29.10.2016, 17:42 Uhr

Forderung: Sofort abschalten 700 Atomkraftgegner demonstrieren in Lingen friedlich


Lingen. Bei einer Demonstration am Samstag, 29. Oktober 2016, haben 700 Teilnehmer die sofortige Abschaltung aller Kernkraftwerke und der Atomfabriken in Lingen und Gronau gefordert.

Zu der Demonstration hatte ein Trägerkreis von zehn verschiedenen Anti-Atomkraftbündnissen aufgerufen, der nach eigenen Angaben von über 100 weiteren Organisationen und Verbänden unterstützt wurde.

Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis „Münsterland gegen Atomanlagen“ begründete in seiner Rede die Forderung der Demonstranten, vor allem die Brennelementefabrik von Areva in Lingen zu schließen. „ Bundesumweltministerin Barbara Hendricks kritisiert den Weiterbetrieb der unsicheren Reaktoren im belgischen Doel und im französischen Fessenheim und unterschreibt gleichzeitig die Exportgenehmigung für Brennelemente aus Lingen dorthin.“ Dies sei ein Widerspruch. Eickhoff wies auf einen seiner Ansicht nach weiteren Widerspruch hin: „Wir wissen nicht, wohin mit dem Atommüll, produzieren hier aber munter weiter.“

Diesen Aspekt und die Gefahren der Atomkraft allgemein unterstrichen mehrere der insgesamt acht Redner, darunter auch welche aus Belgien, Frankreich und Russland. Aber auch Redner aus der Region kamen zu Wort. Christina Burchert vom „Arbeitskreis Umwelt“ aus Schüttorf betonte, dass ihr Wohnort im Falle eines Reaktorunfalls im Kernkernkraftwerk Emsland im Evakuierungsbereich liege. „Bei einem Reaktorunfall versagt jeder Katastrophenschutz. Wirklichen Schutz bietet nur sofortiges Abschalten.“

Auch Burchert griff die Atommüllproblematik auf. Der Rückbau des alten Kernkraftwerkes Lingen habe begonnen, obwohl es kein Endlager gibt. „Der Müll wird jetzt im Keller des Reaktorgebäudes gelagert“, sagte sie. Weiter übte Burchert Kritik an Andreas Hoff, Werksleiter der Brennelementefabrik von Areva in Lingen. „Ihm ist es egal, wo der Atommüll bleibt“, behauptete Burchert. Von ihr im August gestellte Fragen an die Geschäftsführung seien bis heute unbeantwortet geblieben und ein Gespräch sei abgelehnt worden. „So sieht also Offenheit bei Areva aus“, meinte die Schüttorferin.

Hoff betone auch immer wieder, dass Demonstrationsteilnehmer nicht aus Lingen, sondern von weit her kommen würden. „Ja, Herr Hoff, einige Menschen kommen von weit her, um deutlich zu machen, dass die Schrottreaktoren in Belgien, Frankreich und anderswo mit Brennelementen aus Lingen am Laufen gehalten werden“, sagte Burchert. Sie versicherte, nicht gegen den Erhalt von Arbeitsplätzen zu sein. „Qualifizierte Arbeitnehmer werden noch jahrelang mit dem Rückbau von Atomanlagen beschäftigt sein.“ Außerdem fordere sie seit Jahren, frühzeitig Konversionsmaßnahmen zu ergreifen.

Einziger emsländischer Redner war der Arzt Jürgen Bretschneider aus Papenburg, Mitglied im Arbeitskreis Atomenergie der „Ärzte gegen Atomkrieg und in sozialer Verantwortung“. Er kritisierte, dass das beim Rückbau des alten Lingener Atomkraftwerks anfallende Wischwasser in die Ems geleitet und radioaktiv kontaminierter Müll auf die Deponie in Dörpen gebracht werde.

Auch Bretschneider sprach die Endlagerproblematik an. Mit den Worten „Was sich in Gorleben abspielt, war ursprünglich für das Emsland gedacht“, erinnerte er daran, dass der Salzstock Wahn bei Wippingen schon in den 1970er-Jahren als Standort für ein Endlager in der Diskussion gewesen sei und wieder in die Diskussion kommen könne.

Udo Buchholz vom „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ zog ein positives Fazit der Demonstration. „Das waren deutlich mehr Teilnehmer als bei den letzten Malen. Hoffentlich kommt das Signal in Berlin an.“ Matthias Eickhoff stimmte dem zu. „Die Demonstration heute hat eine neue Qualität für den Anti-Atom-Protest in die Region gebracht.“ Eickhoff verwies auf die geschlossene Haltung der Aachener Lokalpolitik gegen den Betrieb der belgischen Reaktoren Doel und Tihange 2. „Es ist schön, wie dort alle an einem Strang ziehen“. Die Anti-Atom-Bewegung sei kein Reservat für Linke und Grüne. „Atomkraftgegner können aus allen Parteien kommen.“ Es wäre schön, wenn bei der nächsten Demonstration auch der emsländische Landrat Reinhard Winter und Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone sprechen würden.

Aus Sicht der Polizei war die Veranstaltung ebenfalls ein Erfolg. „Insgesamt kann von einem durchweg friedlichen Verlauf der Veranstaltung gesprochen werden“, teilte die Polizei mit. Ihre anfängliche Schätzung von 260 Teilnehmern korrigierte die Polizei im Verlauf der Demonstration deutlich nach oben und bestätigte die von den Veranstaltern genannte Zahl von 700. „Viele sind später hinzugekommen oder haben bereits auf dem Lingener Marktplatz auf den vom Bahnhof kommenden Demonstrationszug gewartet“, begründete ein Polizeisprecher dies. Nach Veranstaltungsende sei die Abreise schnell und ohne Zwischenfälle erfolgt. Neben Beamten aus dem Inspektionsbereich seien zwei Züge der Bereitschaftspolizei Oldenburg sowie Bundespolizisten und Hundeführer im Einsatz gewesen.

Nach Ansicht des Umweltministeriums in Hannover ist der Weiterbetrieb der Brennelementefabrik in Lingen eine „Inkonsequenz der Beschlüsse zum Atomausstieg“. Landesumweltminister Stefan Wenzel (Grüne) nannte die Anlage verzichtbar. Die Produktion von Brennelementen müsse in den Atomausstieg einbezogen werden, forderte er.

Das Unternehmen Areva, das in Lingen rund 300 Menschen beschäftigt, erklärte: „Nach der Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke im Jahr 2022 ist nur eine exportorientierte kerntechnische Industrie in der Lage, die notwendigen Kompetenzen für sicheren Rückbau und Zwischenlagerung, aber auch für Medizin und Forschung in Deutschland zu erhalten.“


6 Kommentare