03.12.2016, 10:47 Uhr

BN-Adventsserie: Angekommen Resmie Koch: Aus Albanien nach Bramsche

Das passt: Fußball-Fan Resmie Koch im Bistro Rebano mit Deutschland-Trikot und Schal von Albanien, das im Sommer 2016 erstmals an einer Europameisterschaft teilnahm. Foto: Bistro RebanoDas passt: Fußball-Fan Resmie Koch im Bistro Rebano mit Deutschland-Trikot und Schal von Albanien, das im Sommer 2016 erstmals an einer Europameisterschaft teilnahm. Foto: Bistro Rebano

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie kommen aus Portugal, den Niederlanden oder Syrien, sind vor Krieg und Verfolgung geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die BN-Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen: Heute: Resmie Koch aus Albanien.

Tirana, Albanien, am 3. Juli 1990: Ein Lkw durchbricht die Mauer, die das Anwesen der deutschen Botschaft in der Hauptstadt des südosteuropäischen Landes umgibt: Vier Männer dringen ein, wollen auf diese spektakuläre Weise ihre Ausreise erzwingen. Die Diplomaten reagieren umgehend - durch Nichtstun: Sie lassen das Loch einfach offen, absichtlich, um eine Massenflucht zu provozieren und damit die kommunistische Herrschaft zu erschüttern. Es funktioniert: Den ersten vier Männern folgen mehr als 3000 weitere Albaner. Eine von ihnen ist die heutige Bramscherin Resmie Koch, die damals noch Resmie Bano heißt.

24 Jahre alt ist Resmie in diesem Sommer 1990. Als sie von der geöffneten Botschaft hört, steht für sie sofort fest: „Da muss ich hin“. Raus aus dem Land will sie, einem Land, „in dem es schlimmer war als in der DDR“, wie sie sagt. Und in dem sie unter dem strengen Regime kaum eine Möglichkeit bekommt, ihr Leben so zu leben, wie sie es möchte.

Vater im Gefängnis

Die Unterdrückung ihrer Familie beginnt schon, bevor Resmie überhaupt geboren wird. „Mein Vater war während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland“, berichtet Resmie. Danach kehrt er nach Albanien zurück, um sein Land wieder mit aufzubauen - wird aber umgehend wegen Unterstützung der Nationalsozialisten in Haft genommen. Zehn Jahre lang sitzt er im Knast.

Danach bekommt er mit seiner Frau drei Töchter und zwei Söhne. Doch die haben keine Chance, sich frei zu entwickeln. Resmie wird Mechanikerin. Das war nicht schlecht, sagt sie, „ich habe viel Handwerkliches gelernt“. Aber es ist nicht das, was sie sich vorgestellt hat: „Ich war richtig gut in der Schule, besonders in Mathe und Sport“, erinnert sich Resmie. Ein Studium aber wird ihr verweigert. Und noch ein weiterer Traum platzt: „Ich war eine sehr gute Läuferin und hätte an Olympischen Spielen teilnehmen können. Aber ich durfte nicht“.

Tage voller Hoffen und Bangen

Die Machthaber in Tirana hatten lange die Kraft, ihren Landsleuten einen fremden Willen aufzuzwingen. Aber nicht mehr im Sommer 1990: In der deutschen Botschaft und mittlerweile einigen weiteren Vertretungen westeuropäischer Staaten erleben Resmie und tausende weitere Albaner Tage zwischen Hoffen und Bangen. Dann endlich die erlösende Nachricht: Sie dürfen ausreisen.

Resmie setzt mit dem Schiff nach Italien über. Von dort geht es per Zug nach Deutschland, nach Friedland. Ein Bruder und eine Schwester kommen kurz darauf an. Vom Aufnahmelager geht es weiter nach Herzberg im Harz. „Dort habe ich zwei Jahre lang gelebt und Deutsch gelernt“, erzählt Resmie, die heute noch dankbar ist, „wie warmherzig die Menschen dort sich um uns gekümmert haben“. Danach zieht zunächst nach Göttingen. Doch schon bald entsteht der Wunsch, sich im Osnabrücker Raum niederzulassen. „Mein Bruder wohnte dort“.

Eine Wohnung findet Resmie in Bramsche. Und sie beginnt, hier Fuß zu fassen. Sie bekommt Arbeit bei den Buchbinderbetrieben. Aber: „Das war Saisonarbeit, ich wollte etwas Dauerhaftes“. Sie überlegt, eine Umschulung zur Krankenschwester zu machen. „Ich brauchte nach einem Verkehrsunfall sechs Monate lang Unterstützung und habe da gelernt, wie wertvoll die Arbeit in der Pflege ist. Davon wollte ich etwas zurückgeben“, begründet sie. Letztlich aber sei sich nicht sicher gewesen, „ob ich das wirklich kann“. Resmie wird stattdessen Köchin, arbeitet für einen Partyservice und in der Bramscher Kneipe „Manhattan“.

Seit elf Jahren „Rebano“

Vor elf Jahren bietet sich die Gelegenheit, sich selbstständig zu machen. Sie übernimmt das „Schapo Klack“ an der Ecke Bahnhof-/Lindenstraße und tauft es um in „Rebano“, angelehnt an ihren Namen Resmie Bano. „Geheiratet und meinen Nachnamen geändert habe ich erst ein Jahr später, sonst würde es vielleicht ganz anders heißen“, lacht Resmie. Mit ihrem Mann Axel Koch betreibt sie das „Rebano“ gemeinsam.Wie lange sie noch fast jeden Abend hinter dem Tresen stehen werden, weiß Resmie nicht: „Eigentlich wollte ich mit 50 aufhören - hat aber nicht geklappt“, grinst die heute 51-Jährige. Eines steht für Resmie Koch allerdings fest: Egal, was das Leben noch mit sich bringen wird, „ich will in Bramsche alt werden und nie mehr woanders leben. Hier habe ich meine Familie, Nichten und Neffen, meine Freunde. Bramsche ist meine Heimat, mein Zuhause“.


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