30.11.2016, 10:29 Uhr

BN-Serie: Angekommen Ein Holländer in Bramsche: Lachen ist das Wichtigste

„Sjoelen“ ist ein traditionelles holländisches Brettspiel, das Brunhilde und Jan van den Maagdenberg immer wieder mit Begeisterung spielen, gern auch draußen und gern auch mit Gästen. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke„Sjoelen“ ist ein traditionelles holländisches Brettspiel, das Brunhilde und Jan van den Maagdenberg immer wieder mit Begeisterung spielen, gern auch draußen und gern auch mit Gästen. Foto: Hildegard Wekenborg-Placke

Bramsche. Sie leben in Bramsche, Neuenkirchen-Vörden, Rieste. Manche seit Jahrzehnten, andere erst seit ein paar Monaten. Sie sind geflohen oder haben Arbeit gesucht und manchmal auch die große Liebe gefunden. Die BN-Adventsserie „Angekommen“ beschreibt moderne Herbergssuchen. Heute: Jan van den Maagdenberg aus Holland.

„Bevor wir uns unterhalten, müssen Sie erst mit mir einen Kaffee trinken. Das ist einfach so“. Jan van den Maagdenberg lacht, als er die Tür des Reihenhauses am Bramscher Berg öffnet, dass seine deutsche Frau Brunhilde und er hier 1989 bezogen haben. Holländische Landeskunde Lektion 1: Ohne das „Kopje Koffie“ geht nichts. Selbst gebackene Kekse und Stollen (natürlich mit Butter) stehen auf dem Tisch. Ich nehme mir ein Stückchen Stollen: Van den Maagdenberg grinst: „Damit hätten Sie in Holland jetzt eine Totsünde begangen“. Landeskunde Lektion 2: „Der Gastgeber reicht den Teller oder die Dose, man bekommt ein Plätzchen. Und die Dose kommt wieder weg. Nie, aber wirklich nie, selbsttätig zugreifen“. Aber wir sind ja in Deutschland. Van den Maagdenberg, der aus Breda in der Nähe von Antwerpen stammt, lacht: „Wenn zwölf Leute da sind, gibt es exakt zwölf Stücke Kuchen. Wenn einer einfach ein Zweites nimmt, bleibt einer hungrig“. Seine Frau Brunhilde stammt von einem Bauernhof in Bohmte, wo sich, wenn Besuch erwartet wurde, eher die Tische unter den Torten bogen. Und prompt trat auch sie beim Besuch in der Heimat ihres Liebsten ins Fettnäpfchen.

Immer die doppelte Menge Zucker

Wo wir schon einmal bei den deutsch-holländischen (nicht „niederländischen“, das Wort mag van den Maagdenberg nicht) Unterschieden sind: Landeskunde Lektion 3: „Holländische Kekse und Gebäck müssen süß sein, erst dann sind sie richtig lecker“, sagt van den Maagdenberg und fordert mit einem Augenzwinkern nachdrücklich zum Zugreifen auf. Seine Frau ergänzt: „Ich nehme beim Backen immer schon die doppelte Menge Zucker.“

Die Sonnenstrahlen fallen wärmend durch die großen Scheiben des Hauses an der Brahmsstraße. Und wir kommen zu Landeskunde, Lektion 4: Dass Holländer keine oder nur selten Gardinen haben, ist kein Gerücht: „Nur sehr Reiche leisteten sich Gardinen. Auch die Geschichte von der „Gardinensteuer“ stimmt. Der „normale „Holländer“ (nicht „Niederländer)“ sitzt abends im hell erleuchteten Zimmer. Jeder kann hereinschauen. Diese Sitte hat mittlerweile auch Brunhilde van den Maagdenberg übernommen.

