20.09.2016, 18:58 Uhr

Brief offenbar von Reichsbürgern Bramscher erhält 4-Cent-Post – wie kann das denn?


Bramsche. Merkwürdige Post hat der Bramscher Karl-Heinz S. vor ein paar Tagen bekommen: Geschrieben hat ihm eine „AG Sophie Scholl“, frankiert war der Brief mit nur vier Cent.

„Was hat es damit nur auf sich? Ich kann damit überhaupt nichts anfangen“, wundert sich Karl-Heinz S., als er das rätselhafte Schreiben in unserer Redaktion vorzeigt. Als Verfasser wird im Briefkopf eine „AG Sophie Scholl, Deutschland, Europa“ genannt. Im Sichtfenster des Umschlags jedoch stehen Karl-Heinz S. und seine Ehefrau – sowohl als Absender als auch als Adressaten. „Das ist doch merkwürdig“, findet S.

Und erst die Frankierung: Eine Briefmarke im Wert von nur vier Cent. Wie kann das denn, fragt sich S. und wird bei der Post vorstellig. „Dort wurde mir gesagt, dass so etwas im Einzelfall schon mal passieren kann, dass ein unterfrankierter Brief durchrutscht. Und ein Nachporto hätte der Zusteller nicht erheben können, weil ich auf dem Brief eben sowohl als Absender als auch als Empfänger stehe“, gibt er die Auskunft der Post weiter.

Ablehnung der Bundesrepublik

Die weiteren Recherchen unserer Redaktion zeigen: Karl-Heinz S. hat offensichtlich Post von einem oder mehreren Anhängern der sogenannten „Reichsbürger“-Bewegung erhalten. Wie etwa die Zentrale für politische Bildung aus Brandenburg erläutert, behaupten „Reichsbürger“, die Bundesrepublik habe nie existiert oder sei im Zuge der Wiedervereinigung verschwunden. Sie fordern die Rückkehr zu den Grenzen von 1937 und vertreten die Auffassung, dass das Deutsche Reich juristisch nicht untergegangen sei. Mit der Errichtung der Bundesrepublik sei nicht ein neuer deutscher Staat gegründet, sondern nur ein Teil von Deutschland neu organisiert worden. So wird die BRD als „Organisationsform einer Modalität der Fremdherrschaft“, kurz OMF oder auch als GmbH bezeichnet. Da die Bundesrepublik nach Ansicht der Reichsbürger nicht existiert, berufen sie sich auf ein Abkommen zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Weltpostverein aus dem Jahr 1875 sowie dem Reichspostgesetz von 1871, wenn sie unterfrankierte Briefe verschicken: Die dort festgelegten Tarife hätten noch heute Gültigkeit. Den Bezug dazu mache deutlich, wer auf das Kuvert „Non domestic F.R.G.“ („Nicht innerstaatlich BRD“) oder „Kriegsgefangenenpost“ schreibe oder die Postleitzahl in Klammern setze. Die Deutsche Post dementiert: „Das ist natürlich Unsinn“, sagt ein Sprecher. Der Weltpostvertrag besage nichts über nationale Preise und Tarife. Er lege Endvergütungen für grenzüberschreitende Sendungen. Dabei handele es sich nur um die Vergütungen zwischen Postunternehmen.

Zunehmend aggressiver

Doch nicht nur die Post ist von den Auswüchsen dieser Bewegung betroffen: Immer öfter haben auch Behörden massive Probleme mit Reichsbürgern , weil diese jegliche Maßnahmen des aus ihrer Sicht nicht existierenden Staates ablehnen und dabei zunehmend aggressiv auftreten. In unserer Region sind davon allerdings nur wenige Fälle bekannt. Und auch in Bramsche kann sich der Erste Stadtrat Ulrich Willems auf Anfrage nur an einen Vorfall aus dem Jahr 2013 erinnern: „Damals kam ein Mann in den Bürgerservice im Rathaus und behauptete, sein Personalausweis sei gefälscht . Er wollte einen neuen haben. Als wir das abgelehnt haben, wurde er derart aggressiv, dass wir die Polizei rufen mussten“. Reichsbürger fühlen sich als Widerstandskämpfer - dadurch wird auch der Bezug zu Sophie Scholl in dem Brief an Karl-Heinz S. deutlich: Sie kämpfte mit der „Weißen Rose“ gegen das Hitler-Regime.

Verschwörungstheorien

„Ja, aber was wollen die denn jetzt von mir?“, fragt sich S. allerdings immer noch. In ihrem Schreiben wirft die „AG Sophie Scholl“ die Frage auf, ob den Empfänger der Post „nicht auch das Gefühl beschleicht, daß [sic!] unsere Medien, ob nun TV, Radio oder Zeitung, ihrer Verpflichtung zur unabhängigen Berichterstattung nicht mehr nachkommen?“ Es würden „nachweislich gefälschte Informationen weitergegeben“ oder nur „Teilaspekte einer Nachricht übermittelt“ heißt es weiter, verbunden mit Tipps, in welchen „alternativen Medien“ im Internet man sich umfassender informieren könne. Darunter sind durchaus seriöse Quellen wie www.uebermedien.de genannt - einem Angebot des renommierten Journalisten Stefan Niggemeier, der sich kritisch mit der Medienbranche befasst. Aber auch Portale, in denen Untergangsszenarien und Verschwörungstheorien bis hin zum angeblichen „zionistischen Streben nach der Weltherrschaft“ verbreitet werden.

Karl-Heinz S. kann damit nichts anfangen: „Ich werde von den Medien gut und umfassend informiert“, ist der langjährige Leser der Bramscher Nachrichten überzeugt. Nur einen Rat der „AG Sophie Scholl“ wird er wohl befolgen: „Sprechen Sie mit ihren Verwandten, Bekannten und Freunden darüber“, schließt das Schreiben. Ja, das wird Karl-Heinz S. tun. Denn so merkwürdige Post hat er noch nie erhalten.


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