31.10.2000, 23:00 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Wer helfen will, muss warten - und zahlen

Dissen (ahi)
Am Freitagabend um 22 Uhr waren sie aufgebrochen und standen bereits am Samstag um 15 Uhr an der rund 1000 Kiolmeter entfernten polnisch-russischen Grenze: die Dissener um das Ehepaar Weitzel und den gebürtigen Ostpreußen Louis-Ferdinand Schwarz mit ihrem Hilfstransport für das Samland . Doch bis die Hilfsgüter endlich die notleidenden Kinder erreichten, waren trotz akribischer Vorbereitung und Voranmeldung etliche bürokratische Hindernisse zu überwinden: "Wir haben zwei Tage für die Abwicklung beim Zoll gebraucht", berichteten Weitzels und Schwarz jetzt nach der Rückkehr.

Wie berichtet, hatten die Dissener ursprünglich vor, die zwölf Tonnen Hilfsgüter über das Kloster im polnischen Grenzort Braunsberg verteilen zu lassen. Neben vielen Privatleuten hatten dafür unter anderem die Firmen Schröer-Dreesmann aus Ankum, Braun/Schiwa aus Glandorf und Kasselmann aus Hagen Geld- und Sachspenden geleistet. "Aber dann sind wir doch nach Russland reingefahren, weil die Spenden ja für Russland und nicht für Polen bestimmt waren", erzählte Louis-Ferdinand Schwarz. Die Helfer wollten sicher gehen, dass die Sachen dort auch ankommen.

In Heiligenbeil auf der russischen Seite des Grenzübergangs begannen dann die Probleme: Zwar konnten die Dissener mit ihrem russischen Dolmetscher Leo Tobert abends ins rund 100 Kilometer entfernte Hotel nach Rauschen fahren, den verplombten Lkw mussten sie jedoch über Nacht an der Grenze auf dem Zollparkplatz stehen lassen – und allein dafür erst mal 208 DM Gebühr bezahlen: "Dabei war der Parkplatz riesig und leer, der Lkw stand keinem im Weg!" Am nächsten Morgen hatten sie dann Schwierigkeiten, überhaupt zurück auf das Gelände zum Lkw zu kommen: "Wir mussten durch drei Wachen und drei Mal den Pass vorzeigen. Beim letzten Mal wurde der Pass dann einbehalten gegen einen kleinen Zettel, für den wir ihn später zurückbekamen", berichtete Schwarz. Und erzählte weiter: "Um 11 Uhr waren wir da und um 17 Uhr erst fertig. In den sechs Stunden hat der Zoll drei Formulare gefertigt und davon noch eines falsch." Während die Zollbeamten über die Höhe und die Währung der Gebühr feilschten – "mal sollten wir in Dollar, dann wieder in DM oder in Rubel bezahlen" –, mussten die Dissener draußen vorm Schalterfenster warten. Weder durften sie sich drinnen im Gebäude aufwärmen, noch bekamen sie während der sechsstündigen Wartezeit auch nur einen Sitzplatz oder einen Kaffee angeboten: "Es war eine Kantine da, aber da durften nur die Leute vom Zoll rein", ärgerte sich Schwarz auch jetzt noch über die "unmögliche Behandlung".

So blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich zwischendurch ins Auto zu setzen und sich aus zum Glück vorsorglich mitgebrachten Thermosflaschen zu stärken. Ein Glück, so Petra Weitzel, war auch, dass sie mit Leo Tobert einen Dolmetscher dabei hatten. Denn die Formulare, auf denen die Dissener unter anderem unterschreiben mussten, dass die für die Kinderheime gespendete Schokolade "genießbar ist", waren natürlich alle in kyrillischer Schrift abgefasst: "Ohne Dolmetscher wäre das gar nicht möglich gewesen."

Schließlich durften die Dissener den Lkw 50 Kilometer weiter zum Zollhof in Königsberg fahren. Doch vor dem Abladen mussten sie zahlen: "200 DM an den Zoll, 500 DM Gebühr und dann noch mal 50 DM, ich weiß auch nicht wofür. Alles ohne Belege", berichtete Schwarz. Dabei seien sie anscheinend noch günstig davongekommen, denn Leo Tobert kannte einen der Zollbeamten; er war mit ihm zusammen zur Schule gegangen. Beim Abladen halfen dann rund ein Dutzend Mitarbeiter aus den Kinderheimen, die sich riesig über die Hilfsgüter gefreut hätten: "Alles ist an drei Kinderheime gegangen, und zwar in Rauschen, Neukuhren und Kraam", konnten die Helfer auf diese Weise sicher sein. Da Theo Dückinghaus von der Ankumer Firma Schröer-Dreesmann den Lkw schon am Mittwoch wieder in Deutschland einsetzen musste, ist er direkt vom Zollhof aus wieder nach Hause gefahren. Die anderen reisten wieder ins 40 Kilometer nördlich von Königsberg an der Ostsee gelegene Rauschen, wo sie den Pkw auf dem bewachten Hotelparkplatz abstellen konnten. Die im Pkw transportierte Schokolade, deren Genießbarkeit die Zollbeamten so bezweifelt hatten, machte am nächsten Tag die kleinen Bewohner des dortigen Heims für lungenkranke Kinder glücklich. Für die Dissener war der Anblick des Kinderheims allerdings ein Schock: Direkt daneben qualmten nämlich die Schlote eines braunkohlebetriebenen Heizkraftwerkes.

Während die anderen nach kurzem Aufenthalt in Rauschen und einem Spaziergang über die Kurische Nehrung wieder nach Dissen zurückfuhren, blieb Louis-Ferdinand Schwarz noch bis zum Mittwoch in seiner alten Heimat. Trotz der immer noch überwiegend sehr schlechten Straßenverhältnisse habe sich dort gegenüber seinen ersten Besuchen schon viel getan, berichtete er: "Viele Straßen sind schon gemacht. Es gibt Geschäfte in Königsberg, und es hat sich alles sehr, sehr stark verändert", stellte er fest. Im Gespräch mit einem KGB-Mann, "dem stellvertretenden Leiter der Abteilung Ideologie", habe er aber auch deutlich gemacht, was alle Helfer aus Dissen empfanden: "Wenn ihr uns weiter solche Schwierigkeiten macht, haben wir keine Lust mehr, solche Hilfstransporte zu machen!"


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