14.04.2017, 10:06 Uhr

Seit drei Jahren kein Regen Borgloher Ole Hengelbrock hilft in Dürreregion Somalias


Hilter. Seit drei Jahren hat es in Somalia nicht geregnet. Es gibt kein Wasser für die Menschen, ihre Viehherden sterben und ihre Ernte verdörrt. Ole Hengelbrock aus Borgloh ist mit der Organisation Cap Anamur vor Ort, um den Menschen zu helfen. Im Interview erzählt er von seinen Erlebnissen.

Hallo Ole, wo bist du momentan? Ich bin gerade in Hargeysa (Anm. d. R. Stadt im Norden Somalias). Das ist die Hauptstadt von Somaliland. Somaliland ist ein Staat in Ostafrika, der international aber nicht anerkannt ist.

Seit wann bist du vor Ort? Ich bin mit Cap Anamur Anfang Februar hier hergekommen.

Warum arbeitet ihr in diesem Gebiet? Im November 2016 hat der Präsident von Somaliland einen Appell an die internationale Gemeinschaft gerichtet. Seit drei Jahren hat es hier nicht geregnet. Es herrscht eine verheerende Dürre, die es hier so noch nicht gab. Es gibt wenige Organisationen, die vor Ort arbeiten. Cap Anamur hat nach wenigen Tagen begonnen, Menschen mit Wasser zu versorgen.

Kennen die Menschen die Organisation denn? Einige Menschen hier kennen Cap Anamur. Das hat mich verwundert. In den 80er und auch 90er Jahren war die Organisation schon hier, da herrschte Krieg in Äthiopien und in der Folge auch ein Bürgerkrieg. Die Menschen haben den Namen nicht vergessen und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Aber auch generell, wenn man sagt, man kommt aus Deutschland, dann wird man hier in den meisten Fällen sehr positiv wahrgenommen.

Wie war dein erster Eindruck, als du in Somalia angekommen bist? Hört man das Wort Somalia, dann hat man sofort Bilder im Kopf: Warlords, Piraterie und natürlich von der Hungersnot. Leider ist uns oft nur diese Seite der Realität bewusst. Als ich hier ankam, haben sich die Bilder sofort erweitert. Die Menschen haben mich hier willkommen geheißen und gesagt: ‚Es ist schön, dass ihr hier seid‘. Also war mein erster Eindruck hier sehr positiv.

Und der zweite…? ... der zweite Eindruck war verstörend. Wir sind in Gebiete gefahren, wo es seit drei Jahren überhaupt nicht geregnet hat. Dort wird man mit den Auswirkungen der Dürre konfrontiert. Man sieht tote Viehherden und die Skelette der Tiere. Dann merkt man, worum es hier geht. Und es tut weh zu sehen, wie die Situation hier ist und worauf es zusteuert.

Du hast ja bisher viel erlebt und viel gesehen. War der Klimawandel für dich jemals so deutlich wie jetzt in Somalia? Ich habe wirklich schon intensive Reisen gemacht. In Sierra Leone war die Ebola-Epidemie, in der Ukraine der Krieg. Dieses hier ist etwas ganz anderes. Für mich ist die Entwicklung dieses Desasters das Schlimme. Eine Dürre entsteht ja nicht plötzlich. Wir alle, die internationale Gemeinschaft sowie die Regierung hier, wir wissen, was passiert, wenn es lange nicht regnet. Die Hungersnot ist absehbar, in einigen Gebieten ist sie schon da. Doch es wird zu wenig dagegen unternommen. Man reagiert erst, wenn es zu spät ist. Spätestens jetzt, wo fast alle Tiere verstorben sind, kann doch niemand mehr sagen, man wüsste nicht wer als nächstes stirbt. Da muss man doch aufschreien: Jetzt! Jetzt ist 2017 – jetzt findet diese Katastrophe statt. Diese Passivität kann ich nicht verstehen.

