29.09.2016, 11:23 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Stiftung plant Zentrum in Dissen Das Tabu Mangelernährung: Über die Lücke im System

Abgemagert: Viele Krankheiten sind mit einem Gewichtsverlust verbunden. Foto: dpaAbgemagert: Viele Krankheiten sind mit einem Gewichtsverlust verbunden. Foto: dpa

Dissen. Im früheren Dissener Klinikum möchte Diabetologe und Ernährungsexperte Markus Masin ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) für seltene Krankheiten einrichten, speziell für Patienten mit einer krankheitsbedingten Mangelernährung.

Kein Mensch will verhungern. Und doch passiert es, auch in deutschen Krankenhäusern. Tausende Patienten können nicht ausreichend essen – ohne dass ihnen angemessen geholfen wird. Geht es nach einem Münsteraner Mediziner, könnte sich das für die Region Osnabrück mit einer Einrichtung in Dissen ändern.

Über einen früheren Botschafter seiner Stiftung war Masin in Kontakt zu Dissens Bürgermeister Hartmut Nümann gekommen. Masin und sein Stiftungskollege schauten sich die Räume des früheren Klinikums an der Robert-Koch-Straße an. Ergebnis: Die Grundstruktur passt. Und auch die Lage sei optimal: Im Mittelpunkt des Städtedreiecks Osnabrück-Münster-Bielefeld wäre das MVZ für viele Patienten gut erreichbar, findet Masin, der langfristig die Einrichtung einer Klinik für Patienten mit seltenen Krankheiten anstrebt. Erste Gespräche mit dem Landkreis Osnabrück seien positiv verlaufen. Inzwischen habe er auch einen Investor gefunden, der ein MVZ Versorgungszentrum mit einigen ambulanten Betten fördern wolle. Allerdings sei der Kontakt zum Inhaber der Gebäude, dem Klinikum bzw. der Stadt Osnabrück, etwas mühsam.

Ein Vorzeigeprojekt?

„Wir könnten in Dissen ein modernes Zentrum aufbauen“, ist Masin überzeugt. Die ambulante Betreuung von Patienten mit Kurzdarmsyndrom, Mangelernährung oder seltenen neuromuskulären Erkrankungen könne dann der erste Schritt für die angestrebte stationäre Versorgung werden, „wenn wir den Bedarf nachweisen können“. Aktuell bezahlen die Kassen eine stationäre Ernährungstherapie nicht. Dabei sei Mangelernährung ein wichtiges Thema, dessen sich die Kostenträger annehmen müssten, findet Masin. Dissen könnte so zum Vorzeigeprojekt für ganz Deutschland werden.

Mangelernährung häufig Todesursache

Schwerstkranke sterben häufig nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern an einer Mangelernährung. Weil sie nicht essen können, das Essen nicht vertragen oder es nicht richtig verwerten können. Es sind Dialysepflichtige, Menschen mit einem Darminfarkt, einer Malabsorption, bei der der Körper Nahrung nicht effektiv aufnimmt , oder mit einer Krebserkrankung.

Nach der „Malnutrition Study“ von 2006 ist jeder dritte bis vierte Patient in deutschen Krankenhäusern mangelernährt. Nicht wenige werden zu bettlägerigen Pflegefällen. Oder sie sterben.

Dr. Markus Masin kennt diese Menschen. Allein 50000 Krebspatienten stürben jedes Jahr vorzeitig an den Folgen einer körperlichen Auszehrung, sagt der Münsteraner Ernährungsmediziner und Diabetologe, das sei ein Viertel der Patienten. Vor allem Krebserkrankungen der Verdauungsorgane gingen eigentlich immer mit einer Mangelernährung einher.

