01.12.2016, 11:06 Uhr

Sprachrohr der Kichwa-Indianer Meller Jugendliche zeigen Interesse für Ecuador


Melle. Das kleine, aber „rebellische Dorf“ Sarayaku in Ecuador hat weltweit Schlagzeilen gemacht wegen des Widerstands gegen Regierung und Erdölindustrie. Über den Hilferuf ihres Volkes hat die Kichwa-Indianerin Patricia Gualinga eindringlich in der Wilhelm-Fredemann-Oberschule berichtet.

Langeweile kam nicht auf an diesem Schulmorgen. Zu groß war das Interesse am Leben der indigenen Völker in Ecuador und Brasilien. Hundert Jugendliche der neunten und zehnten Klassen verfolgten gespannt in vier Gruppen den anschaulichen Filmvortrag mit bewegenden persönlichen Schilderungen.

Die Zeit war viel zu kurz, um die zahlreichen brennend aktuellen Fragen der Schüler zum Klimawandel im Amazonasgebiert, nach „Fracking“, aber auch zur Situation in den Schulen, nach Festen, Heirat und Lebenssituation in dem 1400 Einwohner zählenden Dorf zu beantworten.

Leben unter Palmblattdächern

„Obwohl wir im Regenwald leben, so sind wir doch über Internet gut vernetzt und informiert über den Rest der Welt“, meinte die couragierte 47-Jährige, deren lange schwarzglänzenden Haare bis über die Hüfte reichten. Patricia lebt mit ihrer Familie, darunter auch die sechsjährige Tochter und der 93-jährige Vater, in einfachen Hütten unter Palmblattdächern und schläft in Hängematten.

Die Kichwa-Indianer leben im Einklang mit Bäumen und Flüssen. Sie verfügen über sauberes Quellwasser und ernähren sich von Wild, Fisch, Obst und Maniokwurzeln.

„Wir haben eine eigene Verwaltung, Justiz, Polizei, Gemeinderat und einen zentralen Platz für Internet“, erzählte Patricia den Schülern.

Das Leben im Urwald scheine paradiesisch, sei jedoch seit den 70er-Jahren bedroht von Staudammprojekten, Erdölbohrungen und den Interessen amerikanischer, europäischer und chinesischer Firmen. Daher reist die Indianerin als Vertreterin und Sprachrohr ihres Volkes rund um den Globus - von der UN-Konferenz indigener Völker in New York bis zur Weltklimakonferenz in Paris - und nach Neuenkirchen, um die Jugendlichen zu informieren.

Konflikte im Dorf

Fasziniert lauschten die 14- bis 17-Jährigen, als die Vortragende von den Konflikten im Dorf berichtete. Der ecuadorianische Staat vergab Lizenzen für die Ölförderung, jedoch ohne vorherige Rücksprache mit der Gemeinde. „Das Land gehört den Menschen, doch die Regierung beansprucht die riesigen Erdölvorkommen“, erläuterte Patricia.

„Wir kämpfen und schützen unser Territorium“, beschloss damals die Dorfgemeinschaft beim Einmarsch von Militär und Polizei. Der Kriegszustand dauerte von 1989 bis 1992. Die Indianer kämpften im undurchdringlichen Amazonasgebiet mit Macheten, Giftpfeilen, Codewörtern und erreichten - was niemand für möglich gehalten hatte - den Rückzug der überraschten Soldaten.

Regierung entschuldigte sich

Die Indianer klagten trotzdem und gewannen zehn Jahre später den Prozess vor dem Gerichtshof für Menschenrechte. Die Regierung entschuldigte sich öffentlich. „Sie haben jedoch nichts gelernt und vergeben weiter Lizenzen“, bedauerte die mutige Frau.

Patricias Wunsch für die Zukunft lautet: „Wir wollen in Ruhe leben ohne Erdölfirmen und Umweltverschmutzung, dafür mit traditionellen Werten, Heilmethoden, unserem ausgewogenen Gesundheitssystem, organischer Ernährung und alternativen Solarenergien.“

Auf ihrer Deutschlandreise wird die Südamerikanerin begleitet von Regina Wildgruben als Beauftragte für die Weltkirche im Bistum Osnabrück und der Übersetzerin Monika Hoppe-Fliß. Am 2. Dezember ist die nächste Gerichtsverhandlung in Costa Rica, wo Patricia Gualinga wieder für die indigenen Völker sprechen wird.


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