28.10.2016, 14:57 Uhr

Bewegende Lesung Bramscher Gymnasiasten erinnern an 1. Weltkrieg


Bramsche. Beklemmende, nachdenklich stimmende Momente erlebten die Zuhörer bei der Text-, Ton- und Bildcollage „Der Kaiser rief - und alle, alle kamen“, die Schüler des 12. Jahrgangs am Donnerstagabend im Greselius-Gymnasiums vortrugen. „Es soll ein Beitrag im Kampf gegen das Vergessen sein“, sagte Burkhard Imeyer, der die Dokumente zusammengestellt hatte.

13 junge Frauen und Männer auf dem Podium, hinter sich das Porträt von Kaiser Wilhelm II als Kriegsherrn , 13 Stimmen, die lautstark „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“, schmettern, die bekannten Zeilen der „Wacht am Rhein“. Ganz plötzlich sind die Gymnasiasten aufgestanden, die Emotionalität des Marschliedes überträgt sich unwillkürlich auf die Zuhörer, die sich gleichzeitig fragend ansehen. Haben so die jungen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1914 geklungen, bevor sie sich in die Kampfhandlungen stürzten? Ein Teil der „Urkatastrophe des 20. Jahrhundert“, wie Burkhard Imeyer den Ersten Weltkrieg, den Spiegel zitierend, genannt hatte?

Der pensionierte Englischlehrer, den manch ein Zuhörer noch aus seiner Zeit am Bramscher Gymnasium kennt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Schülerinnen und Schülern klar zu machen, dass es Menschen ihres Alters waren, die damals anfänglich so begeistert in den Krieg zogen, die bald Teil des große Sterbens in den Schützengräben von Verdun sein sollten und von denen viele ihre Familien und Freunde nie wieder sahen. Imeyer und seine Frau Marliessind im Bildungszentrum Ruller Haus aktiv und im Medienzentrum Osnabrück, seine Beschäftigung mit dem 1. Weltkrieg geht aber schon mindestens 60 Jahre zurück, berichtet er. In den Bücherschränken von Verwandten fand er beim Stöbern „furchtbares Zeug“, geprägt von Hurra-Patriotismus und Nationalchauvinismus.

“Gespenster am toten Mann“

Aber er entdeckte auch Bücher Paul Ettighoffer, dessen Roman Buch „Verdun - das große Gericht“ in Frankreich heute noch Pflichtlektüre in der Schule ist. Passagen aus einem anderen Werk des Elsässers, den Kriegserinnerungen „Gespenster am toten Mann“, fanden Aufnahme in Imeyers Textcollage. In lakonischen, knappen Beschreibungen lassen die Gymnasiasten junge deutsche Soldaten aufleben, die hinter den Frontreihen mit jungen Französinnen pussieren, die von „Madame“, einer freundlichen ältere Dame, zum Kaffee eingeladen werden, Menschen, die sie nie wiedersehen sollen. Es folgen, unterbrochen durch Lied- und Gedichtfragmente, Szenen von beängstigender Realität: Der junge Soldat Paul, der in einem verlassenen Schützengraben Schutz sucht und erst, als die größte Gefahr vorbei ist feststellt, dass er sich an einen Toten gekauert hat. Dann die titelgebende Passage, die „Gespenster am toten Mann“. Das Massensterben hat „Offizier Segmüller“ um den Verstand gebracht.

Es sind Texte, die weniger bekannt sind als Remarques „Im Westen nicht Neues“, aus dem die Gymnasiasten ebenfalls rezitieren, aber nicht weniger verstörend.

Vom Kind zur jungen Frau

Als Gegenpart zu den Erinnerungen Ettighofers hat Imeyer Abschnitte aus dem Tagebuch der jungen Elfriede Kuhr aus dem westpreußischen Schneidemühl in die Collage eingearbeitet. Als Zwölfjährige sieht sie mit naiver Begeisterung die Züge an die Front fahren, aber bald folgen die Lazarettwagen, die Verwundeten, Sterbenden. Sie hört ihre Großmutter weinen, sieht, wie eine Mutter verzweifelt ihren Sohn sucht. Stimmengewirr wird im Hintergrund eingeblendet, ein Lied ertönt: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt*‘s ein Wiedersehen...“

Als „Reisegepäck im Frachtwagen“

Die Front erreicht das westpreußische Dorf nie, aber er bricht die starren Konventionen im Verhältnis der Geschlechter auf. Elfriede erlebt ihre erste Liebe. Der junge Fliegeroffizier überlebt den Einsatz nicht. „Als Reisegepäck im Frachtwagen“ wird der Sarg in die Heimat gebracht. Gestorben wird 1917 nicht mehr nur auf dem Schlachtfeld. Ein sechs Monate alter kleiner Junge stirbt in Elfriedes Armen - verhungert.

Die Gesichter der Gymnasiasten sind ernst, als sie ihre Texte vortragen, kein Ton ist im Publikum zu hören. Zum Schluss noch ein Lied : „Es zittern die morschen Knochen...Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt...“. Imeyer erläutert. : „Im Original heißt es: ‚heute, da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt...‘. Die HJ sang später „...und morgen gehört uns die ganze Welt“. Das Sterben war schnell verdrängt, ein Gedanke, der Imeyer in seinem Kampf gegen das Vergessen nicht ruhen lässt.

Tiefere Einblicke

„Wir haben bei der Beschäftigung mit dem Thema schon tiefere Einblicke gewonnen“, meint Martin Jänicke, der zu den insgesamt 23 Vortragenden gehört. Jeden Mittwoch haben sie sich zwei Stunden im Rahmen des Seminarfachs Europa mit ihrem Lehrer Markus Weißbrich mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt. „Ich glaube schon, dass wir jetzt offener über das Thema nachdenken“, ergänzt sein Mitschüler Leon Becker.


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