„Ich bin Holländer, aber ich liebe Deutschland“

„Ich habe einen holländischen Pass, ich bin und bleibe Holländer, aber ich liebe Deutschland“, sagt Jan van den Maagdenberg. Seine Lebensgeschichte ist die vieler ehemaliger Angehöriger der niederländischen Streitkräfte und ihrer Partner. Mit 24 Jahren kam der technische Offizier der Luftwaffe nach Deutschland, zuerst nach Hesepe, dann nach Bohmte, wo er seine Frau kennenlernte. Die liebte zwar ihren Jan, konnte sich aber nicht mit dem Gedanken anfreunden, nach Holland zu ziehen. „Also sind wir hier geblieben“, sagt der Rentner. Fortan führte das Ehepaar immer wieder eine Fernbeziehung. Eine Versetzung folgte auf die Andere. Die Armee schickte ihn nach Enschede, nach Stolzenau in der Nähe von Nienburg, zwischendurch sogar nach Amerika und schließlich ins niederländische Arnheim. „Hier war ich „für‘s Protokoll“ verantwortlich“, erzählt er. Viele Besuche bei der Truppe mussten organisiert werden, auch Mitglieder des Königshauses gingen auf dem Stützpunkt ein und aus.

Der Kronprinz und der Respekt vor dem Alter

Der heutige König Willem-Alexander hat bei Van den Maagdenberg einen nachdrücklich positiven Eindruck hinterlassen.“Man sollte ja eigentlich meinen, er sei irgendwie abgehoben. Aber ganz im Gegenteil. Willem-Alexander hat mich behandelt, als wäre ich sein Lehrer oder sein Chef. Ich habe ihn dann gefragt, warum das so sei. Sein Vater, Prinz Klaus, habe ihm beigebracht, Menschen, die älter seien, als er selbst, immer mit Respekt zu behandeln, sagte der damalige Thronfolger.“

Irgendwann wurde der Stützpunkt geschlossen, der Ingenieur verzichtete mit 52 Jahren zugunsten eines jüngeren Kollegen auf seinen Job und beschloss, in Deutschland neu durchzustarten. Brunhilde van den Maagdenberg arbeitete zu der Zeit als Chefsekretärin beim Tankstellenbetreiber Q1. Man kannte sich und wurde schnell einig. Technische Vorkenntnisse brachte der Ex-Militärangehörige mit, eine branchenspezifische Qualifizierung folgte. Der Niederländer war anschließend bis über die reguläre Pensionsgrenze hinaus im Qualitätsmanagement sowie bei technischen wie wirtschaftlichen Problemen als „Schnittstelle“ zwischen Tankstelle und Zentrale tätig.

Weltladen, Besuchsdienst, Seniorentreff

Van den Maagdenberg war viel unterwegs, zuhause war er aber die ganze Zeit in Bramsche. Hier suchte er nach der Pensionierung Möglichkeiten, sich ehrenamtlich einzubringen. Er fand sie unter anderem im Weltladen , wo er zum Beispiel den Internetauftritt betreut, aber auch in der Bücherei des Krankenhauses und im Besuchsdienst auf der internistischen Station. „Wenn mich jemand fragt, ‚Was wollen Sie‘, sage ich immer: Dass Sie einmal lachen. Vorher gehe ich nicht weg“, schmunzelt der Pensionär. Er hat es noch immer geschafft, „und wenn ich bis zum Abendessen bleibe“. Und er fährt fort: „Lachen ist das Wichtigste im Leben überhaupt. Man nimmt bei den Besuchen so viel Freude mit“. Außerdem organisiert der quirlige Ex-Soldat als Nachfolger von Siegfried Schulz den Seniorentreff im Alloheim. Den Pflegekräften spricht er dabei allerhöchstes Lob für ihren Einsatz aus. Er singt im Seniorenchor „Spätlese“ von Eva und Peter Gronemann und ist Feuer und Flamme für eine Idee der Ehrenamtsbeauftragten Maria Stuckenberg, die in Bramsche gern ein Repair-Café einrichten möchte.

Der Nikolaus mit dem Akzent

Falls sich am Wochenende jemand über den holländische Akzent des Nikolaus wundert? Richtig: Auch das ist Jan van den Maagdenberg. Landeskunde, Lektion 5. In Holland ist Sinterklaas wichtiger als Weihnachten. Der holländische Nikolaus wird immer vom Swarten Piet begleitet. Die Diskriminierungsdebatte um den Nikolaus-Helfer findet der holländische Bramscher blödsinnig. Und wird dennoch im nächsten Satz richtig energisch: „Wenn mich irgendwas total wütend macht, sind das, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. „Wir sind ein so reiches Land. Wir könnten das fünffache an Menschen aufnehmen, ohne trocken Brot essen zu müssen. Rechtes Gedankengut, nein, da vergeht selbst Jan van den Maagdenberg das Lachen .


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