17.11.2010, 14:26 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Fachtagung der JVA Lingen Welche Rolle spielt der „Tatort Gehirn“?

Auf großes Interesse stieß die Fachtagung „Tatort Gehirn“ der JVA Lingen. Im Bild (von links): Dr. med. Ansgar Siegmund, Dr. Hermann Josef Bausch, Luise van Wieren (JVA Lingen, sozialtherapeutische Abteilung), Roland Schauer (Leiter der JVA Lingen), Dr. Adelheid Kastner, Ulla Haar (1. Bürgermeisterin der Stadt Lingen und Vorsitzende des Vereins für Sozialtherapie Lingen e.V.), Bernd Wischka (Leiter der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Lingen). Foto: JVAAuf großes Interesse stieß die Fachtagung „Tatort Gehirn“ der JVA Lingen. Im Bild (von links): Dr. med. Ansgar Siegmund, Dr. Hermann Josef Bausch, Luise van Wieren (JVA Lingen, sozialtherapeutische Abteilung), Roland Schauer (Leiter der JVA Lingen), Dr. Adelheid Kastner, Ulla Haar (1. Bürgermeisterin der Stadt Lingen und Vorsitzende des Vereins für Sozialtherapie Lingen e.V.), Bernd Wischka (Leiter der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Lingen). Foto: JVA

Lingen. „Tatort Gehirn“ hieß der Titel einer Fachtagung, zu der die Sozialtherapeutische Abteilung der JVA Lingen in das IT-Zentrum an der Kaiserstraße eingeladen hatte. Dabei ging es unter anderem um die Frage, welche neurologischen Befunde zur Erklärung kriminellen Verhaltens herangezogen werden können.

Durch die Tagung führte die Sozialpädagogin Luise van Wieren, die federführend mit der Organisation der Tagung betraut war. Diese war mit rund 200 Teilnehmern aus den Bereichen Justizvollzug und Sozialtherapie, Maßregelvollzug, Polizei, Staatsanwaltschaft und ambulanter Justizsozialdienst sehr gut besucht. Auch Lehrer aus Lingener Schulen, Ärzte und Mitarbeiter aus Behinderteneinrichtungen nahmen teil.

Die Tagung wurde vom Staatssekretär des niedersächsischen Justizministeriums, Dr. Jürgen Oehlerking, eröffnet. Er berichtete zunächst, dass das Ziel, jede der großen Anstalten des geschlossenen Vollzuges mit einer sozialtherapeutischen Abteilung auszustatten, beinahe erreicht sei. Es gäbe jetzt ca. 300 Behandlungsplätze in zehn sozialtherapeutischen Einrichtungen Niedersachsens, davon 46 in Lingen.

Zum Schutze der Allgemeinheit seien hier erhebliche Anstrengungen unternommen worden.Im Hinblick auf den gegenwärtig intensiv diskutierten Umgang mit Sicherungsverwahrten besteht nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gesetzgeberischer Handlungsbedarf. Dr. Oehlerking gab der Hoffnung Ausdruck, dass die Erkenntnisse der Neurobiologie, die gegenwärtig das Verständnis von Psychotherapie erheblich erweitern, auch die Behandlungskonzepte der sozialtherapeutischen Einrichtungen im Umgang mit Tätern, die schwere Verbrechen begangen haben, bereichern. Er sprach den Bediensteten der JVA Lingen Anerkennung für ihre engagierte Arbeit in der sozialtherapeutischen Abteilung aus und dankte für die Planung und Gestaltung der Tagung.

Diese gab weitreichende Einblicke in die Zusammenhänge zwischen neurobiologischen Phänomenen und Straftaten, die sowohl für die Diagnose und Prognose als auch für die Therapie von Bedeutung sind. Verfehlt wäre aber nach Auffassung von Psychologe Bernd Wischka, Leiter der Sozialtherapie, die Annahme, dass genetisch bedingte oder durch Umwelteinflüsse erworbene Veränderungen der Hirnstruktur kriminelles Verhalten einseitig determinieren.

Kriminelles Verhalten müsse immer als Produkt zwischen biologischem Erbe und Umwelt- bzw. Erziehungseinflüssen verstanden werden. Damit würden auch Handlungsräume für therapeutische Veränderungen eröffnet. Die neue Sichtweise werde, so Wischka, in Zukunft auch die Behandlungsmethoden für Straffällige erweitern.

Der Auftritt von Dr. Joe Bausch war für Liebhaber von Kriminalfilmen ungewohnt, die ihn bisher nur als den Pathologen Dr. Joseph Roth im Kölner „Tatort“ erlebt haben. Er ist im „wirklichen Leben“ Arzt für Allgemeinmedizin in der Justizvollzugsanstalt Werl und Vertragsarzt im nordrhein-westfälischen Vollzugskrankenhaus Fröndenberg. Mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär und anderen Tatort-Kollegen hat er den Verein „Tatort – Straßen der Welt“ gegründet, der sich für Straßenkinder und ihre Rechte einsetzt.

Als gern gesehener Gast der Tagung hat Manfred Karremann, der bereits zahlreiche fachlich fundierte Reportagen über sexuellen Missbrauch und andere Themen für das Fernsehen gemacht hat, die Tagung mit seiner Kamera begleitet. Erst vor wenigen Wochen gab er in der Sendung 37 Grad Einblicke die Arbeit in der Sozialtherapie Lingen.


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