08.09.2014, 11:18 Uhr

Interview mit Gustav Kriener Fundraiser verlässt Kirchenkreis Melle-GMHütte

Das Fundraising ist für die evangelische Kirche in Stadt und Landkreis Osnabrück in den vergangenen fünf Jahren mit Gustav Kriener zu einem wichtigen Aufgabenfeld beworden. Foto: Stefanie AdomeitDas Fundraising ist für die evangelische Kirche in Stadt und Landkreis Osnabrück in den vergangenen fünf Jahren mit Gustav Kriener zu einem wichtigen Aufgabenfeld beworden. Foto: Stefanie Adomeit

Osnabrück. Nach fünf Jahren verlässt mit Gustav Kriener der erste Fundraiser im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte das Osnabrücker Land. Die ehemalige Superintendentin des Kirchenkreises, Doris Schmidtke, hatte sich sehr für die Schaffung des Postens eingesetzt. Mit Erfolg: Die Idee hat sich in der evangelischen Kirche der Region durchgesetzt. Inzwischen gibt es auch im Kirchenkreis Osnabrück eine Fundraiserin.

Herr Kriener, was ist ein Fundraiser?

Jemand, der von einer sozialen, gemeinnützigen oder kirchlichen Organisation beschäftigt wird und Spendenmittel einwirbt. Und Spenden heißen im kirchlichen Bereich fast immer „Freiwilliges Kirchgeld“. In der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers und damit auch im Kirchenkreis Melle-GMHütte gibt es die Tradition des Kirchgeldes. Die einen Gemeinden erheben es als Ortskirchensteuer, die anderen werben um ein freiwilliges Kirchgeld.

Das ist dann der Brief, der einmal im Jahr gleich mit Blanko-Überweisungsträger ins Haus flattert?

Genau. Und eine der Aufgaben des Fundraisers ist es, die Gemeinden zu beraten und zu begleiten, wenn sie zum Beispiel von der Ortskirchensteuer als Pflichtabgabe auf die freiwillige Gabe umstellen möchten. Da geht es auch darum: Wie sind die Einnahmeerwartungen? Werden mehr oder werden weniger Leute mitmachen?

Wie ist die Erfahrung?

Bei der Umstellung auf freiwilliges Kirchgeld werden zu Beginn insgesamt weniger Leute etwas geben, aber diese wenigen geben mehr. In der Regel liegt die Ortskirchensteuer jährlich bei 12 Euro. Die Durchschnittsspende in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers liegt bei weit über 20 Euro. Aber Fundraising ist nicht in erster Linie das Mobilisieren von Geld, sondern Beziehungsaufbau und Beziehungspflege. Es hat etwas mit dem Herzen zu tun, im kirchlichen Sinne also mit der frohen Botschaft. Die Ev.-luth. Kirche tut sehr viel Gutes: Möglichst viele Menschen mitzunehmen und zu sagen, wir wollen gemeinsam mit Euch etwas schaffen, ist der eigentliche Zweck des kirchlichen Fundraisings. Das Geld ist nur ein Hilfsmittel. Die Kirchengemeinden häufen das Geld ja nicht an. Es ist zum Verwirklichen einer Idee da. Deswegen haben wir Fundraiser zwar viel mit Geld zu tun, aber nicht um Reichtum zu erzeugen, sondern um sinnvolle Projekte umzusetzen, beispielsweise in der Diakonie.

Dennoch hören Sie sicher oft die kritische Frage: Jetzt zahle ich schon so viel Kirchensteuer. Wieso soll ich da noch etwas obendrauf legen?

Das, was ich als Spender meiner Kirchengemeinde gebe, bleibt auch bei meiner Kirchengemeinde. Die Kirchensteuer vom Lohn erhält die Landeskirche und wird dort nach einem bestimmten Vergabeschlüssel auf die Kirchenkreise verteilt. Die Steuer ist die finanzielle Grundlage der Kirche und damit unverzichtbar. Das freiwillige Kirchgeld ist viel konkreter, wenn Sie so wollen: lokaler. Außerdem kann ich bei der freiwilligen Gabe selber entscheiden, ob, wie viel und wofür ich spende.

Andersherum gedacht, denkt mancher sicher: Die Kirchensteuer mit ihrer Verpflichtung und ihrem Automatismus ärgert mich. Da spende ich doch lieber für konkrete Projekte. Was sagen Sie denen?

Genau diese konkreten Projekte bieten wir ja, wenn wir beispielsweise darauf hinweisen, dass der Kirchturm vom Einsturz bedroht ist und wir ihn mit eigenen Mitteln nicht sanieren können.