Wer ist schuld an dem Desaster? Was für den einen Piraterie ist, sieht ein anderer als Reaktion auf illegale Fischerei. Die Frage kann man so also nicht direkt beantworten. Aus meiner Sicht beginnt die Katastrophe mit dem Klimawandel. Da muss man also vor allem die Industrieländer nennen. Gerade die sind aber von dem Desaster kaum betroffen. Ein Grund ist auch das Abholzen von Bäumen oder das El Niño Phänomen. Das alles hat Auswirkungen auf das Wetter hier. Der Lebensstil der westlichen Welt hat Konsequenzen. Die spüren wir in Europa nicht unmittelbar. Aber hier werden sie sichtbar, und zwar auf dramatische Weise: Menschen sterben. Das alles ist ganz weit weg von unseren heimischen Wohnzimmern, die Verantwortung aber nicht.

Also sind wir nicht ganz unschuldig an der Entwicklung in Somalia? Es ist natürlich viel zu einfach zu sagen: ‚Schuld hat die westliche Welt. Die somalische Regierung muss sich zuerst selbst fragen, wie sie ihre Bevölkerung davor geschützt hat, was sie zur Wasserversorgung getan hat, wie sie ihre Bevölkerung gestärkt hat. Es ist viel zu einfach zu sagen, ‚die westliche Welt ist an allem schuld‘. Schuld kommt jedoch, wenn wir die Verantwortung für unser Handeln nicht tragen und die Konsequenzen unseres Lebensstils nicht mindern.

Die Auswirkungen des Klimawandels siehst du vor Dir. Was könnt ihr vor Ort noch machen? Wir sind in den ersten Tagen in Regionen gefahren, wo bisher kaum jemand die Menschen unterstützt hat. Wir haben dort Wassertracks organisiert. Viele Nomaden mussten sich niederlassen, weil es kein Weideland mehr gibt und ihre Tiere fast alle verdurstet sind. Sie sind sozusagen Flüchtlinge im eigenen Land. Dort wo sie nun leben ist das Wasser sehr salzig und kaum genießbar. Deswegen versorgen wir die 13.000 Menschen täglich mit Wasser. Das ist eine logistische Herausforderung. Außerdem werden in diesem Gebiet eine mobile Klinik aufgebaut und Nahrungsmittellieferungen vorbereitet.

Wie geht es den Menschen? Wenn man eine lange Zeit ohne sauberes Wasser und ohne ausreichend Nahrung auskommen muss, dann wirkt sich das auf die Gesundheit aus. Es gibt viele Fälle von Durchfällen bei Kindern, Blutarmut, Unterernährung und auch Masern. Frauen haben Komplikationen oder verlieren mitunter die Schwangerschaft. Das Immunsystem der Menschen ist nach dieser langen Dürre sehr schwach, sie sind am Ende ihrer Kräfte. Die Menschen sind völlig erschöpft.

Ist das überall im Land so? Vor allem im Osten ist die Lage sehr drastisch, dort wirkt sich die Dürre am heftigsten aus. Umso weiter man nach Osten fährt, umso schwächer werden die staatlichen Strukturen von Somaliland. Da spielt die Frage der Sicherheit natürlich eine Rolle. Deswegen arbeiten dort wenige Organisationen. Manche Menschen haben seit Jahren keinen Europäer mehr gesehen. Die Region wurde eigentlich als No-go-Area bezeichnet. Die Menschen schätzen es, dass wir vor Ort sind. Nun suchen wir einen Weg in der Region eine Klinik aufzubauen und mit mobilen Ärzteteams zu den Menschen zu fahren.

Wie lange bleibst du noch in Somalia? In Somalia antwortet man auf so eine Frage mit: So Gott will (lacht). Ich werde im Mai in der Heimat sein, was danach passiert, kann ich nicht sagen. Wie gesagt: So Gott will.

Was macht die Arbeit vor Ort mit dir?

