19.10.2016, 08:03 Uhr

An Dörpener Hauptstraße Stolperstein erinnert an Dörpener Euthanasieopfer


Dörpen. In Dörpen ist am Dienstag ein sogenannter „Stolperstein“ für Johannes Eissing verlegt worden. Rund 100 Leute nahmen an der kleinen Zeremonie teil, bei der der Künstler Gunter Demnig den Stein im Gedenken an den geistig behinderten Jungen, der dem Euthanasieprojekt der Nationalsozialisten zum Opfer fiel, verlegte.

„Es scheint mehr als zwei Generationen zu brauchen, um sich der Vergangenheit zu stellen“, sagte Pastor Ralf Maennl von der Emmaus-Krichengemeinde Dörpen. Gemeinsam mit Diakon Heinz Klasen von der St.-Vitus-Gemeinde und Schüler der Oberschule sowie der Grundschule Dörpen gestaltete er die Zeremonie. Es war die Aufgabe von Hermann Wacker, dem Mann, der seit Jahren als Vorsitzender des Dörpener Heimatvereins dem Schicksal Eissings auf den Grund zu gehen versucht, am Dienstagnachmittag an den Deportierten Jungen zu erinnern. Sein Elternhaus stand an der Dörpener Hauptstraße.

Genaues Schicksal bleibt ungeklärt

Geblieben ist von Johannes Eissing laut Wacker lediglich eine Geburtsurkunde. Am 11. Dezember 1934 erblickte er das Licht der Welt. Viel mehr ist von dem Jungen bisher nicht in Erfahrung zu bringen. Zeitzeugen schätzten die Deportation des Jungen Eissings in Gesprächen mit Wacker auf die Jahre 1942 oder 1943.

Nachdem die Eltern frühzeitig von der bevorstehenden Deportation in Kenntnis gesetzt wurden, ahnten sie laut Wacker, dass sie ihren Sohn danach nicht wiedersehen würden. „Sie kauften ihm einen Kommunionsanzug, denn er sollte gut gekleidet aus dem Haus gehen“, schilderte Wacker. Ihre Verzweiflung und Trauer hätten sie jedoch lediglich den Nachbarn und guten Bekannten offenbart. Denn eine öffentliche Äußerung wäre gefährlich gewesen. Und so wurde Johannes Eissing von einem Mann und einer Frau - vermutlich eine Rot-Kreuz-Schwester - mit einem Wagen abgeholt.

Wohin Johannes Eissing deportiert wurde, bleibt unklar. Wacker hat mehrere Einrichtungen kontaktiert, in die der Junge möglicherweise gebracht worden sein könnte. Doch in keiner ist sein Name gelistet. Dies könnte laut Wacker darauf schließen lassen, dass Eissing bereits direkt nach dem Eintreffen ermordet wurde.

Wacker: „Verspätete Trauerfeier“

Auch Gunter Demnig, der das Stolperstein-Projekt 1992 ins Leben rief und fast alle Mahnsteine für die Opfer des Nationalsozialismus bisher selbst verlegte, hat sich mit dem Fall Eissing zuvor auseinandergesetzt. „Geschichten wie die von Johannes Eissing sind die traurigsten“, so der Künstler im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn hier hätten die Nationalsozialisten es fast geschafft, die Existenz einer Person fast gänzlich auszulöschen.

Vor mehr als 70 Jahren durfte niemand öffentlich um Johannes Eissing trauern. „Deshalb ist die Verlegung dieses Stolpersteines auch eine verspätete Trauerfeier für ihn“, so Wacker, der ganz besonders die zahlreichen anwesenden Familienangehörigen begrüßte.

Doch nicht nur an die Vergangenheit erinnern, sondern auch für die Gegenwart und Zukunft mahnen soll der Stolperstein. „Möge so etwas nie wieder passieren“, sagte Ortsbürgermeister Manfred Gerdes. Und auch Maennl hält diese Mahnfunktion für aktueller denn je: „Denn wer weiß, was auch heute wieder insgeheim gedacht wird.“


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