Womit wir bei Bad Laer und der Aktion „Ein Herz für unsere Kirche“ wären. Haben Sie das Projekt entwickelt?

Ich habe die Gemeinde während der gesamten Aktion begleitet. Vertreter der Dreifaltigkeitsgemeinde Bad Laer-Glandorf waren auf mich zugekommen und haben gesagt, wir haben einen Notstand, wir müssen die Kirche und das Gemeindezentrum dringend renovieren und wir haben nicht genug Geld. Dann haben wir uns zusammengesetzt und viel geplant und diskutiert. Als die Grobplanung für die Renovierung fertig war, hatte die Gemeinde den Mut zu sagen: Wir trauen uns zu, 50000 Euro als Spenden einzuwerben. Sie sehen, beim Fundraising braucht man Mut, man muss auf eine Reise gehen wollen. Dann haben wir gemeinsam in einem Team die Fundraising-Kampagne „Ein Herz für unsere Kirche“ entwickelt.

Wer war im Team?

Drei Ehrenamtliche, ein Vertreter des Kirchenvorstands und Pastor Keding.

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Welche Aktionen kamen besonders gut an?

Das war einmal das riesige Spendenbarometer am Kirchturm: So konnte jeder in Bad Laer sehen: Wo sind die jetzt gerade, wie viel Spenden haben sie und wie viel brauchen sie noch. Das zweite waren selbst gebastelte Spendendosen in Kirchenform, die an Privatpersonen und lokale Unternehmen gingen. So konnte man die Kampagne schon beim Brötchenholen erleben. Begonnen und beendet haben wir die Kampagne mit einem Gottesdienst am Ostermontag. Zwischendrin gab es einen „Halbzeit“-Gottesdienst. Außerdem hat das Fundraising-Team Großspender angesprochen.

Ausschließlich protestantische Spender?

Grundsätzlich war das eine Spendenkampagne für alle Bürgerinnen und Bürger von Bad Laer, dementsprechend haben sich auch katholische Unternehmer beteiligt. Toll war, dass sich die katholische Kirchengemeinde mehrfach beteiligt hat und der Dreifaltigkeitsgemeinde den Erlös zur Verfügung gestellt hat. Das ist gelebte Ökumene! Zum Abschluss der Kampagne, als das Spendenziel erreicht war, haben pfiffige Frauen der Gemeinde aus der Lkw-Plane des Spendenbarometers noch modische Taschen genäht – auch für den guten Zweck.

In Bad Rothenfelde haben Sie das Projekt „Jedem Kind eine warme Mahlzeit“ begleitet.

Ja, da ging es darum, dass jedem Kind im ev. Kindergarten eine warme Mahlzeit ermöglicht werden sollte, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Bisher hatte der Kindergarten die Mittel dafür irgendwie aufgetrieben – jetzt war nichts mehr da. Wir haben also eine Kampagne gemacht, die unter anderem Armut in Bad Rothenfelde thematisierte! Beim Gottesdienst zum Start der Kampagne wurde die Kollekte etwas abgeändert: Die Sammlung wurde von Kindergärtnerinnen mit Kindern vorgenommen, die Kollekte wurde im Gottesdienst ausgezählt und das Ergebnis auf einem Zettel der Pastorin, Frau Jacobskötter, mitgeteilt. Die zog überrascht die Augenbrauen hoch, denn da stand eine höhere Summe als üblich.

Die wie hoch war?

Etwas über 800 Euro. Die Pastorin hat dann die Summe der Gemeinde vorgetragen und sich bedankt, und jetzt dürfen Sie raten, was die Gemeinde gemacht hat.

Applaudiert.

Ja genau! Das sind die schönen Momente für einen Fundraiser. Man merkt daran, dass Fundraising sehr viel mit der Freude am Geben zu tun hat.

Wie wird man Fundraiser?

Indem man – wie in meinem Fall – eine Ausbildung als Fundraiser an der Fundraising-Akademie in Frankfurt macht. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Studium, bei mir der Diplompädagogik.

Nach fünf Jahren gehen Sie jetzt als Fundraiser nach Münster, in die Diaspora.

Absolut, Münster und vor allem das Münsterland sind sehr katholisch geprägt. Ich gehe in den Ev. Kirchenkreis Münster, der aber immerhin 105000 Mitglieder hat!

Warum wechseln Sie?

Ich bin Münsteraner, ich wohne in Münster und war hier sozusagen als Arbeitsmigrant aus NRW tätig. In Zukunft bin ich unter anderem zuständig für die Gemeinde, in der ich konfirmiert wurde. Das ist schon etwas Besonderes für mich!

Wird Ihre Stelle im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte wieder besetzt?

Ja, zeitnah.


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