Gewichtsverlust durch die Krankheit selbst, aber auch durch die Therapie

Durch die Krankheit selbst, aber auch durch die Therapie gegen den Krebs nehmen Patienten ab. Die Lebensqualität bessere sich mit einer Ernährungstherapie aber erheblich, ob ein Magenkrebs nun heilbar ist oder nicht. Und sie gibt Lebenszeit, sagt Masin: „Es geht nicht darum, Leben zu verlängern. Es geht darum, seine Verkürzung zu verhindern. Krebskranke sind oft sehr geschwächt, leiden an Übelkeit und können kaum essen. Und sie haben einen erhöhten Kalorienbedarf. Deshalb legen wir bei unserer Beratung großen Wert auf eine individuelle Ernährungstherapie, um die optimale Nährstoffzufuhr mit allen Vitaminen und Spurenelementen zu gewährleisten. Durch unsere ambulante Weiterbetreuung können auch zu Hause Stoffwechsellage und Lebensqualität entscheidend verbessert werden.“

Die Vorteile der gezielten Ernährungstherapie: Abwehrkräfte stabilisieren sich, die Therapietoleranz steigt. Masin: „Mit Ernährung kann man keine Erkrankung heilen, ohne aber auch nicht. Gut ernährte Patienten können besser und mit weniger Nebenwirkungen behandelt werden als ein ausgezehrter Patient“, ist Masin überzeugt.

Nicht erst wenn „die Knochen klappern“

Gerade Onkologen nähmen oft billigend in Kauf, dass ihre Patienten während der Therapie an Gewicht verlieren, kritisiert der Doktor der Gesundheitswissenschaften (Dr. rer. medic.) und Honorarprofessor der „Mathias Hochschule“ in Rheine für den Bereich Klinische Ernährung. Dabei sei es eigentlich ganz einfach: „Wenn wir die Patienten ernähren, geht es ihnen besser.“ Für ihn steht fest, dass Ernährungsmedizin von Anfang an zur Chemotherapie dazugehört und nicht erst, wenn, wie es in Medizinerkreisen manchmal heißt, „die Knochen klappern“. Ernährungsteams in Kliniken könnten helfen, etablierten sich aber nur langsam.

Die Patienten blieben allein mit ihrem Problem, probierten aus, scheiterten. Dabei sind die Folgen einer Kachexie (Auszehrung) deutlich: Die Komplikationsrate steigt, ebenso die Zahl der Infektionen.

Lebensqualität erhöhen

Einige Patienten kommen irgendwann zu Masin, so wie eine schwerkranke Nürnbergerin, „eine junge Frau mit kleinem Sohn und Mann“, erzählt Markus Masin. Die Fränkin hatte einen Darminfarkt gehabt, ein Blutgefäß hatte sich verschlossen. Zweieinhalb Meter des abgestorbenen Organs mussten entfernt werden. Die Folge: Die junge Frau hatte 30 bis 60 Durchfälle am Tag. Nachdem sie vorübergehend künstlich ernährt worden sei, habe ihr Darm so trainiert werden können, dass sie nun wieder essen könne. „Soweit zu kommen, kann Wochen bis Jahre dauern. Aber es lohnt sich“, ist Ernährungsmediziner Masin überzeugt.

Vielen Patienten habe er das Leben retten, bei anderen habe er es verlängern, immer aber die Lebensqualität verbessern können. Er ist deshalb überzeugt: „Das Ignorieren ernährungsmedizinischer Optionen ist ein Kunstfehler. Wer nichts gegen Mangelernährung tut, fördert das ‚sozialverträgliche Frühableben‘. Das ist unmoralisch.“

Nur eine Nebendiagnose

Der 45-Jährige hat in London studiert und am Universitätsklinikum Münster als Diabetes-Wissenschaftler und Beauftragter für klinische Ernährung gearbeitet. Wenn er über Patienten berichtet, denen er helfen konnte, ist er froh – und wütend. Weil ihnen viel zu lange nicht geholfen wurde, weil es für manche fast zu spät war.

