27.08.2010, 17:33 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Düte breitet sich zur Oeseder Seenplatte aus – Anwohner zeigen trotz Verzweiflung Mut und Tatkraft Herzkranke Frau im Schlauchboot gerettet


Georgsmarienhütte. Sie hatten keine Chance. Die Feuerwehr wollte ihre Häuser noch mit Sandsäcken abdichten, doch das Wasser stieg zu schnell. Zehn Häuser an der Oeseder Eisenbahnstraße wurden förmlich geflutet. Für eine alte Dame war das zu viel: Mit Herzrhythmusstörungen musste sie mitten in der Nacht mit dem Schlauchboot gerettet und ins Krankenhaus gebracht werden.

Am frühen Freitagmorgen hatte die Düte, die sonst gemächlich hinter den Gärten dahinplätschert, ihren Höchststand erreicht. Blumen- und Gemüsebeete waren da längst zum Badesee geworden. Zwischen Eisenbahnstraße und Glückaufstraße versank Oesede unter einer braunen, schlammigen Brühe.

Für die Anwohner ist die Überschwemmung bitter: „Wir konnten keine Elementarversicherung abschließen, weil wir eben an der Düte wohnen“, erzählte Thomas Korte, während aus dem blauen Haus am tiefsten Punkt der Straße ein Mann in Anglerhosen ein Kind ins Trockene trug.

Sämtliche Schäden – von durchweichten Kellerwänden über die kaputte Heizung bis hin zu Möbeln, Teppichen und Tapeten – müssen die Anlieger aus eigener Tasche bezahlen. Die wichtigsten Akten und ihre Waschmaschine konnte eine Familie noch retten. Doch so viel Glück hatte nicht jeder.

„Bei uns werden es wohl an die 50000 Euro sein“, erzählte eine Frau, die sich gerade erst neu eingerichtet hatte. Traurigkeit lag in ihrem Blick, und auch ein Funken Zorn. Und die Tochter des Nachbarn, die gerade erst den Führerschein gemacht und vor der Haustür ihr frisch erstandenes Auto geparkt hatte... Nur das Dach schaute noch aus der braunen Flut heraus.

Freitagmittag machte sich nach einer nassen Nacht ohne Schlaf trotz guter Nachbarschaft und gegenseitiger Hilfe langsam auch Verzweiflung breit – und Hunger. Denn die Küche blieb kalt. Die Steckdosen standen unter Wasser. Der Strom war abgestellt. Helfer versorgten die Flutopfer später aber mit warmen Mahlzeiten und Getränken. Erst am Nachmittag war der Spiegel der Düte so weit gesunken, dass dieFeuerwehr mit dem Auspumpen der Keller beginnen konnte.

Nur zweihundert Meter weiter südlich, an der Glückaufstraße, schien trotz der riesigen Seenplatte, den Schläuchen und Feuerwehrautos auf der Straße Freitagmittag schon wieder ein bisschen Normalität eingekehrt zu sein. Dieselgeruch hing in der Luft. Ein Mann trug eine Topfpflanze nach Hause. Vor dem Parkplatz des Supermarktes stauten sich die Autos, trotz der Pfützen in den Verkaufsräumen winkten schon von Weitem Plakate: „Wir haben geöffnet“. Zwar war die Glückaufstraße in Richtung Kloster Oesede gesperrt, von Westen her ist die Zufahrt aber frei.

Hier koordinierte Stadtbrandmeister Gerd Glane den Einsatz seiner 60 Feuerwehrkollegen. Seit ein Uhr morgens kämpften sie gegen die Wassermassen. Höchststand: ein Meter über dem Asphalt. „Was ist das schon gegen Pakistan“, sagte Glane, der aus Kloster Oesede und Borgloh, Bad Laer und Bad Rothenfelde und von der GMHütter Werksfeuerwehr unterstützt wurde. Aus den Gullys sprudelte trübes Wasser, mit Schaufeln wurde der Schlamm von der Straße geschoben. Der Wasserstand sank nur langsam, doch er sank – auch nachmittags, als neue Schauer einsetzten.

Heinrich Dütmann verteilte Käsebrötchen und Streuselkuchen an die Feuerwehrleute. Mit Tränen in den Augen erzählte er: „Die machen einen super Job. Als wir heute Nacht ankamen, lagen schon Sandsäcke vor der Tür.“ Im Keller des Supermarktes war die Elektroverteilung überflutet. Das Wasser stand unter der Decke, im Laden stieg es 20 Zentimeter hoch. „Die unteren Regalreihen haben wir ausgeräumt. Alle Mitarbeiter haben geholfen.“

Strom gab es hier seit Freitagmorgen, 5.45 Uhr, nicht mehr. Der Supermarkt hielt sich mit einem Notstromaggregat im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser. „Wir haben eine Kasse, eine Waage an der Fleisch- und Käsetheke und eine in der Gemüseabteilung.“ Die Kunden strömten gestern Mittag ebenso schnell heran wie in der Nacht das Wasser. Heute werden auch die Geschäfte am Dütekreisel wieder öffnen.

Ausschlafen konnten am Freitag einige Mitarbeiter der Möbelfabrik Wiemann – zumindest diejenigen, die es nicht als Schaulustige oder Helfer an die Düte trieb. Einen halben Meter hoch stand das Wasser im Maschinenpark, im Versand waren es einige Zentimeter mehr. „Da werden wir wohl in den nächsten Tagen Schlamm schippen können“, vermutet Andreas Fuest. Die Produktion geht dennoch weiter, versicherte die Geschäftsführung. Freitagnachmittag stieg der Sorgenpegel der Firmenchefs kurzzeitig wieder: Ein Schutzwall zur Düte brach. Doch Profis rückten sofort mit Schotter, Kies und schwerem Gerät an.

Mittendrin in den Aufräumarbeiten war der St.-Marien-Kindergarten. Denn auch Villa Regenbogen und Villa Sonnenschein hatten sich in ein 60 Zentimeter tiefes Gewässer verwandelt. „Um 6.45 Uhr rief unsere Raumpflegerin an undsagte: Die Kita steht unter Wasser. Ich konnte es gar nicht glauben“, sagte Leiterin Annette Witte. Sie befürchtete, dass es mehrere Wochen dauern könnte, bis 143 kleine Oeseder wieder unbeeinträchtigt spielen können. Doch es kam noch schlimmer: Die neue Kinderkrippe, die im Oktober eröffnet werden sollte, wurde ebenfalls überflutet. Dabei hatten die Wände gerade ihren ersten Anstrich bekommen.

Dennoch: Die Erzieherinnen blicken in die Zukunft. Rendantin Kirsten Riedmann flitzte hin und her und organisierte Helfer für den Nachmittag. „Ich rufe alle Erzieherinnen und einige Eltern an. Wenn wir dann noch Abzieher besorgen, können wir die Räume vom gröbsten Dreck befreien.“

Fast absurd schien es, dass ausgerechnet die, die sonst anderen helfen, von der Überschwemmung ebenso schwer getroffen wurden: Ein Krankenwagen und zwei Rüstwagen mit einer Katastrophenausrüstung standen in der Fahrzeughalle der Malteser plötzlich unter Wasser. Der Schaden: gut 70000 Euro. Die Malteser retteten die medizinischen Geräte aus den Fahrzeugen – und machten sich sofort wieder an die Arbeit, um anderen Menschen zu helfen.


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