21.04.2017, 14:02 Uhr

Mitglied im Netzwerk Niedersachsen Hilfe für Gewaltopfer in Trauma-Ambulanz Haselünne


Haselünne. 2010 startete in Königslutter das erste Modellprojekt, seitdem schlossen sich mehrere weitere Kliniken dem Trauma-Netzwerk Niedersachsen an. Seit Donnerstag gehört die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne ebenfalls dazu.

Die junge Frau leidet unter einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS). Sie entscheidet sich für eine stationäre traumaspezifische Psychotherapie. Hier wird in der ersten Zeit unter anderem viel Wert darauf gelegt, ihre Symptome zu reduzieren, ihr wieder mehr und mehr Kontrolle über ihre Gedanken und die auftauchenden Bilder zurückzugeben. Sie bekommt Techniken an die Hand, wie sie mit den Albträumen umgehen kann, wie sie ihren Schlaf verbessern kann und wie sie die auftauchenden Bilder eindämmen kann.

Erinnerungen werden aktiviert

Immer mehr versteht die Patientin die Zusammenhänge: Dass insbesondere durch die Arbeit im Kindergarten ihre eigenen traumatischen Erlebnisse, die sie lange Zeit weitestgehend verdrängt hatte, wieder hochkommen. Durch die Arbeit mit den Kindern und ihre Art, sich um sie zu kümmern, werden in ihrem Gehirn Erinnerungen aktiviert, wie es ihr wohl ergangen sein muss, als sie in diesem Alter war.

Opferentschädigungsgesetz

Für Menschen wie die 17-jährige Haselünnerin, bei denen ein traumatisches Ereignis aus der Vergangenheit zum Akutproblem wird, gibt es jetzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am St.-Vinzenz-Hospital Haselünne eine Trauma-Ambulanz innerhalb des Trauma-Netzwerkes Niedersachsen. Dabei handelt es sich um ein neues Angebot für Opfer von Gewalttaten. Es erfolgt in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie im Rahmen der Durchführung des Opferentschädigungsgesetzes (OEG).

Psychisches Leiden

„Opfer von Gewalttaten wie häusliche Gewalt, Vergewaltigung oder Überfall leiden nicht nur körperlich, sondern oft auch psychisch. Hier bietet unser Angebot schnelle Hilfe durch einen Ansprechpartner im Rahmen des Trauma-Netzwerks Niedersachsen “, erläuterte Chefärztin Ulrike Schultheis das neue Angebot während eines Pressetermins, an dem unter anderen auch Dr. Stefanie Franke, Leitende Ärztin, Koordinatorin des Trauma-Netzwerks Niedersachsen, und Matthias Wehrmeyer, Fachgruppenverantwortlicher Niedersächsisches Landesamt für Soziales, Jugend und Familie, teilnahmen.

Schnelle Hilfe

Häufig sind Opfer von Gewalttaten durch die Folgen der erlittenen Gewalt psychisch stark belastet. Für die Behandlung der gesundheitlichen Folgen der Gewalttat haben die Betroffenen einen gesetzlichen Anspruch auf eine Entschädigung („Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten“). „Gerade bei psychischen Traumata ist es wichtig, so früh wie möglich eine Krisenintervention zu starten. Dauerhafte seelische Schädigungen können so vermieden werden“, betonte Schultheis. Um das zu erreichen, sichert das auf Initiative des Niedersächsischen Sozialministeriums gegründete Trauma-Netzwerk Niedersachsen den Opfern eine schnelle Hilfe innerhalb weniger Tage zu.

Die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des St.-Vinzenz-Hospitals Haselünne ist nun Teil des Netzwerks von psychiatrischen bzw. kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken, Fachabteilungen sowie Einrichtungen für medizinische Rehabilitation, die in Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie bei der Versorgung der Opfer von Gewalttaten mitwirken. Haselünne ist damit eine von landesweit insgesamt 33 ambulanten Anlaufstellen (22 für Erwachsene, elf für Kinder und Jugendliche). Das Team der Trauma-Ambulanz besteht aus den Ärzten und Psychologen der psychosomatischen Medizin. Je nach Bedarf steht aus diesem fünfköpfigen Team jemand zur Verfügung. Die Ambulanz startet ab 1. Mai 2017.

Angebot auch für Angehörige

Das Angebot richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern auch an deren Angehörige. „Unter Gewalt wie bei dem schrecklichen Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin leiden Betroffene und Angehörige. Alle können eine solche Situation als überwältigend negativ erleben und seelisch derartig stark beeinträchtigt werden, dass sich das dauerhaft verfestigt“, so Franke. Sie verglich Verletzungen der Seele mit einer Wunde. Beides brauche Zeit und Pflege, um zu heilen. Und Hilfe. „Es ist völlig normal, bei seelischer Verwundung Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei körperlichen Wunden würde man sich ja auch in ärztliche Behandlung begeben.“

Wichtig ist Franke und der Haselünner Chefärztin, zeitnah nach einem traumatischen Erlebnis und dem Wiederhochkommen eines solchen aus der Vergangenheit, ausgelöst durch eine aktuelle Begebenheit, zeitnah einen ambulanten Termin anbieten zu können. „Das Trauma darf sich nicht verfestigen und dann zu einem noch größeren Problem werden“, unterstrichen beide.

An die Klinik wenden

Betroffene können sich direkt an die Klinik wenden. Der Antrag kann auch dort ausgefüllt und an das Landesamt weitergeleitet werden. „Die Hilfe steht im Vordergrund. So wird schnell festgestellt, ob ein Risiko für die Entwicklung von Langzeitfolgen besteht, und welche Maßnahmen erforderlich sind“, betonte Verwaltungsdirektor Walter Borker.

Hilfe geleistet wird bei Schwierigkeiten im Alltag, Hilfe im Umgang mit der außergewöhnlichen Lebenssituation und den damit verbundenen oft überwältigenden Gefühlen. Beratungstermine werden, das sicherte Werner Lullmann, Geschäftsführer der St.-Vinzenz-Hospital GmbH, zu, innerhalb weniger Tage vergeben. Die Kosten für die Beratung übernimmt das Landesamt für Soziales, Jugend und Familie. Fahrtkosten können auf Antrag erstattet werden.

Info/Kontakt: St.-Vinzenz-Hospital Haselünne GmbH, Trauma-Ambulanz der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Hammer Straße 9, 49740 Haselünne, Tel. 05961/5033501.


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