27.10.2012, 11:24 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Traumjob gefunden Nicole Heine aus Lingen ist Truckerin


Lingen. Es brummt laut, als um halb vier morgens der Arbeitstag für Nicole Heine beginnt. Der 15 Meter lange Lkw mit einem maximalen Ladegewicht von 25 Tonnen hat an diesem Tag Maschinenteile geladen, die Heine zu den Claas-Werken nach Harsewinkel fährt. Seit fast zehn Jahren sitzt sie im Führerhaus eines Lkw und hat darin ihren Traumberuf gefunden.

„Damals hat niemand damit gerechnet, dass ich den Lkw-Führerschein mache“, erzählt die 36-Jährige. Nach sechs Jahren gab die Lingenerin ihren Beruf als Lageristin auf, um Lkw zu fahren. Auf die Idee sei sie durch Schausteller in ihrem Bekanntenkreis gekommen: „Onkel Alli hat mich das Fahren einmal probieren lassen. Seitdem kann ich damit nicht aufhören“, sagt sie.

Dass sie gerade einmal 1,56 Meter groß ist, fällt kaum auf, wenn sie hinter dem Steuer des großen Wagens sitzt. Manchmal wird ihre Größe allerdings doch zu einem Problem. Doch „Not macht erfinderisch“, sagt Heine und nimmt einen Besen zur Hilfe, um die Spanngurte über die Ware legen zu können.

Viele Kolleginnen hat Heine nicht. Ulrich Hoefner, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Osnabrück-Emsland vom Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN), schätzt, dass der Anteil von Frauen unter den Lkw-Fahrern bei etwa fünf Prozent liegt: „Allerdings mit steigender Tendenz.“ Die geringe Zahl hat Heines Meinung nach zum einen private Gründe und zum anderen „gibt es wohl einfach weniger Frauen, die Spaß am Fahren haben. Es dürfte ruhig mehr Fahrerinnen geben. Das ist alles Übungssache, und Frauen können das genauso gut.“ Davon seien auch ihre Kollegen überzeugt. „Viele loben mich und manche sagen sogar, ich fahre besser als viele Männer.“ Und ihr Kollege Hermann Fröhlich ergänzt: „Frauen sind zwar eher eine Ausnahme in diesem Beruf, aber sie können nicht unbedingt besser oder schlechter fahren als die Männer.“

Viele Länder gesehen

Doch nicht alle, denen Heine begegnet, sind Frauen in diesem Beruf gegenüber so aufgeschlossen, es habe auch schon sehr negative Reaktionen gegeben. „Ich musste mir tatsächlich anhören, dass ich den Männern die Arbeit wegnehme und dass Frauen in die Küche gehören“, berichtet Heine ärgerlich. Das sei aber nicht in Deutschland passiert. Zu Beginn ihrer Zeit als Fahrerin hat Heine bei einer schwedischen Firma gearbeitet und war in ganz Europa unterwegs. Erst seit zwei Jahren ist sie wieder in Lingen und fährt für die Spedition Peters. „Dazwischen habe ich kurz für zwei große Unternehmen gearbeitet, aber schnell wieder aufgehört, weil ich dort nur eine Nummer war“, berichtet sie. Das sei nun ganz anders. Bei 36 Kollegen gehe es sehr familiär zu. Die Fahrer haben sehr viel Kontakt untereinander und unternehmen auch einiges gemeinsam. „Das war für mich ein echter Glücksgriff. Es ist schön zu wissen, wo man hingehört“, so Heine.

Sie liebt ihre Arbeit, obwohl es auch einige Nachteile gibt. Bis sie zu Peters kam, sei sie nur alle vier Wochen zu Hause gewesen. „Mein privates Umfeld habe ich in dieser Zeit fast völlig verloren. Nun arbeite ich daran, es nach und nach wieder aufzubauen“, sagt Heine. Trotzdem sei dies eine Zeit gewesen, die sie nicht missen wolle. „Ich habe oft die Gelegenheit genutzt, mich in Ländern wie Griechenland umzusehen, und dabei viele Menschen kennen gelernt.“

Auch viele Nächte im Lkw

Als Fahrerin eine Familie zu gründen sei allerdings besonders schwer. „Da braucht man schon einen Mann, der das alles mitmacht“, meint sie. Dabei habe sie nie geplant, einmal zu heiraten und Kinder zu bekommen: „Das habe ich für mich schon vorher so entschieden.“

Trotz eines überwiegend geregelten Tagesablaufs verbringt Heine auch viele Nächte in ihrem Lkw. „Das hier ist mein Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsplatz in einem“, erklärt sie und blickt auf das Bett gleich hinter ihrem Fahrersitz. Leider fehle ihr deshalb auch oft die Zeit, um sich einen Ausgleich zu suchen. „Und wenn ich am Wochenende zu Hause bin, habe ich oft genug anderes zu tun.“

Schwierig sei außerdem das regelmäßige Essen. „An den Raststätten ist das Essen ganz schön teuer geworden. Aber wenn ich unterwegs bin, komme ich auch nicht zum Kochen.“

Die begeisterte Fahrerin kann allerdings nicht verstehen, dass sich Autofahrer ständig über Lkw auf der Straße beschweren. „Ohne uns gibt es schließlich auch nichts im Kühlschrank, keine Autos oder Steine für den Hausbau. Aber so ist das wohl immer. Wir sind auch oft von Autofahrern genervt.“ Als „geborene Fahrerin“ sieht Heine sich selbst, „nur das Umladen dauert manchmal ziemlich lange und kann nervig sein“. Bis die Ware auf- oder abgeladen werden kann, vergeht oft viel Zeit. „Aber es ist schon sehr interessant, was ich alles transportiere. Von manchen Dingen habe ich vorher noch nie etwas gehört.“

Ihre Arbeit macht Nicole Heine auf jeden Fall viel Spaß. Auch im nahenden Winter, wenn Eis und Schnee das Fahren erschweren und es mal zu einem Fahrverbot für Lkw kommt – dann wird sie halt ihren Heizlüfter aufstellen in ihrem kombinierten Wohn-und-Arbeits-Zimmer.


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