17.10.2014, 15:21 Uhr

GMHütte hofft auf 3,9 Millionen Klinikum Dissen: Zum letzten Mal das Skalpell gezückt


Dissen. Der Chirurg hat das Skalpell an der Robert-Koch-Straße zum letzten Mal gezückt. Die Zimmer auf der Geburtsstation sind – fast – verwaist. Nur noch 55 Patienten müssen die Schwestern morgens mit Fieberthermometer und Blutdruckmesser in der Hand wecken. Und es werden immer weniger. Das sieht der Schließungsplan vor, den Geschäftsführer Georg Sartorius im Gespräch mit unserer Redaktion vorstellt. Ein Krankenhaus wickelt sich ab.

Der Zeitplan: Das Aus kommt auf Raten: Am 27. Oktober werden die Unterschriften unter den Sozialplan gesetzt. Der Betrieb im Dissener Krankenhaus wird schon zum 25. Oktober eingestellt. Aber nicht so ganz: Auf der Inneren Abteilung dreht sich weiterhin alles um die 32 Patienten, die hier behandelt werden können, bis die modernisierte Internistische Abteilung am Standort Georgsmarienhütte bereit zur Aufnahme ist. Im Frühjahr soll es so weit sein. Schon vorher, wahrscheinlich im Januar, soll das Klinikum Osnabrücker Land (KOL) aus der Insolvenz entlassen werden,

Landesförderung: Beim Sozialministerium hat das Klinikum 3,9 Millionen Euro Förderung für GMHütte beantragt. „Und ich kann sagen, das Land ist bemüht, das Geld noch in diesem Jahr bereitzustellen“, freut sich Sartorius.

Personalzahlen: 456 Beschäftigte habe das KOL zum Zeitpunkt der Eröffnung der Planinsolvenz im Juli gehabt. 71 Mitarbeiter hätten sich in den letzten Monaten einen neuen Arbeitsplatz gesucht. 24 Pflegeschüler lernen im Klinikum Osnabrück weiter. Elf fertige Azubis werden nicht übernommen. 140 Angestellte arbeiten in Zukunft in GMHütte. Bleiben 210 Menschen, denen gekündigt werden soll.

Zwei Möglichkeiten für Kündigungsopfer: Den vereinbarten Sozialfonds statten das Land mit 2,5 Millionen Euro und die Krankenkassen mit etwa einer Million Euro aus. Die Transfergesellschaft, Anbieter soll die DEKRA werden, ist vorerst auf sieben Monate ausgerichtet, mit einer Öffnungsklausel für eine längere Laufzeit. Die Gekündigten haben zwei Möglichkeiten:

Ihre Kündigungsfrist beträgt drei Monate. Ihnen wird eine pauschale Abfindung von anderthalb Monatsgehältern angeboten. Eine wenig attraktive Option. Zweite Variante ist der Übergang in die Transfergesellschaft, wo die Mitarbeiter beraten, qualifiziert und vermittelt werden sollen.

Wer darf bleiben: Die Mitarbeiter, die am Standort GMHütte weiterarbeiten dürfen, wurden durch ein Punktesystem bestimmt und wissen bereits von ihrem Glück. Jedes Jahr der Betriebszugehörigkeit verschaffte einen Punkt, 0,25 Punkte gab es pro Lebensjahr, fünf Punkte für jedes unterhaltspflichtige Kind usw. „Die mit den meisten Punkten waren dabei“, fasst Sartorius die Auswahl der Sieger nach Punkten zusammen. Die Chefärzte Karl Groß aus Dissen, gleichzeitig Ärztlicher Direktor, und Lars-Rudolf Petertönjes, Chefarzt der Inneren in GMHütte, mussten keine Punkte zählen. Sie arbeiten beide in der neuen Inneren Abteilung GMHütte.

Klinikbetrieb: Die letzten Operationen laufen. Die Geburtshilfe ist so gut wie geschlossen, die Notfallambulanz noch wenige Tage geöffnet, so Sartorius. Viele Patienten werden schon jetzt auf andere Kliniken verteilt. „Wir gehen davon aus, dass wir am Samstag, 25. Oktober, keine Patienten mehr haben werden.“

Die Patienten: „Natürlich sind unsere Patienten enttäuscht und entrüstet. Die Verbundenheit des Ortes mit dem Krankenhaus ist unbeschreiblich“, das hat auch Sartorius in den letzten Monaten zu spüren bekommen.

Bestandsschutz : Der Bestandsschutz bis Ende 2015, den die Diakonie als Verkäuferin und das Klinikum Osnabrück als Käuferin 2011 vereinbart hatten, greift nicht. Der Passus ist offenbar so formuliert, dass der Vertragsgegenstand, also das Klinikum Osnabrücker Land, keinen Bestandsschutz geltend machen kann, weil er nicht Vertragspartner war.

Notfallversorgung : Nach Angaben des Landkreises ändert sich hier wenig: Der Notarztwagen, bisher in Dissen stationiert, wartet künftig an der Bad Rothenfelder Schüchtermann-Klinik auf seinen Einsatz. Patienten werden je nach Verfassung und Indikation in eine der umliegenden Kliniken oder die Schüchtermann-Klinik gebracht, aber nicht mehr ins Klinikum Dissen. „Auch die vorgeschriebenen Zeiten werden eingehalten“, versichert ein Landkreissprecher.

Was sagt das Klinikum Halle ? Nach Ansicht des Ministeriums sollen Patienten aus Dissen und Rothenfelde künftig ins Klinikum Halle fahren. Für das zum Klinikum Bielefeld gehörende Krankenhaus stelle die Versorgung von Patienten aus dem Südkreis kein Problem dar, sagt Michael Hanraths, der Ärztliche Direktor. „Natürlich trauen wir uns das zu.“ Mit den Fachrichtungen Allgemeinchirurgie, Anästhesie, operative Intensivmedizin und Notfallmedizin, Innere, Unfallchirurgie, Pneumologie, Schlaf- und Beatmungsmedizin und einer Belegklinik für Gynäkologie und Geburtshilfe sei man bestens aufgestellt.

Praxen: Die Urologen am Klinikum haben ihre Praxisräume zum 31. März gekündigt. Die Rheumatologen sind schon nicht mehr da. Und die onkologische Ambulanz hatte schon im Frühjahr ihre Türen verschlossen.

Die Gebäude: „Mit den Gebäuden in Dissen machen wir nichts“, sagt Sartorius. Sie würden lediglich abgesichert. Alle medizinischen Geräte und Möbel sollen verkauft werden. Der Erlös fließt in die Insolvenzmasse.

Der Standort GMHütte: Der dann einzige KOL-Standort Georgsmarienhütte wird insgesamt 80 Krankenhausbetten haben, 48 für Geriatrie und Suchtbehandlung, 32 in der Inneren Abteilung. Weitere 35 Betten hat Haus Möhringsburg, eine Reha-Klinik für alkohol- und medikamentenabhängige Menschen.


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