05.08.2010, 15:07 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Der Garaus für die „Alte Kolonie“ – Rückblick auf den Abriss 1972 Baukunst im Zeichen der Effizienz


GMHütte. Mehr als 100 Häuser bilden in den 70er-Jahren die „Alte Kolonie“. 88 Gebäude davon sind dem Abrissbagger zum Opfer gefallen. Die Leiterin des Museums Villa Stahmer, Inge Becher, beleuchtet Anfang und Ende einer Arbeitersiedlung.

Kerngebiet der „Alten Kolonie“ sind die im „leichten Fachwerkstil“ errichteten Häuser oberhalb der Brunnenstraße gewesen. Sie sollten etwas Besonderes sein. Der Baumeister und Architekt Ludwig Debo (1818–1905) hat sie speziell für Industriearbeiterfamilien entworfen und dabei an Energieeffizienz und positives Wohngefühl gedacht.

Leider haben die Verantwortlichen 1856 vergessen, Debos Ideen im Haushaltsplan einzukalkulieren. König Georg muss noch einmal einige Taler nachlegen, erst dann darf gebaut werden. Aber nach dem Motto: schnell und billig.

Von Debos anspruchsvollen Plänen bleibt nicht viel übrig. Die Häuser im Harzer Fachwerkstil sind feucht und schlecht isoliert. Deshalb werden nachträglich an den Seiten Schindeln angebracht, die ein wenig vor Nässe und Kälte schützen sollen. Die Räume sind niedrig und haben kleine Fenster. Bereits 1873 wird der Zustand der Häuser kritisiert, aber sie werden weiter als Wohnraum genutzt. Ihr Zustand wird in den nächsten 100 Jahren nicht besser.

Als die Gemeinde Georgsmarienhütte in den 60er-Jahren eine Gelegenheit hat, Gelder für eine Dorferneuerung zu beantragen, setzt sie alles daran, den „Harzer Häusern den Garaus“ zu machen. Bürgermeister Karl Niemeyer stellt 1965 einen Antrag, die baulichen Verhältnisse in der ehemaligen Arbeiterkolonie „neu zu ordnen.“

Im gleichen Jahr noch wird der Plan vom Bundesminister für Wohnungswesen und Städtebau als „Studien- und Modellvorhaben“ anerkannt, 1967 dann die ersten finanziellen Mittel bereitgestellt. Doch bis die Abrissbagger kommen, bleibt noch etwas Zeit.

Zunächst ist die Gemeinde mit dem Zusammenschluss von sechs Alt-Gemeinden zur Stadt GMHütte beschäftigt. Als dies geschafft ist, geht es weiter. Am 29. Mai 1972 beschließt der Rat der neuen Stadt die Festlegung der Sanierungsgebiete „Osterberg“, „Alte Kolonie“ sowie „Kolonie Stahmer“ und beantragt die Fortsetzung der unter Leitung der Vorgängergemeinde begonnenen Maßnahmen. Bevor der Abbruch beginnt, müssen die Menschen umgesiedelt werden. 224 Haushalte brauchen Ersatzwohnraum.

Und noch eine Sache ist unerledigt: Der Grund und Boden der „Alten Kolonie gehört zum großen Teil den Klöckner-Werken und muss erst angekauft werden. Da das Werk der Sanierung positiv gegenübersteht, gehen die Kaufverhandlungen über die knapp 35000 Quadratmeter schnell über die Bühne.

Die Bevölkerung wird auch noch gefragt. Auf dem Osterberg klagen sieben Eigentümer gegen den Abriss ihrer Häuser, in der „Alten Kolonie“ nur die evangelische Kirchengemeinde.

Sie beanstandet vor allem die Verlegung der L95, die direkt an der Lutherkirche vorbei quer zur Kasinotalbrücke führen sollte. Alle Kläger bekommen am Ende recht. Die Osterberger Privathäuser dürfen stehen bleiben, und die L95 nimmt einen anderen Verlauf.

Erst jetzt schlägt die Stunde der Abrisstrupps. Die „Alte Kolonie“ ist als Erste dran. Binnen weniger Wochen sind die 1859 nach modernsten Erkenntnissen mit billigstem Baumaterial erbauten Häuser nur noch Geschichte.

Nach der Abfuhr des Bauschutts verändert sich GMHütte in den 70er-Jahren fast täglich. Auch die als unverwüstlich geltenden Schlackensteinhäuser aus einer späteren Bauphase verschwinden aus dem gewohnten Stadtbild – zum Beispiel das Pastorat und der Konsum in der Brunnenstraße sowie die Schule in der Kirchstraße.

Als 1978 das Kaiserliche Postamt an der Reihe ist, beginnt ein Umdenken. Das Werk hat es 1905 ganz im Stil der Zeit bauen lassen. Es ist mit Zwiebelturm und aufwendigem, tragendem Fachwerk in etwa 22 Meter Höhe versehen.

Eine Zierde für den ganzen Ort und teuer in der Unterhaltung. Das Werk ist froh, als die Post 1930 den Bau zu einem akzeptablen Preis endlich kauft.

Bis kurz vor ihrem Abriss ist die Post in Betrieb und wächst unmerklich den Bürgern ans Herz. Der ehemalige Ratsherr Werner Schmigelski versucht mit einem Appell an die politisch Verantwortlichen in der Postille „Stadt im Werden“ (25. 2. 1978) einen Rettungsversuch.

Doch die Sanierung ist nicht aufzuhalten. Als das Kaiserliche Postamt am Boden liegt, ist die Bevölkerung über das Verschwinden dieses Wahrzeichens entsetzt – bis heute.


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