30.11.2016, 13:41 Uhr

Vom Wagnis eigenständigen Denkens Vortrag in Melle: Comenius zwischen Tradition und Moderne

Über den Theologen und Pädagogen Comenius referierte Hans-Georg Haarmann auf Einladung von Marlies Meyer im Gemeindehaus St. Petri. Foto: Petra RopersÜber den Theologen und Pädagogen Comenius referierte Hans-Georg Haarmann auf Einladung von Marlies Meyer im Gemeindehaus St. Petri. Foto: Petra Ropers

Melle. Nicht nur Martin Luther steht im Fokus des angebrochenen Reformationsjahres. Einen verwandten Geist stellte Referent Hans-Georg Haarmann auf Einladung des „Petri-Forums“ im Gemeindehaus vor.

Johann Amos Comenius sei kein Mann, über den dicke Bücher geschrieben würden, räumte Marlies Meyer als Initiatorin des Vortragsabends ein. Dabei leistete er als Mittler zwischen altem und neuem Denken durchaus Erstaunliches. Mitten in den Wirren des 30-jährigen Krieges bereitete er einer neuen Pädagogik den Weg. Lernen mit allen Sinnen, in der Muttersprache statt ausschließlich in Latein, ohne Züchtigungen der Schüler und ihrem Alter und Geschlecht angepasst: Seine pädagogischen Grundsätze waren für seine Zeit geradezu revolutionär.

Theologe und Pädagoge

Doch Comenius, geboren 1592 in Südostmähren, war nicht nur Pädagoge. Er war vor allem anderen Theologe und bis zu ihrer Zerschlagung Bischof der Unität der Böhmischen Brüder. In der Würdigung seines Lebenswerkes schlug Hans-Georg Haarmann, selbst passionierter Pädagoge und bis zu einer Pensionierung Lehrer am Meller Gymnasium, einen weiten Bogen von Babylon über die griechische Antike bis zur Renaissance.

„Vom Weltbild zur Weltanschauung“ überschrieb er seinen Vortrag, der vor allem eines verdeutlichte: „Comenius ist es wert, sich intensiver mit ihm zu befassen.“ Denn Comenius leistete mehr, als „nur“ didaktische Werke und Lehrbücher zu schreiben. In einer Zeit, die noch geprägt war von einem ideellen Verständnis der Welt, blickte er auf das Reale. Der Mensch – und insbesondere der Schüler – sollte nicht mehr nur reproduzieren und repetieren, sondern sich selbst ein Bild der Welt machen.

„Wage zu denken“

Ausdruck fand diese Forderung unter anderem in einer von Comenius erstellten Karte Mährens, die nicht mehr der geistlichen Symbolik, sondern der realen Orientierung diente. Doch Voraussetzung für die eigene Anschauung der Welt war und ist eine breite Bildung. Die Schule solle „alle alles“ lehren, forderte Comenius deshalb. Nicht die ideell zusammengesetzte Welt, sondern ihre Realien standen dabei für ihn im Mittelpunkt – etwa in seinem „Orbis sensualium pictus“, das als erstes bilinguales Schulbuch mit lateinischen und muttersprachlichen Texten in ganz Europa Verbreitung fand.

Darin sei Comenius sogar der Moderne voraus gewesen, merkte der Referent kritisch an: „Heute haben wir nicht einmal ein europaweit einheitliches Mathematikbuch.“ Die Welt nicht als Gegenstand gelehrter Dispute, sondern als Objekt der eigenen Anschauung und Erforschung: Aus dem herrschenden Zeitgeist brach Comenius mit dieser Ansicht ebenso aus wie wenige Jahrzehnte zuvor Martin Luther. Seine Forderung „Wage zu denken!“ ist auch fast 350 Jahre nach seinem Tod noch von ungebrochener Aktualität.


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