05.07.2016, 16:06 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Die drei von der Fundstelle Zu Besuch bei den Findern der Varusschlacht-Goldmünzen


Kalkriese. Es ist einer der wohl bedeutendsten Münzfunde in ganz Europa, und diese drei Männer sind dafür verantwortlich: Marc Rappe, Klaus Fehrs und Karsten Keune haben auf dem Gelände der Varusschlacht acht Goldmünzen zutage gebracht. Unsere Redaktion hat sie an der Grabungsstelle besucht.

Etwa zwei Tage habe es gedauert, sagt Karsten Keune, vorher begreife man nicht, was man da gefunden hat. Ist es so, als würde ein Sportler einen großen Titel gewinnen? „Als wenn Island jetzt Europameister werden würde“, sagt Keune. „Mindestens.“

Totale Euphorie

Man kann sich nicht vorstellen, dass Karsten Keune ein missmutiger Mensch ist, vermutlich ist er meistens gut gelaunt. Doch wenn er über die Münzfunde spricht, spricht aus ihm die totale Euphorie. Dasselbe gilt für seinen Kollegen Klaus Fehrs, nur Marc Rappe, der junge Ausgrabungsleiter, zeigt sich ein wenig reserviert. „Ja, der ist Ost-Westfale“, sagt Karsten Keune lachend. Damit wäre das ja geklärt.

Goldmünzen auf der Schaufel

Ein paar Wochen ist es mittlerweile her, als die drei von der Grabungsstelle plötzlich acht römische Goldmünzen auf der Schaufel hatten . Seitdem man in Kalkriese systematisch und wissenschaftlich buddelt, hat man insgesamt nur sieben Goldmünzen gefunden. Und nun acht auf einmal. Laut Varus-Geschäftsführer Joseph Rottmann ist das wohl einer der bedeutendsten zusammenhängenden Münzfunde in Europa, Landrat Michael Lübbersmann sprach mehrfach von einer „Sensation“, Medien in ganz Deutschland berichteten über das Wunder.

Münzen statt Müll

Zu so einem Wunder passt, dass die Münzen an einer Stelle entdeckt wurden, die niemand auf dem Zettel hatte, und deshalb wurde der Schatz nicht durch eine Sonde entdeckt und auch nicht durch ein Schäufelchen freigelegt - sondern durch eine Baggerschaufel. „Marc zieht mit dem Bagger immer dünne Schichten ab, die ich dann absuche“, sagt Klaus Fehrs.“ Die erste Münze hatten wir dabei sofort entdeckt, die ist mir fast entgegengesprungen.“ Zunächst nahm Fehrs den Fund nicht ernst. Seit 25 Jahren ist der GMHütter beim Museum und Park Kalkriese angestellt, bei seinen Sondengängen findet er ständig „neuzeitliches Zeug“, was ein schöner Euphemismus ist. Denn gemeint ist natürlich Müll.

„Ich dachte erst ‚Ach, wieder so ein blödes Ding‘“, sagt Fehrs, „Bonbonpapier oder so.“ Als er die Münze in die Hand nahm, merkte er allerdings sofort, dass dieses Fundstück nicht neuzeitlich, sondern antik war. Klaus Fehrs ging mit der Münze sofort zum Ausgrabungsleiter und Baggerführer, doch der fühlte sich nur auf den Arm genommen. „Er hat da drüben schon mal ein Späßchen mit mir gemacht und mir eine Replik hingelegt“, sagt Marc Rappe. Weil es aber nicht bei einer Münze blieb und sich rund um den Fundort des ersten noch viele weitere „Aurei“ fanden, konnte Rappe seine Skepsis nicht aufrechterhalten. „Ab der dritten Münze habe ich es dann auch geglaubt.“ (Weiterlesen: Bramsche zeigt Ausstellung „Piraten in der Antike“ )

Erstes Foto

Insgesamt sechs Münzen holten die Männer am ersten Tag aus dem Boden, am nächsten Tag kamen noch mal zwei hinzu, auch Karsten Keune holte Goldstücke aus dem Erdreich. Stellt sich die Frage: Was macht man, wenn man so einen Schatz gehoben hat? „Man macht erst mal so!“, sagt Keune, während er die rechte Hand hebt und Klaus Fehrs High Five gibt. Danach habe er die Münzen, noch in der Erde liegend, mit dem Handy fotografiert.

