18.03.2017, 07:00 Uhr

Mehr als 1000 Exponate Privatsammler zeigt unbekannte Dokumente aus Emslandlagern


Emsbüren. Ein seltenes Hobby pflegt Gerd-Peter Bragulla aus Münster: Er sammelt Briefe, Postkarten, Dienstschreiben und Fotos, die während der Nazi-Herrschaft in Konzentrationslagern entstanden sind. Im Mittelpunkt der privaten Sammlung stehen mehr als 1000 Exponate rund um das Thema „Emslandlager“. Dabei handelt es sich ausschließlich um Originale.

Erstmals stellte Bragulla einen Querschnitt aus seiner umfassenden Sammlung der Öffentlichkeit vor. An der Heimatforschung Interessierte trafen sich auf Initiative von Hubert Hölscher in Emsbüren. Hölscher sammelt alte Dokumente und Fotos aus Emsbüren. Als Alexander Herbermann, langjähriger Hausherr in der Seniorenbegegnungsstätte Haus Ludgeri und ehemals Vorsitzender des Emslandmuseums in Lingen von den Kontakten der beiden Hobbyheimatforscher erfuhr, regte er eine Vorstellung der Sammlung im Haus Ludgeri an.

Brief aus Buchenwald beim Trödler

Ursprünglich habe er Briefmarken gesammelt. „Irgendwann war der Reiz aber weg und ich suchte eine neue Sammel-Herausforderung“, schildert Bragulla die Anfänge seiner Emslandlager-Sammlung. „Beim Besuch eines Flohmarktes entdeckte ich am Stand eines holländischen Trödlers einen Brief aus dem KZ Buchenwald“, erzählt Gerd-Peter Bragulla. Man sei ins Gespräch gekommen. Der Holländer habe ihm dann eine aus 200 Original-Exponaten aus Konzentrationslagern und Strafgefangenenlagern bestehende Sammlung angeboten. „Wir haben hart verhandelt und ich konnte die Sammlung erwerben. Sie war der Beginn einer neuen Sammelleidenschaft, die bis heute anhält.“ Wert legt Bragulla darauf, dass ausschließlich Originale aus den 15 Emslandlagern Börgermoor, Aschendorfermoor, Brual-Rhede, Walchum, Neusustrum, Oberlangen, Esterwegen, Wesuwe, Versen, Fullen, Gross-Hesepe, Dalum, Wietmarschen, Bathorn und Alexisdorf in seiner Sammlung vertreten sind.

Zählen bis 25 auf Deutsch

Im Laufe der Jahre habe er auch mit vielen Zeitzeugen persönlichen Kontakt gehabt. „Das war Massenmord“, zitiert Bragulla einen ehemaligen Gefangenen aus Greven, „der die Hölle auf Erden“ erlebt habe. „Mir wurde berichtet, dass die Kriegsgefangenen oft kein Wort Deutsch sprachen, aber bis 25 zählen konnten.“ Hintergrund sei das Verhalten der Wachmannschaften gewesen: Für kleinste Vergehen bekamen die Gefangenen 25 Stockhiebe und sie mussten laut mitzählen. Wer sich verzählte, musste die gesamte entwürdigende und schmerzhafte Prozedur von vorne ertragen.

„Immer Leben und Betrieb“

In der Sammlung geht es überwiegend um Briefe und Postkarten von Gefangenen an ihre Familien, die dort aber oftmals nie angekommen sind. Sie wurden von der Zensurstelle aussortiert. Natürlich durfte niemals die Wahrheit über die Situation in den Lagern berichtet werden. So schreibt zum Beispiel ein Gefangener unter anderem an seine Ehefrau Luise: „…Ich verlebe jetzt das 2. Osterfest in Gefangenschaft. Zum Grillenfangen habe ich weder Zeit noch Lust. (…) Hier ist aber andererseits immer Leben und Betrieb. Neues gibt es immer wieder.“

Fotos wie aus einem Erholungsheim

Beeindruckend sind beispielsweise Fotos und Dokumente aus dem Strafgefangenenlager Versen. Diese habe er von einem ehemaligen Aufseher erhalten. Die Wachmannschaften werden auf den Fotos oft dargestellt, als würden sie in einem Erholungsheim arbeiten. Zu sehen ist auf Bildern auch die Ankunft der Gefangenen, die mit dem „Moorexpress“ transportiert wurden.

