01.12.2016, 06:30 Uhr

Unser Adventskalender - erstes Türchen Ein Blick in das Archiv des Moormuseums Geeste


Geeste. Zumindest im Falle des Emslandes haben sich aus einem kargen, abgelegenem Moorgebiet blühende Landschaften entwickelt. Den Weg dahin dokumentieren die Bestände des Archivs im Moormuseum Geeste. Hinter der ersten Tür des Adventskalenders verbirgt sich, was im Laufe der Jahrhunderte übers Moor geschrieben wurde. Bis heute ist es vielen Menschen ein mysteriöser Ort.

Das Moor regt die Fantasie der Menschen an. Wie sich die Wahrnehmung des Lebensraums im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, davon zeugen alte Unterlagen im Archiv des Moormuseums in Geeste . Der älteste Schatz, den Museumshistoriker Ansgar Becker derzeit in seinen Beständen verwahrt, ist die Schrift „Tractatus de Turfis“ – Traktate vom Torf. Erschienen ist der für heutige Verhältnisse eher schmale Band im Jahr 1658, Verfasser war ein gewisser Martin Schoock.

Über Schoock ist so gut wie nichts überliefert, auch der Inhalt seines Werks ist nur teilweise bekannt: „Schoock hat auf Latein geschrieben. Allerdings nicht im klassischen Standardlatein, sondern in einer teils erheblich modifizierten Variante. Wir haben bis heute keinen Sprachwissenschaftler gefunden, der uns die Inhalte eindeutig hätte entschlüsseln können“, sagt Becker.

Giftige Dämpfe

Was man weiß: Schoock machte sich in seinem Werk an eine Bestandsaufnahme des Lebensraums Moor, entwickelte teils eigene Schlussfolgerungen dazu. „Wissenschaftlich kann man das eigentlich noch nicht nennen, aber immerhin ist es der Versuch einer systematischen Beschreibung“, erklärt Becker.

Schoock schildert die ärmlichen Verhältnisse, in denen die Menschen im und am Moor leben und den ständigen Nebel, den er in mysteriösen Dämpfen begründet sieht, die hier aus dem Boden steigen – und möglicherweise eine schädliche Wirkung auf Geist und Körper haben. Roter Faden seiner Arbeit ist die Fragestellung: Warum gibt es das überhaupt? Für die nächsten 200 Jahre blieb seine Arbeitsweise und seine Theoriebildung gewissermaßen Standard, eine echte Moorwissenschaft setzte erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein.

Binnenkolonisation und Blut und Boden

Das spiegelt sich auch in den Archivalien des Museums wider: Chromolithografien aus dem Jahr 1858 bezeugen Versuche einer ersten fundamentierten und detaillierten Inventuraufnahme der Moorflora. 1877 wurde dann in Bremen die Moor-Versuchsstation gegründet.

„Damit begann nicht nur die intensive wissenschaftliche Erkundung des Moores, sondern auch seine Erschließung für die Landwirtschaft“, ordnet Becker die Gründung des Instituts ein, in dem unter anderem Maßnahmen zu einer effizienteren Nutzung der Moorböden geforscht wurde. „Erst dadurch wurde das, was man später Binnenkolonisation nannte, überhaupt angestoßen.“

Ideologische Ströme

Über die Zeiten hinweg reflektierten die Betrachtungen des Moores auch die großen ideologischen Ströme ihrer Zeit: So finden sich im Archiv des Museums etwa auch Schriften des späteren Verlegers Alfred Hugenberg, der während der Weimarer Republik mit seinem Medienimperium nationalistische und antisemitische Propaganda salonfähig machte.

Im späten 19. Jahrhundert veröffentliche Hugenberg Schriften wie „Die Besiedlung der norddeutschen Moore“ und „Innere Colonisation im Nordwesten Deutschlands.“ Man könne hier noch nicht dezidiert von einer Blut-und-Boden-Programmatik sprechen, erläutert Becker – „aber viele Elemente dieses Denkens deuten sich in diesen Werken an.“ Dass im Dritten Reich Arbeits- und Kriegsgefangenenlager zur Urbarmachung des Moores angelegt wurden, entspreche durchaus auch nationalsozialistischer Besiedlungspolitik.

Bis heute ein mythischer Ort

Von der Vergangenheit schlägt das Archiv den Boden bis in die Gegenwart: Unwirtliche Regionen wurden urbar, wurden Lebensraum und wurden – zumindest im Falle des Emslandes – florierende Regionen. In der literarischen Rezeption bleibt das Moor aber bis heute ein düsterer und mythischer Ort: In seinem Archiv hat Becker für Schauergeschichten und Abenteuerromane über Moorleichen und -gespenster extra eine eigene Ecke eingerichtet.


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