01.12.2016, 11:48 Uhr

Wozu brauchen wir ein Dampfross? Der Eisenbahnkrieg der Stammtische in Dissen


Dissen. Regelmäßig fährt der Haller Willem durch die Landschaft, die Bahnstrecke verbindet Dissen mit Bielefeld und Osnabrück — eine beliebte Linie für Pendler, Shoppingfreunde und Ausflügler. Die Begeisterung für die Bahnverbindung und den Standort des Bahnhofes in Dissen war aber nicht immer groß und führte zu einem Stammtisch-Krieg.

In Dissen geht die Straße „Am Krümpel“ in die „Bahnhofstraße“ über, sie verläuft entlang der Produktionsstätte Homann und führt geradewegs auf den Bahnhof Dissen-Bad Rothenfelde zu, wird von der Bahntrasse gekreuzt und verläuft dann weiter nach Bad Rothenfelde. Und gerade diese Nähe zwischen Dissen und Bad Rothenfelde wurde vor dem Bau des Bahnhofes zum Problem. „Dissen bestand auf seinen Status als Hauptort und angehende Stadt“, erzählte Rosemarie Rieke, Heimatverein Dissen. Die Bad Rothenfelder sahen auf die „Ackerbürger“ aus Dissen herab. Als es nun im 19. Jahrhundert darum ging, wo der Bahnhof gebaut werden sollte, gab es eine Menge Beschwerden der Bürger.

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Bauern waren dagegen

Die Bauern der Umgebung waren nicht begeistert — sie fragten sich, wozu sie eine Eisenbahn brauchen, zu Fuß ließe sich auch alles erreichen: „Man sollte sich die schönen Felder und Ackerbreiten nicht durch solch ein unnötiges Dampfross zerschneiden lassen“, so war damals die Meinung der Landwirte.

Unter den ortsansässigen Stammtischen brach der „Eisenbahnkrieg“ aus. Die Dissener schickten anonym eine Spielzeugeisenbahn und ein eindeutiges Gedicht an den Rothenfelder Stammtisch. Der Nadelstich saß, die Rothenfelder schworen auf Rache. „Schließlich wurde der Bahnhof doch in Dissen gebaut, die Haltestelle trug aber den Namen Dissen-Rothenfelde. Die Stammtische schlossen schnell Frieden“, berichtete Rosemarie Rieke.

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Aus Hildesheim

Im Jahr 1886 wurde die Haller-Willem-Strecke eröffnet, das charakteristische Bahnhofsgebäude mit Schieferschindeln wurde in Hildesheim abgetragen und in Dissen wieder aufgebaut. Die Menschen aus Dissen und Bad Rothenfelde gingen von nun an von beiden Seiten über die Bahnhofstraße zur Haltestelle. Anfängliche Protestaktionen der Bauern gegen die Eisenbahn lösten sich auf. Der Bahnkomfort und die Schnelligkeit waren überzeugend.

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Reaktivierung

In den 1980er Jahren blieben die Fahrgäste aus, 1984 wurde der Personenverkehr und im Jahr 1992 der Gütervekehr zwischen Dissen und Osnabrück eingestellt. Die Verbindung zwischen Dissen und Bielefeld blieb bestehen. Im Jahr 2005 wurde schließlich die Haller-Willem-Strecke reaktiviert, die alte Linie von Osnabrück nach Bielefeld blühte wieder auf. Mehr aus Dissen im Netz


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