02.07.2012, 09:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Der Graf gibt sich die Ehre Unheilig feiert Tournee-Auftakt in Meppen

<em>Unheiliger Frontmann:</em> Der Graf in Aktion. Foto: Werner ScholzUnheiliger Frontmann: Der Graf in Aktion. Foto: Werner Scholz

Meppen. Es hat am Samstagabend im Meppener Stadion einen Moment gegeben, der auch den weniger eingefleischten Unheilig-Fans unter den etwa 14000 im Publikum klarmachte, dass sie gerade Zeugen eines Phänomens waren. Ein Phänomen, dem es gelingt, Jung und Alt, Elemente des Rock und des Schlagers, zu vereinen – mit einem Stil, der seine Wurzeln im Finsteren, Abseitigen, kaum Massenkompatiblen hat.

Der Moment war der: Als um die Mitte des Konzerts die letzten Töne von „Feuerland“ verklungen waren, einem brachial daherstampfenden Riff-Rocker mit clever designtem Industrial-Flair, schallte es „Oh, wie ist das schön“ durch die MEP-Arena. Und der Graf, Frontmann und markanter Kopf von Unheilig, zeigte sich sichtlich beeindruckt. „Wahnsinn“, sagte er mehr als einmal unter Verneigungen vor seinem Publikum. Mehr begeisterte Resonanz als in Meppen hätte er sich an diesem Tag, zum Auftakt der „Lichter der Stadt“-Tournee, kaum wünschen können.

„Oh, wie ist das schön“ – bei Popkonzerten ein selten gehörtes Lied, das sich eher im Repertoire siegestrunkener Fußballfans finden lässt. Hier aber passte es ins Bild, gesungen von einer ähnlich bunt gemischten Menge, wie sie sich bei den Public Viewings zur EM bot.

Dieses ausgeprägte Miteinander der Altersgruppen, Schichten und Stile wäre nur schwer denkbar ohne den teils musikalischen, besonders aber textlichen Wandel, den Unheilig seit dem 2010er-Album „Große Freiheit“ vollzogen hat: An die Stelle des Auslotens seelischer Abgründe tritt die Suche nach Freiheit und Glück.

Oder, wie auf dem aktuellen Album, das der Tournee ihren Namen gab, das Zeichnen urbaner Szenarien: die industrielle Stadt aus Stahl und Feuer, die Stadt in der Nacht, die Stadt ins Licht getaucht. Und auch hier die Suche nach Halt und Geborgenheit. Bilder, die jeder kennt und nachfühlen kann. Auf den Videowänden wurde dies mit kurzen Einspielern untermalt. In Werbeästhetik ist der Graf in der Stadt zu sehen, auf erleuchteten Straßen, auf dem Bahnsteig, auf einer Brücke in der Abendsonne. Immer unterwegs, so scheint es.

Den Weg, den Unheilig auf den beiden jüngsten Alben eingeschlagen hat, wollten viele der früheren Fans nicht mitgehen. In Meppen war das offenkundig. Zum einen, da die Anhänger der Schwarzen Szene, der sich der Graf nach eigenen Worten noch immer zugehörig fühlt, nur vereinzelt zu sehen waren.

Und zum anderen, weil der Graf die früheren, weniger kommerziellen Phasen seines Schaffens live komplett ausklammert. Songs von der Art, wie sie im weitesten Sinne die Band Staubkind im Vorprogramm darbot. Ältere Unheilig-Werke, das ist Material mit (gesellschafts-)kritischen Tönen à la „Hexenjagd“, Songs mit Widerhaken, etwa „Spiegelbild“, oder düsteren Szenarien wie in „Feuerengel“. All das wird nun nicht mehr gespielt.

Kein Wunder, dass dieser Kurs dem Grafen den Vorwurf eingebracht hat, allzu seicht geworden zu sein. Sogar von „Bestattungsschlagern“ war die Rede, nachdem „Geboren, um zu leben“ in der Liste der beliebtesten Lieder bei Trauerfeiern weit nach oben geklettert war.

Das freilich trifft es nicht. Wenn der Graf singt, dass „das Glück vielleicht ganz nah“ ist, vom „Sehnsucht spüren“ und „Herz berühren“, ist das zwar natürlich mehr Schlager als Rock ’n’ Roll. Andererseits ist da für Trauer und Abschied zu wenig Finsternis und zu viel Licht im Spiel, werden Optimismus und Lebensbejahung unterstrichen. Unheilig ist dafür also zu universell harmonisch. Es ist, als ob musikalisch das ganze Publikum umarmt werden soll. Alle, nicht zuletzt die Kinder.

Deshalb ist es eher so: Der Graf ist der Rolf Zuckowski des Gothic Pop. Und das nicht nur, weil er bei „Ein guter Weg“ zwölf Kinder aus dem „Unheiligen Kinderland“ als Begleittrommler auf die Bühne bat. Fraglos eine gelungene Aktion, allein, da es für die jungen Fans unvergessliche Momente sein dürften. Doch die ältere Generation wurde, im übertragenen Sinne, ebenfalls geknuddelt: Außer Kindern unter zehn hatten auch Senioren über 65 freien Eintritt. Spürbare Widerhaken wären bei so viel Konsens wohl ohnehin fehl am Platz gewesen.

Das alle umfassende, alle einbindende Element in einer perfekt durchchoreografierten Show ist offensichtlich das Erfolgsrezept des gelernten Hörgeräteakustikers. Auf Metal-Riffs wie bei „Eisenmann“ folgte sofort wieder eine gefühlvolle Piano-Ballade: „Tage wie Gold“ ließ die Menge mitsingen und ihre Feuerzeuge zücken oder Leuchtstäbe schwenken. Mittendrin stets der Graf, über die Bühne schreitend, rennend, schwitzend, schwelgend, als Zeremonienmeister des kollektiven Knuddelns.

Nach zwei Stunden, als letzte von vier Zugaben, gab es das Lied, das der Graf, wie er sagte, vor 20 Jahren als Erstes auf Deutsch geschrieben hat. „Stark“ fügte sich ideal ins Gesamtkonzept ein. Nicht nur wegen der Worte „Auf Wiedersehen“.

„Wir tragen euch im Herzen in die nächste Stadt“, versprach der Graf beim Abschied. Gemessen an den seligen Blicken etlicher Konzertbesucher dürfte das mit dem Herzen auf Gegenseitigkeit beruhen.


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