20.03.2017, 16:40 Uhr

Serie „Mein Job und ich“ Haselünner Friseurin über floppende Frisuren und Vorurteile


Haselünne. Friseure quatschen den ganzen Tag und werden dafür auch noch bezahlt. Sie verpassen jedem jede x-beliebige Frisur, auch wenn sie noch so schrecklich ist, verunstalten aber nie einen Kundenkopf. Vorurteile gehören zum Beruf des Friseurs dazu wie Kamm und Schere. Mit ihnen räumt Svenja Schütte aus Haselünne auf.

Die 27-Jährige übt den Beruf der Friseurin seit zehn Jahren aus. In ihrem Salon in der Neustadtstraße erleben sie und die vier anderen Mitarbeiterinnen in der Manufaktur Friseure viel. Manchmal gehört sie zu den Ersten, die von Kunden sehr Privates erfahren: Dass zum Beispiel Nachwuchs kommt, dass eine Hochzeit ansteht.

Frau Schütte, Sie müssten mit Ihrem Job super zufrieden sein: Sie können den ganzen Tag klönen und werden dafür bezahlt ...

Natürlich ist die Kommunikation mit unseren Kunden und meinem Team ein wichtiger Punkt in unserem Beruf. Aber wir konzentrieren uns auf die beratungsrelevanten Informationen, damit wir die Kundenwünsche in Bezug auf Schnitt, Styling und Farbe optimal umsetzen können. Und ganz ehrlich: Über ein nettes Gespräch freut sich doch jeder.

Man sagt ja, Friseure hören in einer Stadt das Gras wachsen ...

Wenn man sich Zeit nimmt, genau hinzuhören, bestimmt. Die Frage ist aber, ob man das Gras wachsen hören möchte.

Friseure sind oft auch Seelenklempner und Fast-bester-Freund ...

Da sich unsere Kunden ihre Friseurin neben der fachlichen Qualität auch nach Sympathie aussuchen, entsteht hier und da auch schon mal ein freundschaftliches Verhältnis. Ich finde es schön, den Arbeitstag mit Freunden zu verbringen. Ich glaube, das können nicht viele von sich behaupten. Besonders schön ist es, wenn eine Kundin oder ein Kunde einem zum Beispiel anvertraut, dass Nachwuchs kommt oder geheiratet wird. Man ist dann plötzlich die erste Person, die das erfährt. Gerade Freundschaften im Beruf sind total toll. Und es ist sehr wichtig in unserer Manufaktur Friseure, dass Kunden nicht das Gefühl haben, hier einfach nur abgearbeitet zu werden , sondern dass wir uns für jeden Zeit nehmen, egal ob jung oder alt.

Erfahren Sie zum Beispiel Geheimnisse aus Beziehungen (Ehen) Ihrer Kunden, die dort der jeweilige Partner nicht weiß?

Wenn, dann unfreiwillig. Aber als „Seelenklempner“ und „Fast-bester-Freund“ besteht natürlich eine Schweigepflicht (lacht).

Was machen Sie, wenn Kunden nicht reden wollen?

Konzentriert arbeiten. Mit der Zeit bekommt man ein Gespür dafür, welche Kundin sich unterhalten möchte und welche Kundin einfach ihre Ruhe haben möchte. Unsere Kunden sind ja nicht dafür da, um uns zu bespaßen.

Vorurteile und Klischees gehören wie Kamm und Schere zum Friseur-Alltag dazu. Nervt das?

Unsere Branche muss gemeinsam an einem besseren Ruf arbeiten. Der Beruf ist viel zu schön, um ihn sich durch Vorurteile und Klischees vermiesen zu lassen.

Dann räumen wir mal mit drei gängigen Vorurteilen/Klischees auf: Haare schneiden kann jeder ...

Bestimmt. Fragt sich nur, wie die Frisur danach aussieht (lacht). Die neuesten Videos im Social Media zeigen eher das Gegenteil.

Männer in dem Job sind oft homosexuell ...

Das kommt vor, ist aber genauso normal wie in anderen Branchen auch.

Friseure sind nicht die Schlausten ...

Emotionale Intelligenz ist das Stichwort. Wer diese besitzt und sich trotz eines nicht so idealen Schulabschlusses in unserer Branche engagiert, kann bei uns total durchstarten.

Zurück zur Arbeit an sich. Ist Ihnen mal eine Frisur völlig misslungen?

Ja. Wer diese Frage mit Nein beantwortet, ist entweder noch nicht lange im Beruf oder nimmt es mit der Wahrheit nicht so ernst.

Es gibt sicher Haarschnitte, die nicht immer so gelingen, wie Sie sich das vorgestellt haben. Sagen Sie dem Kunden das?

Da haben wir wieder das Thema Kommunikation. Es wird ständig mit der Kundin oder dem Kunden besprochen, wie die Proportionen fallen sollen oder auch nicht. Am Ende zählt, dass sich die Kundin bzw. der Kunde mit dem Haarschnitt wohlfühlt und sie begeistert ist.

Manche Frisuren sind nach dem Verlassen des Salons top, entpuppen sich zu Hause aber nach dem ersten Waschen als Flop. Was tun Sie dann?