Zu allererst ist es ein besonderes Geschenk mit Cap Anamur etwas tun zu können. Das macht mich sehr glücklich. Aber die Lage vor Ort wühlt mich auch auf und lässt mich manchmal nicht schlafen. Kopf und Herz arbeiten viel, wenn man notleidende Menschen sieht, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Es ist verstörend zu wissen, dass Menschen verhungern und kein Wasser zu trinken haben, während ich im Überfluss ertrinke. Wenn ich dann höre, mit welchen banalen Themen wir uns in der Heimat beschäftigen, dann ist diese Diskrepanz für mich das, was mich erschöpft und mein Herz zerreißt.

Was zum Beispiel für Themen?

Probleme sollte man nicht aufwiegen. Es ist aber etwas anderes von der Hand in den Mund zu leben und nicht zu wissen, ob man morgen etwas zu essen bekommt. Wir sollten uns das vergegenwärtigen und nicht darüber aufregen, dass die Fleischtheke im Supermarkt um 22 Uhr geschlossen hat.

Kannst du deine Eindrücke denn überhaupt verarbeiten?

Wenn man in solchen Gebieten arbeitet, muss man damit umgehen können. Wenn man aber nicht schockiert ist von der Tatsache, dass Menschen verhungern oder Not leiden, dann ist etwas falsch. Sollte ich dieses Gefühl nicht mehr haben, sollte ich diesen Schmerz im Herzen nicht mehr fühlen, dann darf ich diese Arbeit nicht mehr machen.

Das ist einfach gesagt, aber wie gehst du damit um?

Es geht nicht um mich. Mir geht’s gut, ich bin gesund. Ich habe genug zu essen. Man muss sich um mich überhaupt keine Sorgen machen. Es geht um die Menschen vor Ort. Was diese Menschen hier vor Ort leisten, ist wahnsinnig, wie sie versuchen, das Beste aus ihrer Lage zu machen. Das hat einfach den größten Respekt verdient. Um mich muss man sich keine Gedanken machen.

Aus der Arbeit mit den Menschen schöpfst du also die Kraft? Ja, ganz genau. Ich sehe auch nicht immer nur das Schlechte. Die Kultur der Menschen in Somalia, ihre Werte, das gibt mir die Kraft.

Bist du gläubig?

Ja, ich habe Gottvertrauen. Über den Glauben kommt man zum Beispiel auch ins Gespräch mit den Menschen hier. Man bringt Somalia ja auch mit religiösem Fundamentalismus in Verbindung – was auch stimmt. Auf der anderen Seite sind die Menschen am religiösen Dialog auch sehr interessiert. Das Bild von Deutschland ist hier übrigens sehr, sehr positiv. Das habe ich auch in Sierra Leone und der Ukraine erlebt. Das ist uns manchmal nicht so bewusst. Diese Beliebtheit ist unsere größte Versicherung.

Wie ist das für dich, wenn du aus diesen Extremsituationen wieder in die Heimat zurückkehrst?

So richtig an die Heimat denken, kann ich noch gar nicht. Hier sagt man ‚der Morgen kommt nie‘. Deswegen ist der Gedanke auch noch so fern für mich. Aber es stimmt schon, die Rückkehr ist für mich meist der größte Kulturschock. Wenn ich in ein Land fliege, dann kann ich mich schnell einleben. Wenn ich nach Hause komme, ist es auf der einen Seite wunderschön, vor allem wenn die Liebsten um einen herum sind und Pflaumenkuchen essen. Auf der anderen Seite sind genau diese Situationen für mich so ermüdend, weil man die krassen Unterschiede sieht.

Was würdest du dir wünschen? Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wach bleiben, dass sie nicht satt und zufrieden sind im Kopf. Sie sollen sich Gedanken machen über komplexe Dinge wie den Klimawandel. Wir müssen schockiert sein, aufschreien. Das gilt gerade für die junge Generation. Womit halten wir uns auf? Wir verbringen mehr Zeit auf Facebook als mit Büchern. Posten intensiver, als einander zuzuhören. Wenn wir auf den Bus warten, dann zücken wir das Handy. Wir verlernen zu warten und kritisch zu denken. Das Beobachten der Umgebung oder der Menschen, das bleibt aus.


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