06.01.2012, 12:44 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Im ersten Leben in Hildesheim Serienstart Bahnofsgeschichte(n): Die Grande Dame in Dissen/Bad Rothenfelde


Dissen/Bad Rothenfelde. Er ist der einstmals strahlende Mittelpunkt der 1886 eröffneten Haller-Willem-Strecke zwischen Osnabrück und Bielefeld: der Bahnhof Dissen/Bad Rothenfelde – mit dem Charme einer Grande Dame aus ferner Zeit.

In der Tat schlug die Geburtsstunde des repräsentativen Schweizer-Fachwerk-Baus schon Mitte des 19. Jahrhunderts. In seinem ersten Leben diente das lang gestreckte Gebäude mit der charakteristischen flachen Dachneigung und der Schieferschindelung als erster Bahnhof von Hildesheim und war als solcher 1846 von den „Königlich Hannöverschen Staatseisenbahnen“ eröffnet worden. Als man dort 1884 einen größeren Bahnhof baute, wurde das gut erhaltene erste Stationsgebäude abgetragen und in Dissen-Rothenfelde wiederaufgebaut.

So konnten die beiden Orte, die sich zunächst an den Stammtischen einen regelrechten „Eisenbahnkrieg“ über den Standort des Bahnhofs geliefert hatten, zur Eröffnung der Strecke im August 1886 gemeinsam mit einem höchst ansehnlichen Bahnhofs-Ensemble aufwarten: Das schmucke Stationsgebäude enthielt neben der „Billett- und Gepäckexpedition“ und der „Privatdepeschenannahme“ zwei Wartesäle mit Restauration (1. und 2. Klasse sowie 3. und 4. Klasse) und ein Nichtraucherzimmer; ferner ein „Retiradengebäude“ (öffentliche Toilette) mit „Spritzenraum“ (Feuerlöscheinrichtungen), einen großen Güterschuppen, eine Weichenstellerbude und ein Bahnmeisterwohngebäude. Ein imposanter Wasserturm für den Dampflokbetrieb war weithin sichtbar. Er wurde 1979 abgerissen. Von den beiden in den 30er-Jahren errichteten Stellwerken existiert noch Dissen-Ost, das sich heute im Besitz des Heimatvereins befindet und von einem Radioamateurclub genutzt wird. Auch der Bahnhof selbst wird heute nicht mehr für eisenbahntechnische Belange gebraucht, moderne signaltechnische Anlagen steuern den Bahnbetrieb aus der Ferne.

Schon bald nach ihrer Eröffnung sorgte die Eisenbahnstrecke zwischen Ostwestfalen und dem südlichen Osnabrücker Land für einen wirtschaftlichen Aufschwung: Sowohl das starke Dissener Unternehmertum als auch die Kurbetriebe des aufstrebenden Badeortes Rothenfelde hätten von dem Eisenbahnanschluss profitiert, berichtet Rosemarie Rieke. Die Vorsitzende des Dissener Heimatvereins hatte zum 125-jährigen Bestehen der Bahnstrecke im September 2011 eine Ausstellung mit alten Fotografien und Postkarten, Urkunden und Zeitungsausschnitten gestaltet. Erlebte der Bahnhof in seinen Anfängen vor allem florierenden Warenumschlag, gut gelaunte Kurgäste und Ausflügler, so zogen im Ersten Weltkrieg Soldaten von hier aus in den Krieg, brachten im Zweiten Weltkrieg Lazarettzüge Verwundete zu den Sanatorien in Bad Rothenfelde.

Nach einem erneuten Aufblühen in den Jahren des Wirtschaftswunders blieben in den 80er-Jahren die Reisenden aus. 1984 wurde der Personenverkehr, 1992 der Güterverkehr zwischen Dissen und Osnabrück stillgelegt. Auf westfälischer Seite blieb die Verbindung von Dissen-Bad Rothenfelde nach Bielefeld in Betrieb, wurde zur Expo 2000 umfassend modernisiert und konnte einen deutlichen Fahrgastzuwachs erzielen.

Diese Entwicklung war 1991 für die Initiative Haller Willem Motivation, mit Ideenreichtum und Durchhaltevermögen für die Wiederinbetriebnahme des Haller Willem in Richtung Osnabrück zu werben. Im Juni 2005 gelang dann die in Niedersachsen einmalige Reaktivierung einer ruhenden Bahnstrecke. Seitdem herrscht auf dem alten Bahnhof, der nicht länger Endstation war, wieder reger Betrieb. Jede Stunde läuft ein moderner Talent-Triebwagen ein und transportiert Schüler, Studenten, Berufstätige, Touristen und Shoppingkunden zu ihren Zielen.

In dem ehemaligen Wartesaal hat sich seit 1992 der Jazzclub Dissen als „einziger mit Gleisanschluss“ atmosphärisch adäquat eingerichtet und erfreut sich wohlwollender Unterstützung vom neuen Eigentümer Franz Gausepohl, der den Bahnhof und das umgebende Areal im Jahre 2002 von der Bahn erwarb und sich mitfreut.

Verjüngungskur

Auch für die inzwischen fast 166 Jahre alte Bausub- stanz der Grande Dame hat eine Verjüngungskur begonnen. Erst kürzlich ist der ehemalige Güterschuppen unter Einbeziehung des vorhandenen Holzgebälks zu einer lichten Tagungs- und Festhalle mit angrenzendem Wintergarten umgebaut worden. Erste Veranstaltungen haben bereits stattgefunden. „Highlight 2011 war die Benefiz-Gala mit Alfons Schuhbeck zugunsten der Dissener Außenstelle der Osnabrücker Tafel“, sagt Kai Brand von der Unternehmensgruppe Gausepohl. Für das einstige Empfangsgebäude entwickele das Unternehmen noch Nutzungsideen: „Bei einem Bier und einer Thüringer Bratwurst oder einem Steak den Haller Willem einlaufen zu sehen, das wäre doch was“, lässt Brand die Fantasie spielen. Auch Pläne für eine schon länger angedachte Verkaufsladenfläche seien noch aktuell. Bis dahin aber nimmt der Reisende gern mit dem Angebot von Martins Bahnhofskiosk vorlieb: Hier gibt es seit gut einem Jahr jeden Tag von 7 bis 19 Uhr heißen Kaffee, kühle Getränke und kleine Naschereien.


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