21.01.2016, 14:38 Uhr

Hochbegabt – was nun? Hochbegabte Meller Studentin Catharina kann nicht lügen

Für die hochbegabte Catharina war es ein weiter Weg zum Studium. Foto: Jens Kalaene/dpaFür die hochbegabte Catharina war es ein weiter Weg zum Studium. Foto: Jens Kalaene/dpa

Melle. In unserer vierteiligen Serie zur Hochbegabung stellen wir heute Catharina (Name geändert) vor. Sie kann nicht lügen. Mittlerweile studiert die 20-Jährige. Doch der Weg dahin war tränenreich.

Als Catharina in der Fünften aufs Gymnasium kam, war das Urteil schnell gefällt: „Dieses Kind gehört hier nicht hin. Es kann nicht lesen und schreiben.“ Doch dieses Kind war hochbegabt, wie sich später herausstellte. Das hat die Schulzeit nicht gerade leichter gemacht.

Schon als Baby wollte sie die Welt wahrnehmen

Als Baby hat die heute 20-Jährige sich im Kinderwagen immer hingesetzt, wollte die Welt da draußen wahrnehmen. Später fiel ihr in der Schule auf: „Die anderen Kinder machen immer nur den Zettel, den der Lehrer ihnen gibt. Die sehen gar nicht die Vögel, die am Himmel fliegen oder den Hausmeister, der den Müll aufsammelt. Das sehe nur ich.“

Catharina hat stets sehr genau beobachtet, viele Eindrücke abgespeichert. Neulich erst, da waren sie im Kino und Catharina zitierte hinterher dieses und jenes, als hätte sie das Drehbuch auswendig gelernt. „Wie kannst du dir das nur alles merken?“, fragen ihre Freunde dann und irgendwie weiß Catharina das selbst nicht genau. Nur, dass es eben funktioniert, wenn sie etwas interessiert.

Wehe, wenn nicht. Dann muss der Lehrer einer Grundschülerin erklären, warum man das jetzt braucht, warum Mathe wichtig ist oder immer auf den Linien zu schreiben. Sie erklären es besser überzeugend, denn wenn Catharina etwas nicht einleuchtet, ist sie dazu kaum zu bewegen.

Lösungsweg fehlt

Das mit den Linien kam daher, dass die kleine Catharina erhebliche motorische Defizite hatte, über ihre eigenen Füße stolperte, den Stift nicht richtig halten konnte, nichts ausmalen oder ausschneiden. Und Mathe, nun ja, hatte sie mal die richtige Lösung, konnte sie den Weg dahin nicht beschreiben und welcher Lehrer glaubt einem dann schon, das man wirklich selbst gerechnet hat.

Manche finden das gut, andere plump und dreist

Schließlich wurde bei Cathi eine Lese-Rechtschreibschwäche attestiert, einhergehend mit Konzentrationsschwierigkeiten. Aber auch eine hohe Intelligenz in den Bereichen Logik und Eloquenz (Sprachvermögen). Genutzt hat das nicht viel. Bis zum Abi hat das Mädchen drei Gymnasien besucht.

Erst als ihre Hochbegabung erkannt wurde, IQ bei 130, wurde es langsam besser. Bis dahin waren Hausaufgaben eine Tortur. Für das Kind und die Mutter: „Cathi kam heulend aus der Schule und ich heulend von der Arbeit, weil keiner Bock auf die Hausaufgaben hatte. Drei oder vier Stunden Hausaufgaben nach einer Stunde Kampf ums Essen.“

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Das war die Phase als Catharina von einem Jungen in der Schule und auch in der Freizeit gemobbt wurde. Irgendwann wollte sie weder trinken noch essen, wurde apathisch. Später stellte sich heraus, es ging gar nicht um ihre Andersartigkeit, der Junge mochte sie eigentlich sogar sehr gerne, fühlte sich aber von Cathi abgewiesen.

