22.08.2016, 18:52 Uhr

Lohnt sich der Verkauf? Viele Auflagen für Milchtankstellen im nördlichen Emsland


Kluse/Westoverledingen. Drei Milchtankstellen gibt es im Verbreitungsgebiet unserer Redaktion. Gerne würden die Betreiber ihr Rohprodukt auch auf andere Art und Weise verkaufen. Doch das bringt viele Auflagen mit sich oder ist vom Gesetzgeber her nicht erlaubt.

Die drei Milchtankstellen werden in Westoverledingen von der Familie Follrichs, in Kluse von der Familie Esbach sowie in Renkenberge von der Familie Wiegmann betrieben. Die Milch, die einen Fettgehalt von vier Prozent hat, kommt direkt nach dem Melken in die Abfüllstation. Dort wird sie stetig gerührt und auf einer niedrigen Temperatur zwischen vier und sechs Grad gehalten. Diese Kühlkette darf nicht unterbrochen werden. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Ansonsten dürfte das Rohprodukt nicht verkauft werden. In unregelmäßigen Abständen kontrollieren Behörden, ob die Auflagen für den Verkauf vor Ort gewährleistet sind. Die Milch wird in den meisten Milchtankstellen für einen Euro pro Liter verkauft.

Nur pasteurisierte Milch darf andernorts verkauft werden

„Es wäre super, auch vor einem Supermarkt die Milchtankstelle aufzustellen“, sagt Hermann-Josef Esbach aus Kluse, der gemeinsam mit Frau Sylvia und Tochter Rita 125 Milchkühe auf seinem Hof versorgt. Vom Gesetz her darf Rohmilch aber nur direkt beim Erzeuger verkauft werden. Zwar besteht die Möglichkeit, auch woanders zu verkaufen, doch dafür müsste er viele Auflagen erfüllen, die er vom Landkreis und dem Veterinäramt auferlegt bekommen würde und die mit hohen Kosten verbunden sind. Zum Beispiel müsste er sich einen Pasteurisator anschaffen. „Andernorts darf nur pasteurisierte Milch verkauft werden, also solche, die einmal hocherhitzt und entkeimt wurde“, erklärt Esbach. Außerdem dürfe die Kühlkette nicht unterbrochen werden. „Laut Gesetz wäre diese es aber, wenn wir die gemolkene Rohmilch, unbehandelt bis zu einem Supermarkt bringen. Auch wenn wir garantieren würden, dass die Temperatur zwischen vier und sechs Grad bleibt“, führt Esbach weiter aus. Es sei eine ganz komplizierte Geschichte.

Automat kostet etwa 15.000 Euro in der Anschaffung

In Westoverledingen betreiben Wiard und Alida Follrichs eine Milchtankstelle. „Seit Mai 2014 kann bei uns direkt vom Hof frische Milch gekauft werden“, sagt Wiard Follrichs, der täglich 70 Milchkühe versorgt. Im ersten Jahr sei der Absatz nicht so gut gewesen, danach sei es aber laufend besser geworden. Es mache sich bezahlt, ein großer Gewinn sei allerdings bislang noch nicht abgefallen. „In der Anschaffung, mit allem Drum und Dran, das heißt Wasseranschluss, Elektrik, der kleinen Hütte und weiteren Kleinigkeiten, hat die Anlage etwa 15.000 Euro gekostet“, erklärt Follrichs. Auch er würde gerne die Milch noch an anderer Stelle verkaufen, sieht es aber wie Esbach: „Die Auflagen sind zu hoch. Da weiß ich nicht, ob es sich derzeit überhaupt lohnen würde.“

Anfahrtsweg oft ein Problem

Ein Problem ist auch der Anfahrtsweg zu den Höfen. Es ist zwar auffällig, dass die drei Höfe alle in unmittelbarer Nähe zur Bundesstraße 70 liegen, trotzdem müssen die Kunden sich erst einmal auf den Weg dorthin machen. „Wir sind hier im Emsland nicht unbedingt nah an Ballungsgebieten gelegen“, sagt Sylvia Esbach. Nur wenige würden extra losfahren, um die frische Milch zu bekommen. „Im Supermarkt können die Kunden eben Milch kaufen, die mindestens drei Wochen haltbar ist. Unser Produkt hat, auch wenn man es vorher abkocht, nur eine Haltbarkeit von etwa drei Tagen“, erklärt ihr Mann Hermann-Josef.

Kunden sollen nicht zum direkten Verzehr animiert werden

Eine andere Sache, die den Milchtankstellen verwehrt bleibt, ist das Abfüllen der Milch in kleinere Flaschen, in denen bereits Kakao-, Vanillemilch- und Erdbeermilchpulver drin ist. „Das hatten wir am Anfang, als wir unsere Abfüllstation aufgestellt hatten“, sagt Sylvia Esbach. Das sei der Renner gewesen, besonders bei den jüngeren Kunden. „Einmal schütteln und sie konnten ihren gekühlten Kakao trinken“, so Sylvia Esbach. Doch dieser direkte Verzehr ist gesetzlich nicht erlaubt. Es sei eben ein Rohprodukt. „Der Landkreis hat damals gesagt, wir würden die Kunden dadurch animieren, die Milch zu trinken, ohne sie vorher abzukochen, wie es eigentlich vorgeschrieben ist“, erklärt Sylvia Esbach. Sie hätten die Flaschen daraufhin wieder aus ihrem Angebot genommen und auf das lukrative Geschäft verzichtet.

Leider, wie sie sagt. „Die Milch ist ja eigentlich mit das Natürlichste, was es gibt. Aber wir wollen keinen Ärger mit dem Landkreis und es besteht eben auch ein Risiko für Säuglinge oder krankheitsanfällige Menschen, beim Verzehr von Rohprodukten“, sagt Sylvia Esbach. Um auf der sicheren Seite zu stehen, haben beide Höfe an ihrer Abfüllstation ein Schild angebracht, dass darauf hinweist, die Milch vor dem Verzehr abzukochen.

Beitrag der Landwirte zum Tourismus

Alida Follrichs sieht den Betrieb einer Milchtankstelle trotzdem als sehr positiv an. „Dadurch könnten die Kunden kennenlernen, wie frische Milch wirklich schmeckt. Denn die schmeckt anders, als die aus dem Supermarkt“, sagt sie. Besonders für Kinder sei das Erlebnis auf dem Hof immer etwas Schönes. Die seien begeistert, wenn sie die frische Milch selbst zapfen könnten. Das sieht auch Sylvia Esbach so: „Wir leisten damit auch Öffentlichkeitsarbeit. Die Landwirtschaft wird oft negativ dargestellt. Mit der Milchtankstelle kommen wir in den direkten Kontakt mit Kunden. Häufig fragen diese dann auch ‚Wie ist es wirklich bei euch?‘“ Außerdem sei es ein Beitrag der Landwirtschaft für die „weiße Industrie“. „Besonders Feriengäste kommen häufig zu uns“, sagt Esbach. Ihr Mann Hermann-Josef fügt hinzu: „Das ist auch bei den Absatzzahlen deutlich zu sehen. Im Sommer werden an manchen Tagen bis zu 60 Liter abgezapft. Im Winter hingegen meist nur zwischen sieben und acht Liter.“ Er hat die Entscheidung eine Milchtankstelle aufzubauen aber nicht bereut: „Wir wollen der Milch dadurch ein positives Image zurückgeben.“


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