24.11.2016, 09:10 Uhr

Ungewöhnliche Angewohnheit Student läuft barfuß durch die Straßen von Lingen


Lingen. Theaterpädagogikstudent Malte Cremer-Lutz läuft (fast immer) barfuß. Ob Schnee, Regen oder Kieselsteine – das alles stört ihn in Lingen überhaupt nicht. Wir haben mit dem 25-Jährigen darüber gesprochen und bei seinen Kommilitonen nachgefragt, was sie davon halten.

Von Wilfried Roggendorf und Jessica Lehbrink


Wenn Malte Cremer-Lutz durch Lingen geht, schauen viele andere Passanten verwundert auf den 25-Jährigen. Denn der Theaterpädagogikstudent läuft (fast immer) barfuß.„Die wenigsten sprechen mich darauf an, aber ich bekomme im Vorbeigehen mit, wie die Leute hinter meinem Rücken tuscheln“, sagt Cremer-Lutz, den auch Schnee und Regen nicht in die Schuhe zwingen.
Foto: dpa
 
„Außer es handelt sich um die Polizei“, fügt der Student schmunzelnd hinzu. Denn die Beamten würden ihn schon häufiger – natürlich ergebnislos – auf Drogen kontrollieren. „Und als ich einmal auf einer Brücke stand, haben Polizisten mich für einen Selbstmörder gehalten“, berichtet Cremer-Lutz. Die Beamten hätten in ihrer Ausbildung gelernt, dass viele suizidgefährdete Menschen, die von Brücken springen wollten, sich vorher die Schuhe ausziehen würden.
Doch der Theaterpädagoge ist voller Lebensfreude und erklärt, wie es überhaupt zu seiner ungewöhnlichen Angewohnheit gekommen ist. „Angefangen hat das im achten Schuljahr. Da habe ich regelmäßig meine Schuhe verloren.“ Einmal habe er sie in der Bahn stehen lassen und zweimal seien sie ihm beim Fußball geklaut worden. Sein Opa habe dann gesagt: „Der Junge muss es mal lernen“, und ihm zwei Wochen lang keine neuen Schuhe gekauft.
„Es war im Sommer, nicht kalt, und ich habe gemerkt, dass barfuß zu laufen gar nicht so schlimm ist"
Die Folgen dieser „entschiedenen Erziehungsmaßnahme“, wie Cremer-Lutz es nennt, hat sein Opa wohl nicht geahnt. „Es war im Sommer, nicht kalt, und ich habe gemerkt, dass barfuß zu laufen gar nicht so schlimm ist“, berichtet der 25-Jährige.
Foto: Daniel Benedict
 
Und an seiner Schule habe er auf einmal ein Alleinstellungsmerkmal besessen. „An meinem kleinen Landgymnasium in Baden-Württemberg war ich nur noch ‚der ohne Schuhe‘“, erinnert sich Cremer-Lutz. Darauf sei er ein wenig stolz gewesen.
Seitdem ist der Student barfuß unterwegs. Zwei Paar Schuhe besitzt er trotzdem. „Ein Paar Laufschuhe, weil Joggen auf hartem Asphalt ohne schlecht geht“, sagt Cremer-Lutz. Und dann gebe es da noch ein Paar für „gehobene Anlässe“. Das Barfußlaufen sei reine Gewohnheitssache und diene auch der Gesundheit. „Der Fuß ist ohne Schuhe viel beweglicher und wird besser durchblutet“, betont der 25-Jährige.
Angst davor, in etwas Scharfes oder Spitzes zu treten, hat Cremer-Lutz nicht. „Ich schaue immer auf den Boden“, erklärt er. Und dies hat sogar noch einen angenehmen Nebeneffekt: „Auf die Art finde ich viel Kleingeld“, sagt der Student. Außerdem vermeide er nach Möglichkeit, über Schotterwege zu gehen.
„Ich erfahre viel über die Sauberkeit einer Stadt, wenn ich mir abends meine Fußsohlen anschaue“
„Ich erfahre viel über die Sauberkeit einer Stadt, wenn ich mir abends meine Fußsohlen anschaue“, sagt Cremer-Lutz, der sich in dieser Hinsicht in Lingen eigentlich wohlfühlt.
Foto: dpa
 
Prinzipiell sei das Barfußlaufen nicht unhygienischer als mit Schuhen. „Obwohl der Besuch großer öffentlicher Toilettenanlagen manchmal nicht so erfreulich ist“, fügt er hinzu.
Cremer-Lutz studiert seit 2014 in Lingen Theaterpädagogik. Davor hat er unter anderem ein Praktikum an einem Heilbronner Theater absolviert und ein Jahr Freiwilligendienst in Nepal geleistet. Und dort hat er mit seiner Angewohnheit eine ganz andere Erfahrung gemacht. „Füße gelten im Hinduismus als unreiner Körperteil. Daher war es in Nepal schwieriger, barfuß zu laufen, als hier in Lingen“, sagt der 25-Jährige, bevor er sich wieder auf den Weg durch die Straßen der Stadt Lingen macht – barfuß, versteht sich . . .
Dass er für seine Art des Gehens erstaunte Blicke erntetet, stört den Studierenden nicht. Aber was sagen die anderen über Cremer-Lutz?

Foto: Lehbrink

Jana Riesberg, 26 Jahre: „Ich würde nicht barfuß laufen, weil ich Schuhe viel zu toll finde und ich es zu kalt finden würde, gerade jetzt im Herbst und im Winter. Im Sommer geht es noch. Da läuft man ja auch mit offenen Schuhen. Außerdem könnte man sich beim Barfußlaufen auch bestimmt verletzen.“

 

Christian Otto, 22 Jahre:„Ich würde nicht barfuß laufen, weil es mir in Deutschland einfach zu kalt dafür ist. Man könnte außerdem in Steine oder in Scherben treten. Wenn es schön warm ist, läuft man schon gerne mal barfuß, aber dann vielleicht eher am Strand oder auch auf dem Rasen. Es wäre mir, so glaube ich, insgesamt gesehen zu unpraktisch.“

Foto: Lehbrink
 
 
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Milena Kasnitz, 19 Jahre: „Barfuß laufen an sich kann ich schon nachvollziehen, aber eher nicht an öffentlichen Plätzen und vielleicht auch nicht unbedingt im Winter. Das wäre mir doch etwas zu kalt. Vielleicht schon eher zu Hause oder auch im Sommer. Oder wenn man einfach nur in die Garage geht.“

 

Michail Bytschkov, 20 Jahre: „Ich bin es eigentlich gewohnt, barfuß zu laufen. Ich finde es sehr angenehm. Das Problem dabei ist vielleicht nur die soziale Anerkennung und natürlich das Klima. Ich komme aus Kasachstan. Da herrschen im Sommer Temperaturen etwa zwischen 30 und 40 Grad. Da ist es dann in meiner Heimat vollkommen normal, auch einmal barfuß zu laufen.“ 

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Foto: Lehbrink
 

Lucas Geers, 21 Jahre: „Ich würde nicht barfuß laufen, alleine schon aus dem Grund, dass es mir viel zu kalt wäre und man in irgendetwas hineintreten könnte. Außerdem sieht es ziemlich ungewöhnlich aus, und es ist daher auch eine Frage, inwiefern man auffallen und Aufmerksamkeit haben möchte.“

 

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