26.11.2016, 15:13 Uhr

Kuscheln unterm Kälberhimmel Dingwerth Glandorf: Im Sommer Äpfel, im Winter Fresser


Glandorf. Im Sommer Obst, im Winter Fresseraufzucht. Landwirt Karl Dingwerth (51) hat seinen Hof klar strukturiert. „Während der Obstzeit hätte ich keine Zeit für die Kälber“. Die Tiere von der Milchfütterung zu entwöhnen und auf Grobfutter umzustellen erfordere viel Aufmerksamkeit und Fingerspitzengefühl, sagt der Glandorfer Landwirt.

Kurz vor der Apfelernte zieht Fleckvieh in die über Monate leerstehenden Ställe. Die weiß-braun gezeichneten Kälber zeichnen sich durch eine hohe Masteigenschaft aus. Zudem sind die männlichen Tiere weniger aggressiv. Dingwerth bezieht die Kälber aus Süddeutschland. Die Herkunft ist in den Kälberpässen exakt ausgewiesen. Der Umzug nach Glandorf wird dokumentiert und in der HIT-Datenbank Verden (Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere) registriert, wie es die Viehverkehrsverordnung in Deutschland vorschreibt. (Weiterlesen: Früchte direkt vom Strauch – Obsthof Dingwerth in Glandorf ein Paradies für Selbstpflücker)

Bürokratie

Bei jeder Kälbchen-Lieferung kontrolliert Martina Dingwerth die Papiere. Viel Bürokratie für 120 Tage in der Fresseraufzucht, findet sie, räumt aber ein, dass damit die Tiere automatisch ein Qualitätssiegel erhalten, hinter dem eine kontrollierte Aufzucht von der Geburt bis zur Vermarktung steht. Wenn die Kälber in Glandorf in den Stall kommen, sind sie 30 bis 40 Tage alt und wiegen etwa 85 Kilo. Verlassen sie den Hof nach 120 Tagen in Richtung Bullenmäster, bringen sie etwa 200 Kilo auf die Waage. 12 bis 14 Monate später sollten sie ihr Schlachtgewicht von etwa 450 Kilo erreicht haben.

In Glandorf werden die fünf großen Offenställe in Partien zu je 75 Tieren belegt. Dass die Kälber sich wohlfühlen, sieht man ihnen an. Sie stehen auf Stroh und die jüngsten liegen sogar unter einem Kälberhimmel aus einem Vliesnetz, das sie vor Kälte und Wind im Stall schützt. Das sind die Kuschelecken für die Leichtgewichte unter den Fressern. (Weiterlesen: Schwagstorfer Hof mit Geschichte – Tannenbäume und Kälberaufzucht bei Driehaus)

Grobfutter

Fresser werden die Kälber bis zu einem Lebendgewicht von 200 bis 250 Kilo genannt. Für die Fresseraufzucht kauft Karl Dingwerth männliche Kälber, die bislang getränkt wurden. Nun müssen sie langsam an Grobfutter gewöhnt werden. Ziel ist die Entwicklung zum Wiederkäuer, denn ihr Pansen, der größte der drei Vormägen, muss die zur Verdauung von Grobfutter notwendigen Zotten erst entwickeln.

Hilfe bei der Fresseraufzucht erhält der Glandorfer Landwirt von Sohn Lukas (19), der gerade eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert. Und Dingwerth nutzt einen Gerätepark mit automatischer „Tankstelle“ für die Jüngsten und einem Futterroboter für die Älteren. Die Kälber wurden noch vor 25 Jahren bei Dingwerths mit Nuckeleimern gesäugt, heute stehen den Tieren Trinkstände zur Verfügung, in denen die Flüssignahrung aus Milchpulver und Wasser automatisch immer frisch und aufgewärmt zubereitet wird. Die Trinktemperatur muss zwischen 36 und 38 Grad liegen, um Durchfall zu vermeiden. Vier bis sechs Liter täglich saufen die jungen Fresser, dazu wird schon grobe Kost aus staubfreiem Kälberstroh und Kraftfutter gereicht. Nach vier bis fünf Wochen sollen die Tiere nur noch Grobfutter zu sich nehmen. (Weiterlesen: Begehrter Ausbildungsberuf – Patrick startet Ausbildung zum Landwirt in Schapen)

Sichtkontrolle

In dieser Phase gehen Karl und Lukas Dingwerth mehrfach täglich zu den Jungtieren. „Die Sichtkontrolle ist sehr wichtig, um mögliche Probleme sofort zu erkennen“, sagt der 51-Jährige. Manche Tiere vertragen im frühen Stadium noch kein Kraftfutter, es schlägt ihnen auf den noch nicht ausgebildeten Magen und äußert sich in Durchfall. Das Futter muss dann schnell geändert werden. Mehr aus Glandorf im Netz

Sind die Tiere der Nuckelphase entwachsen, gibt es nur noch Grobfutter, das unter anderem aus eigener Maissilage besteht. Die Fütterungsanlage übernimmt wie eine Schwebebahn in zwei Ställen die Versorgung der Herden. In drei Ställen werden die Dingwerths mit Futterwagen aktiv. Ein Augenmerk des Fresseraufzüchters gilt dem hofeigenen Futter. „Ziel ist eine Tageszunahme von 1000 Gramm, da ist hochwertiges Futter vonnöten“, sagt der Fachmann. „Man muss immer auf die Qualität achten, sonst ist man schnell weg vom Fenster“.

Vermarktung

Auch bei der Vermarktung behält Dingwerth alles in seiner Hand. Eine Vertragsaufzucht für Großerzeuger kommt für ihn nicht infrage: „Ich will mein eigener Herr bleiben“. Bei welchem Mäster seine gewichtigen Fresser nach vier Monaten bleiben, entscheidet letztlich der Preis. Dann zeigt sich auch, ob sich die Fresseraufzucht gelohnt hat: „Im Moment sind die Preise für Rindfleisch ja nicht schlecht.“

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