18.04.2017, 20:04 Uhr

Serie „Eine Stunde mit...“ Bramscher Tagespflege im Rhythmus der Gäste


Bramsche. Tagespflege für Senioren boomt – auch in Bramsche: Hier ist die Zahl dieser Einrichtungen innerhalb kurzer Zeit von einer auf nun drei gestiegen. Was das Besondere dieser Betreuungsform ist, hat sich unsere Redaktion in der Tagespflege des Christlichen Pflegedienstes angeschaut.

Es ist Mittwoch, vormittags, gegen 10 Uhr: Wiebke Schumacher und ihre Gäste haben gefrühstückt und sich anschließend mit den lokalen Themen der aktuellen „Bramscher Nachrichten“ befasst. Nun ist das Horoskop an der Reihe. „Frau Müller*, wann haben Sie nochmal Geburtstag?“ oder „Herr Meyer*, was ist Ihr Sternzeichen?“ fragt Schumacher hier und da nach – auch wenn sie es eigentlich ganz genau weiß. Schließlich kennt sie die älteren Menschen sehr gut, die hier ihre Gäste sind: In der Tagespflege des Christlichen Pflegedienstes Bramsche, für die Schumacher arbeitet.

Fähigkeiten fördern

Warum sie dann überhaupt nachfragt? „Es geht um die Aktivierung der Gäste“, erklärt Svenja Recker, die Leiterin der Tagespflege. Das heißt: „Wir fördern und fordern die geistigen und motorischen Fähigkeiten“, so Recker weiter. Dass diese Kompetenzen unterschiedlich stark ausgeprägt sind, wird dabei natürlich berücksichtigt: „Im Moment haben wir eine Altersspanne von 58 bis 95 Jahren“, berichtet Recker weiter. Manche sind schwer pflegebedürftig. Ihren Angehörigen ermöglicht die Tagespflege, eine Auszeit zu nehmen, durchzuschnaufen und Dinge zu erledigen, zu denen sie sonst kaum kommen. Andere wiederum nutzen das Angebot des Christlichen Pflegedienstes „eher, weil sie hier in Gesellschaft sind und beschäftigt werden“, so Recker.

An jedem Wochentag, von montags bis freitags, kommen die Gäste ab 8 Uhr an. Vier Fahrer gewährleisten einen Hol- und Bringdienst, einige werden aber auch von Familienmitgliedern gebracht und nachmittags um 16 Uhr wieder abgeholt. 15 Gäste sind es pro Tag, manche kommen nur einmal pro Woche, andere täglich.

Rituale und Rhythmus

Ein morgendliches Ritual: Nach dem Frühstück liest Wiebke Schumacher aus der Zeitung vor.

Frühstück, Zeitunglesen, das Horoskop - „das gehört zu unseren Ritualen“, sagt Recker. Ansonsten aber gilt: „Den Rhythmus hier bestimmen unsere Gäste“, betont Recker. Denn: „Wenn niemand Lust hat zu singen, hat es ja keinen Sinn, wenn wir uns trotzdem vor die Leute stellen und grölen“, lacht Recker, die ursprünglich eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht hat, dann zur Tagespflege wechselte und sich zur Pflegedienstleitung fortbildete. Auch ihre Kolleginnen – sechs Kräfte sind im Schichtdienst tätig – hätten zuvor in verwandten Berufsfeldern gearbeitet. „Eine spezielle Ausbildung für Tagespflege gibt es nicht“, sagt Recker, die froh ist, diesen beruflichen Weg eingeschlagen zu haben. „Ich kann mich hier viel mehr den Menschen zuwenden, als es im Krankenhaus-Alltag möglich ist“.

Eher Betreuung als Pflege

Eben diese Zuwendung ist auch nötig, um einen Disput zweier älterer Herren um eine Schale Obst zu entschärfen. Schnell ist Nachschub organisiert. Hier kommt keiner zu kurz. „Man muss ja immer im Hinterkopf haben: Unsere Gäste sind sich untereinander im Grunde fremd. Und jeder kommt mit seinen ganz persönlichen Einstellungen, Lebenserfahrungen und Erlebnissen hierhin“, weiß Recker, die den Begriff der Tagespflege nicht ganz treffend findet: „Ich würde eher von einer Tagesbetreuung oder Tagesgruppe sprechen“.

Sportliche Betätigung steht nun an: Die Gäste sitzen im Kreis, werfen sich Bälle zu. Wiebke Schumacher und Kolleginnen ermuntern auch zu einzelnen, gezielten Übungen für den Bewegungsapparat. Jeder nach seinem persönlichen Können. Fördern und fordern. Zuletzt gilt es, gemeinsam Bälle auf einem Schwungtuch kreisen zu lassen, ohne dass sie herunterfallen. „Wenn Sie das nicht schaffen, gibt es heute kein Mittagessen“, ruft Wiebke Schumacher – und alle lachen.

Die Mahlzeit wird natürlich stattfinden, auch sie gehört zu den Ritualen. Danach werden sich einige vielleicht zu einem Mittagsschlaf zurückziehen, Räume dafür stehen zur Verfügung. Andere werden gemeinsam singen. Oder Gesellschaftsspiele spielen. Oder basteln. Den Rhythmus hier bestimmen die Gäste.

Kontakt: Pflegedienstleitung Svenja Recker, Tel. 05461/708-21

*Die Namen der Tagespflege-Gäste sind geändert


Die erste Tagespflege-Einrichtung in Deutschland hat bereits 1973 eröffnet. Doch lange Zeit führte diese Betreuungsform ein Schattendasein, weil die Pflegeversicherungen die Kosten mit anderen Leistungen verrechneten. Erst seit 2008 gibt es einen eigenen Finanzierungs-“Topf“, der es Betroffenen ermöglicht, häusliche Pflege und Tagespflege ohne finanzielle Nachteile zugleich in Anspruch zu nehmen. Mittlerweile gibt es rund 4500 Einrichtungen.

2009 eröffnete der Christliche Pflegedienst Bramsche (CPB) seine Tagespflege, es war die erste und bis vor Kurzem auch einzige in der Tuchmacherstadt. Erst jüngst kamen weitere Angebote durch den Arbeiter-Samariterbund in der Münsterstraße (Kontakt: Pflegedienstleitung Hannelore Ulrich, Tel. 05461/9696-295) und Utes Pflegedienst in der Danziger Straße hinzu (Kontakt: Tel. 05461/9086981). 

Der CPB-Tagespflege steht derweil ein Umzug bevor: Voraussichtlich ab Ende Juni wird sie in einem neuen Anbau am Hauptsitz des Pflegedienstes in der Großen Str. 52 untergebracht sein. Dann können täglich 20 Gäste betreut werden. Derzeit werden noch Räume in den Niels-Stensen-Kliniken genutzt. 

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