Verschwiegenheit ist Pflicht

Ganz normal also. Doch dann musste es professionell werden – und damit auch ziemlich quälend und ein bisschen irre. Denn die drei „Goldjungen“, wie sie intern genannt werden, durften nur ihren Kollegen von dem Fund erzählen - sonst niemandem. „Alle haben Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnet“, sagt Varusschlacht-Pressesprecherin Caroline Flöring. Die Verschwiegenheit hat ihren Sinn, schließlich gebe es ausreichend Beispiele von Ausgrabungen, bei denen die Funde sofort herausposaunt wurden und die Fundorte am nächsten Tag von privaten Schatzsuchern zertrampelt wurden. (Weiterlesen: Varusschlacht-Friedenszeichen sind wieder erhältlich )

20 000 bis 25 000 Euro pro Münze

Der Handelswert jeder einzelnen Münze liegt laut Varus-Geschäftsführer Joseph Rottmann bei 20 000 bis 25 000 Euro. Juckt es einen als Finder da nicht, von acht Münzen vielleicht eine in die Hosentasche fallen zu lassen? Und wenn nicht zum Verkauf, dann vielleicht, um sie für einen oder zwei Tage zu Hause einfach nur anzugucken? „Nein!“, „Auf keinen Fall!“, „Daran denkt man nicht eine Sekunde!“ Gut, mit solchen Antworten hätte man rechnen können. Klaus Fehrs aber weiß nachvollziehbar – zumindest für alle Nicht-Materialisten – zu erklären, warum nicht die Münzen selbst das Großartige für ihn sind. „Dieser Fund ist ja am Ende nur ein weiteres Puzzleteil, das dabei hilft, die Varusschlacht besser zu verstehen.“

Passionierter Sondengänger

Und darum geht es ihm, genauso wie seinen Mitstreitern. Karsten Keune etwa geht aus reiner Freude mit der Sonde den Kalkrieser Boden ab. Er ist Unternehmer aus Bonn und hat vor Jahren bei der Varusschlacht gefragt, ob man nicht ehrenamtliche Unterstützung von einem passionierten Sondengänger gebrauchen könne. Knapp vier Wochen im Jahr verbringt er nun im Osnabrücker Nordkreis.

Lehrmeister und Lehrling

Ausgrabungsleiter Marc Rappe wiederum ist noch Student. Gemeinsam mit seinem Archäologie-Professor Salvatore Ortisi, dem wissenschaftlichen Leiter der Varus-Ausgrabungen, ist er aus Köln nach Osnabrück gekommen, nächstes Jahr ziehen Lehrmeister und Lehrling dann weiter an die Uni München. Auf die Frage, wie es für einen Studenten ist, wenn er weiß, dass er vermutlich nie wieder in seinem Leben einen so spektakulären Fund haben wird, antwortet Rappe: „Ich rechne nur in wissenschaftlichen Veröffentlichungen.“ Für den Laien kaum zu glauben. Aber deswegen ist man auch wohl Laie.

Wem gehörten die Münzen?

„In der Wissenschaft ist der Befund oft wichtiger als der Fund“, sagt Joseph Rottmann. Und der Befund lautet in diesem Fall: Acht „Aureus“-Goldmünzen, auf heutige Verhältnisse entspricht das 30 000 bis 50 000 Euro, verteilt auf nicht mehr als einem Quadratmeter – da hat offenbar ein hochrangiger römischer Offizier einen dicken Sparstrumpf dabeigehabt. „Vielleicht, um damit die Germanenfürsten milde zu stimmen“, sagt Karsten Keune. Mit Gewissheit könne man laut Marc Rappe mittlerweile sagen, dass die Barschaft nicht vergraben wurde.

Zufallsfund

Gefunden wurden die Goldmünzen übrigens nur durch einen Zufall. In der Schneise, wo nun der spektakulärste Varus-Fund nach der Reitermaske zutage getreten ist, wird bald eine Art Forschungsstation gebaut, die den Museumsbesuchern die archäologische Arbeit näher bringen soll. Vorne, wo die Station entsteht, musste der Boden auf Fundstücke geprüft werden. Doch die Münzen fand man am Ende der Schneise. „Hier haben wir nur gesucht, weil wir als Museum besonders vorbildlich sein wollten“, sagt Marc Rappe.


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