Erdhütten im Lager Bathorn

Im Bild festgehalten wurden im Fotoalbum eines Lagerkommandanten im Lager Bathorn bei Nordhorn Gefangene, die nicht in Baracken, sondern in Erdhütten lebten. Im Hintergrund sind Nadelbäume zu erkennen, von denen nur noch die Stämme existierten. Die Zweige hatten die Gefangenen abgeschlagen und diese unter anderem für Dächer über ihre Erdlöcher genutzt.

70.000 Gefangene bis Kriegsende

In den emsländischen Strafgefangenenlagern wurden bis Kriegsende etwa 70.000 Menschen gefangen gehalten. In einem Teil des Lagers Esterwegen und in Börgermoor wurden 1943/44 außerdem westeuropäische Widerstandskämpfer inhaftiert. Bereits im September 1939 übernahm das Oberkommando der Wehrmacht verschiedene Lager und nutzte sie als Kriegsgefangenenlager für bis Kriegsende weit über 100.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Frankreich, Belgien, Polen und Italien. Im April 1945 wurden die Häftlinge der Emslandlager von britischen, kanadischen und polnischen Truppen befreit.

Himmlers Kräutergarten in Dachau

Aber nicht nur Material aus den Emslandlagern hat Gerd-Peter Bragulla gesammelt. Auch aus anderen Konzentrationslagern liegen ihm zahlreiche Originaldokumente vor. Dazu gehört die nach eigener Aussage vermutlich größte private Sammlung zur „Kräutergartenanlage“ („Plantage“) beim berüchtigten KZ Dachau. Der Anbau einheimischer Kräuter war seinerzeit von der „Arbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde“ angeregt worden und auf besonderes Interesse beim „Reichsführer SS“ Heinrich Himmler gestoßen. Deutschland sollte von der Einfuhr ausländischer Medikamente und Gewürze unabhängig werden. Mit Drohungen und Schlägen trieben SS-Posten die KZ-Häftlinge zur Arbeit auf dem großen Freigelände an, willkürlich wurden Häftlinge „auf der Flucht erschossen“. Unter Lebensgefahr hielten einige dieser Häftlinge die Verbrechen der SS-Posten in heimlichen Notizen fest, von denen einige in der Bragulla-Sammlung enthalten sind.


Gerd-Peter Bragulla (73 Jahre) stammt aus Beuthen in Oberschlesien und wurden 1946 mit seiner Familie aus der angestammten Heimat vertrieben. Die Familie fand Unterkunft in einer Baracke auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Staelberg im Emsbürener Ortsteil Ahlde. Von dort besuchte er die Volksschule in Emsbüren und das Gymnasium in Lingen. Die Eltern bauten später ein Haus am Bahndamm im Ortsteil Leschede in der Nähe der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche. Dort wurde ein kleines Kolonialwarengeschäft eröffnet. Nach dem Abbruch des Gymnasiums erlernte Bragulla den Beruf des Industriekaufmanns bei der „Lingener Käsefabrik“. „Als der Chef erkrankte, bekam ich den Auftrag, die Kunden zu besuchen und Waren auszuliefern“, erinnert sich Bragulla. „Da ich als 16-Jähriger noch kein Auto fahren durfte, bekam ich als ,Stift‘ einen eigenen Chauffeur gestellt“, schmunzelte Bragulla. „Wir waren oft im Raum Haren unterwegs, das damals noch Maczkov hieß. Das Gebiet wurde 1945 von polnischen Truppen unter General Stanislaw Maczek besetzt. Die einheimischen Bürger wurden evakuiert. „Somit hatte ich schon recht früh Kontakt zur Region Emsland, zu den Menschen und zu den Folgen des Krieges“, erklärte Bragulla. In Münster hat er sich als Steuerberater und Rechtsbeistand eine Steuerberaterkanzlei aufgebaut, die er inzwischen gemeinsam mit seinem Sohn Christian führt.

1 Kommentar