„Cathi ist anders. Entweder man liebt sie oder hasst sie“, sagen ihre Freunde. Viele sind es nicht, typisch für Hochbegabte. Ob das an der unverstellten Art liegt? „Ich bin halt ziemlich offen und direkt. Manche finden das gut, andere plump und dreist.“ Lügen kann sie eigentlich gar nicht, Sachverhalte zu beschönigen oder aus Freundlichkeit etwas zu verschweigen fällt ihr schwer. „Die Spaghetti schmecken scheiße, Oma!“ – für Catharina war das als Kind nichts weiter als eine sachliche Feststellung. Oma klappte die Kinnlade runter. Peinliches Schweigen am Tisch. Dann: „Typisch Cathi.“ (Lesen Sie auch: Meller Hochbegabte haben oft soziale Probleme)

Das erzählt sich heute mit Abstand alles so leicht, aber wenn eine Sechsjährige beschließt, nicht mehr katholisch sein zu wollen – nicht aus einer Laune heraus, sondern weil sie wie immer viel darüber nachgedacht und alle Aspekte, jedes Für und Wider gewogen hat – , dann muss die Mutter dreimal zur Stadtverwaltung laufen, weil ihr da keiner glaubt, dass eine Erstklässlerin dazu eine Meinung hat, eine dezidierte sogar.

Nervig für Mitschüler

Permanentes Infragestellen, insbesondere von Respektspersonen, kommt insbesondere bei Respektspersonen meist gar nicht gut an. „Wissbegieriges Hinterfragen“ nennt Catharina das. Für sie müssen sich Menschen Respekt verdienen, dann sind sie Respektspersonen, nicht qua Amt, Titel oder Macht: „Für mich sind die erst intelligent, wenn sie das bewiesen haben. Ich brauche keine leeren Aussagen wie ‚weil man das so macht‘, ich brauche das untermauert und fundiert“. Das ist für Erwachsene oft bedrohlich, weil es ihre Autorität infrage stellt. Und für die Mitschüler nervig, weil keiner nachvollziehen kann, was die Cathi jetzt schon wieder hat. Mit 20 Prozent der Stimmen gewann Catharina in ihrem Abi-Jahrgang die Abstimmung „Wer stellt die dümmsten Fragen?“ Das Abitur hat die Hochbegabte mit 3,0 abgeschlossen.

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Ihren eigenen Kopf hat die Studentin noch heute. Als sie noch ein Kind war, lag säckeweise Schnee in der Tiefkühltruhe, weil die Kleine sich nicht damit abfinden konnte, im Sommer statt Winter Geburtstag zu haben. Heute hat sie vor allem aus den Reaktionen ihrer Umwelt gelernt, sich hie und da anzupassen. „Wenn mich jemand kritisiert und ich komme zu dem Schluss, das stimmt, dann versuche ich daran zu arbeiten“. Zum Beispiel, dass sie besser reden als zuhören könne.

Den Satz „Wie kommst du da jetzt wieder drauf?“, hört sie schon ihr Leben lang, wenn sie mal wieder thematisch hin und her springt. Andererseits ist sie sehr emphatisch (einfühlend) und verfügt über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. (Lesen Sie auch: Mellerin betreut Hochbegabte)

Ihre Mutter erkennt sich in der Tochter in vielem wieder. Sie hat reichlich investiert, um die Tochter zu unterstützen. Nur Gott weiß, wie oft sie in die Schule zitiert wurde. Aber: „Ich habe immer schon gesagt: ich weiß, dass sie das kann. Und nun hat sie ihren Weg gemacht.“ Aber nur, sagt Catharina, „weil ich so eine tolle Mutter hatte, die sich so sehr mit mir auseinander gesetzt hat. Sonst wäre ich heute nicht, wie ich bin.“

„Hochbegabte, das sind 13-Jährige, die in Harvard studieren“

Als hochbegabt empfindet sie sich allerdings irgendwie immer noch nicht so richtig. „Hochbegabte, das sind 13-Jährige, die in Harvard studieren“, sagt Catharina. Sie ist einfach nur sie. Ein bisschen anders, aber normal. Typisch Cathi.


Die Definition von Hochbegabung in Deutschland: Wer den IQ-Mittelwert von 100 um bis zu 15 Punkte über- oder unterschreitet ist normal begabt. Wer die Standardabweichung von 15 um das Zweifache übertrifft, gilt als hochbegabt, sprich ab einem IQ von 130.

Beratung für Hochbegabte gibt es in Melle in der Pädagogischen Praxis Melle von Kerstin Conen , in Osnabrück beim Verein Grips & Co.

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