spannend und finde es bis heute.

Gibt es ein großes, übergeordnetes Thema, an dem Sie sich immer wieder abarbeiten?

„Die Grenzgängerei. Die Rolle des Individuums in der Gesellschaft und gegen die Gesellschaft. Oder anders: Wie überlebt man in einer närrischen Welt?“

Das müssen Sie erläutern.

Wir leben in einer Zeit der totalen Einlullung, Denkfaulheit und Ablenkung. In diesem Sinne sehe ich mich als Zuvielisationskritiker , als Poet, dessen Aufgabe es ist, als Wächter seiner Gesellschaft zu agieren, als Wächter vor den Abgründen, die sich allerorten auftun. Deshalb steht diese Arbeit auch in der Tradition Till Eulenspiegels, der der denkfaulen Käfigwelt den Spiegel vorhielt.

Wie suchen Sie sich ihre Stoffe?

Das ist unterschiedlich. Ich bin ein Sammeljäger, ein Archivhengst, immer auf der Suche nach Orten mit Poq.

Orten mit Poq?

Poq steht für Poetische Ortsqualität. Orte die Geschichte atmen, haben Poq. Ich stoße auf einen Stoff, untersuche ihn wissenschaftlich, denke ihn durch und mache daraus Literatur.

Jemand hat sie mal als Denkspieler bezeichnet.

Ja, das kommt hin. Weil ich einen Stoff in meinem Kopf durchspiele und mich frage: was hätte jenseits der historischen Fakten sein können. Ein guter Autor ist immer ein Blickschärfer, ein Augenöffner. Er sieht im besten Falle das Innere der Welt oder zumindest eine andere Welt und schreibt Geschichten, die ein vorher und ein nachher haben.

Das stelle ich mir anstrengend vor. Wie machen Sie das ganz praktisch?

Jedes Buch beginnt bei null und mit einem Zettelkasten, in dem ein historischer Ort, offene Fragen und Rechercheergebnisse notiert sind. Damit arbeite ich – und zwar in einer Drei-Schreibtisch-Wirtschaft. Drei Schreibtische im Haus, drei Themen gleichzeitig. Morgens sitze ich am ersten Thema, mittags dann am zweiten oder dritten. Wenn man einen Stoff beginnt, ist das immer wie ein Puzzlespiel. Die Auswahl der Puzzleteile bestimmt die Tiefe eines Stoffes und die literarische Form, in die er einfließt. Gerade lese ich zum Beispiel alte lateinische Literatur über Physik. Das wird Teil der nächsten Geschichte.

Was ist ansonsten wichtig im Schreibprozess?

Ich brauche einen klaren Kopf und besitze außer einem Telefon keinerlei Ablenkungsgeräte. Meine Texte entstehen laufenderweise und das ist wörtlich gemeint.

Sie haben Kulturwissenschaften studiert und längere Zeit in Berlin gelebt, geforscht und geschrieben. Warum sind Sie nach Meppen zurückgekehrt? Wäre Berlin nicht der bessere Ort für eine kreative Tätigkeit?

Nein, das sehe ich anders. Das Emsland ist ein guter Nährboden für Satire – mindestens acht der 50 Bücher spielen im Amsivarischen . Und das Leben als Wissenschaftler hat mich nicht befriedigt. Ich wollte schreiben und liebe es, wenn sich das Imaginäre am Dokumentarischen abarbeiten kann. Historisch und kunstgeschichtlich halte ich mich auf dem neuesten Stand und habe so stets genügend Ideen.“

Und die Reaktionen der Leser?

Ich bekomme positive Zuschriften aus aller Welt. Mein Buch über Edgar Allan Poe zum Beispiel habe ich vor allem in die USA verkauft. Auch die Spukgeschichten, die zum Teil im Emsland spielten, sind gut angekommen.

Man könnte sich das Leben als Schriftsteller sehr romantisch vorstellen – verbunden mit Reichtum und Anerkennung...

Eher nein. Sagen wir mal so: Als Schriftsteller braucht man eine Menge Mut und darf Konflikte mit widrigen Umständen nicht scheuen.

Sind Sie dennoch mit Ihrer Arbeit und ihrem Leben zufrieden?

Man sagt, als Autor sollte man einen Königsroman, einen Berlinroman, eine Schelmengeschichte und was Unheimliches geschrieben haben. Das habe ich schon mal geschafft. Also ja.

Und was hat sich rückblickend in den vergangenen 30 Jahren aus Ihrer Sicht geändert?

Einiges. Früher gab es mehr Globetrotter – heute gibt es mehr globale Trottel.


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