Um so etwas zu vermeiden, muss ich in der Beratung die Gewohnheiten meiner Kundin im Umgang mit ihren Haaren genauestens abfragen. Sollte es trotzdem mal nicht passen, stehen wir mit Rat und Tat zur Seite.

Frisuren unterliegen ständigen Trends. Welches war für Sie bisher der schlimmste?

Jeder Trend hat sein Für und Wider. Alle paar Jahre gibt es aber eine Frisur, die man dann so oft bei Kunden schneidet, dass man sie irgendwann nicht mehr sehen kann. Prägnante Beispiele der letzten Jahrzehnte wären hier der „ Heidi-Klum -Pony“ und der „ Victoria-Beckham-Bob “.

Welche Promifrisur ist voll daneben?

Puh, da könnte man so einige aufzählen. Aber am meisten hat mich Leonard Nimoy geprägt, der Commander Spock aus Star Trek mit seinem Lord-Helmchen-Pony. Ganz ehrlich: Welcher Mann will das tragen?

Da schon eher den Trump-Schnitt?

Wenn die Sonnenblumen-Küken-gelbe Haarfarbe nicht wäre, eventuell (lacht).

Welche Promifrisur finden Sie top?

Mir gefällt Karoline Herfurth, eine der hübschesten deutschen Schauspielerinnen. Sie hat wundervolle rote Haare und bleibt einfach sich selber treu. Das ist das Allerwichtigste.

Was halten Sie generell von Trends?

Trends kommen und gehen in einer fließenden Entwicklung. Die Herausforderung ist, Trends typgerecht an der Kundin umzusetzen. Im Moment arbeite ich am liebsten mit Contouring-Farbtechniken, die Balayage und Folientechniken miteinander verbinden. Hierbei entstehen individuelle Farbverläufe.

Erfüllen Sie auf Teufel komm heraus jeden Frisurwunsch?

Wer seinen Beruf ernst nimmt, sagt im richtigen Moment Nein. Im besten Fall hat man dann einen Alternativvorschlag parat.

Apropos Wunsch: In den meisten Salons werden Kaffee und Co., Sekt, Gebäck angeboten. Manche sagen, Friseure schlagen das ohnehin auf den Preis, bieten ihr Handwerk überteuert an ...

Wie in jedem Handwerk oder Gewerbe werden jegliche entstehenden, variablen und fixen Kosten in die Dienstleistungspreise eingerechnet. Dadurch können wir eine Win-win-Situation garantieren. Unsere Kunden bekommen in einer angenehmen Atmosphäre zum Beispiel einen professionellen Haarschnitt, und wir können von mehr leben als nur von Luft und Liebe und der Begeisterung für unseren Beruf. Ein kleines Goodie haben wir aber am Mittwochnachmittag. Dann findet im Salon unser Kaffeeklatsch statt: Jeder Kunde bekommt, wenn er mag, zu seinem Getränk während der Dienstleistung noch ein Stück Kuchen. Trotzdem ist der Haarschnitt an dem Tag keinen Cent teurer (schmunzelt).

Ums Geld geht es auch beim Haarefärben. Eine in der Tat nicht billige Arbeit des Friseurs. Mit der Haarfarbe aus dem Drogeriemarkt kommt man daheim doch auch ans Ziel und spart ...

Jeder darf tun, was er möchte. Oft bringen uns Heimfärbungen Kunden in den Salon, denen wir die Haare/Haarfarbe nach einem heimischen Farbunfall retten dürfen. Dies kostet dann ein Vielfaches einer „normalen“ Färbung im Salon. Generell sollte sich die „normale“ professionelle Haarfärbung durch die Fachfrau/den Fachmann im Salon durch kreative Techniken und haarschonenden Produkteinsatz von einer Heimfärbung unterscheiden. Sobald wir Mehrwerte generieren, müssen wir uns der immer wiederkehrenden Preisdiskussionen als Branche nicht mehr aussetzen.

Wie viele Handwerksberufe ist der Nachwuchs bei den Friseuren eher Mangelware. Warum?

Der Ruf der Branche, die Klischees, die Bezahlung und die Arbeitszeiten, sind mit Sicherheit Themen, die dazu beitragen, dass wir im Moment immer weniger Auszubildende in der Branche haben. Die Arbeitszeiten werden bestimmt flexibler, und die Bezahlung wird steigen und dadurch genauso die Dienstleistungspreise. Denn der Preis entsteht in beide Richtungen durch Angebot und Nachfrage. Wir können dieses Tal nur durchschreiten, wenn wir unserem Handwerk mit Professionalität, Engagement und Spaß nachgehen. Dann werden auch wieder mehr Menschen erkennen, dass man seiner Kreativität nicht nur vor dem Bildschirm freien Lauf lassen kann. Unser Beruf ist ja auch deswegen der Beruf mit den glücklichsten Menschen, weil wir jeden Tag sofort sehen, was wir geschaffen haben.


Svenja Schütte ist seit zehn Jahren Friseurin. Sie arbeitete einige Jahre auf der „Aida“ als Stylistin und wurde unter anderem 2009 Deutsche Meisterin im Friseur-Herrenfach. Seit 1. Januar 2016 ist sie selbstständige Friseurunternehmerin und Lizenznehmerin der Manufaktur Friseure in Haselünne.

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