Es seien ungeliebte Patienten, die keiner haben wolle. Denn für die stationäre Behandlung der Mangelernährung in Deutschland gebe es seit 2014 keine Abrechnungsziffer mehr. In seltenen Fällen könne Mangelernährung als Nebendiagnose zu einer leichten Fallwert-Erhöhung führen. „Für Krankenhäuser ist mit diesen Patienten kein Geld zu verdienen.“

Als Vorstand der Deutschen Stiftung gegen Mangelernährung (DSGME) hat Masin einen Antrag auf Korrektur der Abrechnungsmöglichkeit beim Gemeinsamen Bundesausschuss eingereicht, dem höchsten Gremium der Ärzte und Krankenkassen, das den Leistungskatalog der Kassen bestimmt – „der Antrag liegt dort seit zwei Jahren“.

16000 Patienten

Am Uni-Klinikum Münster seien seit 1995 etwa 16000 onkologische Patienten ernährungsmedizinisch behandelt worden. Oft reiche eine Beratung, damit sich die Patienten wieder vollwertig, abwechslungsreich und individuell ernähren können.

Ist das nicht möglich, gibt es die „Astronautenkost“, die getrunken oder über Sonden gegeben werden kann. Dritte Variante ist eine parenterale Gabe über die Vene.

Egal welche Methode man wählt, die Zusammensetzung muss stimmen. „Viele Patienten meiden instinktiv Fett und Eiweiß.“ Nehmen sie ab, würde ihnen meist Astronautenkost empfohlen. Die enthält meist viel Glukose, die den Patienten dann aber eher schade. Wichtige Nährstoffe fehlten.

Depots wieder auffüllen

Dementsprechend schlecht sei es einer Patientin gegangen, die zwölf Jahre lang kaum Nährstoffe habe aufnehmen können. Mithilfe von Enzymen sei sie nach zwei Tagen frei von Durchfall gewesen. Ihre Nährstoff-Depots seien in einem einwöchigen Klinikaufenthalt intravenös aufgefüllt worden, die Weiterbehandlung laufe ambulant. „Auch diese Unterstützung braucht sie in einem halben Jahr vermutlich nicht mehr.“

Weil aber selbst die ambulante Betreuung mangelernährter Patienten nicht die Regel ist, hat Masin mit seiner Stiftung ein medizinisches Versorgungszentren im sächsischen Sangerhausen eröffnet, „für die Zulassung haben wir zwei Jahre gekämpft.“ Weitere seien in Heilbronn und Stendal geplant. Wie sich das rechnet? „Wir subventionieren die Ernährungsberatung durch die allgemeinmedizinische und internistische Medizin.“ Höchste Zeit, diese Lücke im System zu schließen.


Mangelernährung in Europa: Bis zu 20 Millionen betroffen

Schätzungen zufolge haben in Europa 33 Millionen Menschen das Risiko einer Mangelernährung. Ältere Menschen, die allein zu Hause oder in Pflegeeinrichtungen leben, sind besonders gefährdet. Bei dieser Gruppe kann der abnehmende Appetit in Verbindung mit anderen Faktoren zu einer verminderten Nahrungs- und Nährstoffaufnahme führen. Weitere Risikogruppen sind chronisch Kranke, arme oder sozial isolierte Menschen und Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt. 2011 wurden Regierungen und Bürger der EU in Warschau auf einer internationalen Konferenz unter Schirmherrschaft der polnischen EU-Ratspräsidentschaft gewarnt, dass krankheitsbedingte Mangelernährung ein ernstes Problem der Volksgesundheit in Europa darstelle, das bis zu 20 Millionen Bürger betreffe. Auf der Konferenz wurden vier Schlüsselbereiche definiert, um den negativen Folgen der Mangelernährung auf Patienten und Gesundheitssysteme entgegenzuwirken. Regierungen, nationale und lokale Behörden, medizinische Fachkräfte, Patienten, Pflegepersonal, die Wirtschaft und Krankenkassen wurden ermuntert, partnerschaftlich folgende Bereiche zu fördern: Die EU-weite Einführung eines routinemäßigen Screenings auf Ernährungsrisiken, eine öffentliche Sensibilisierung, Strategien zur Kostenerstattung und die Ausbildung des medizinischen Personals.

1 Kommentar