05.11.2014, 07:32 Uhr

Sehen, wie Schule funktioniert Sprachlernklassen für Flüchtlingskinder in Hesepe


Hesepe. Sie heißen Ahmed oder Hamit, Aamira oder Nabila, sie kommen aus Syrien, vom Balkan oder aus Erithrea, aber Sie haben eines gemeinsam: Sie sind Flüchtlingskinder und besuchen die „Lagerschule“ in der LAB in Hesepe. „Ich nehme sie alle gern auf. Sie saugen die Bildung nur so auf“, sagt Grundschulleiter Henry Albowsky aus Hesepe.

Albowsky ist gemeinsam mit der Leiterin der Bramscher Hauptschule, Sandra Castrup, für die Einrichtung verantwortlich. Mal sind es an die 80 Kinder, die in den sechs Klassen- und zwei Fachräumen auf dem Gelände der LAB „beschult“ werden, wie es im Behördendeutsch heißt, mal fast 130. „Es ist ein atmendes System,“, sagt Regierungsschuldirektor Gerd-Jürgen Thoms, der auch für diese besondere Schule zuständig ist. Die Flüchtlinge bleiben nach der Umstrukturierung der Aufnahmebehörden nur noch kurze Zeit, manchmal nur ein paar Tage, manchmal ein paar Wochen, aber in der Regel nicht länger als ein Vierteljahr. Dann werden sie den Kommunen zugewiesen.

Viel Zeit, ihnen Kenntnisse der deutschen Sprache oder Einblicke in das Leben in Deutschland zu vermitteln, bleibt da nicht. Rein rechtlich hätten die Kinder in dieser kurzen Zeit der Erstaufnahme noch nicht einmal Anspruch auf Unterricht. Aber da Bildung Ländersache ist, hat Niedersachsen beschlossen, einen eigenen Weg zu gehen. „Der Status quo wurde eingefroren“, sagt Thoms. Die Jungen und Mädchen werden genauso unterrichtet, als blieben sie länger in der LAB. „Wir kümmern uns“, versichert er.

Rein faktisch sieht das folgendermaßen aus: Die „Lagerschule“ erhält zurzeit 80 Lehrerstunden im Grundschul- und 60 im Hauptschulbereich. „Wenn mehr Kinder da sind, geben wir mehr Lehrerstunden dahin“, sagt Thoms. „Sie sind da, sie sind Kinder, und Kinder haben einen Anspruch auf Bildung“, fasst er die Haltung des Landes Niedersachsen zusammen. Die Lehrkräfte werden von den Regelschulen abgeordnet. Die Sprachlernklassen sollen eine Größe von 16 Schülern haben.

Für die Pädagogen ist der Unterricht nicht nur wegen der Sprachprobleme und der ständigen Fluktuation eine große Herausforderung. „Wir müssen erst einmal sehen, wo die Kinder stehen“, beschreibt Thoms das „Grundscreening“. Es gibt die Kinder des syrischen Arztes, die in ihrer Heimat ein Gymnasium besucht haben, aber es gibt auch Jungen und Mädchen, „die noch nie eine Schule von innen gesehen haben“. „Wir müssen das alles auffangen“, sagt der Leiter der LAB, Conrad Bramm. Im Unterricht wird dann differenziert.

Trotz der vielfältigen Barrieren klappt es gut mit dem Unterricht, findet Albowsky. Die Lehrkräfte, die zum Teil schon seit Jahren in der LAB im Einsatz sind, schaffen es, über visuelle Eindrücke und Spiel den Kindern einen Zugang zur deutschen Sprache zu vermitteln. „Die Kinder saugen das auf wie ein Schwamm“, bestätigt der frühere Schulleiter Thoms die Eindrücke seines Mit-Pädagogen Albowsky.

„Wir wollen vermitteln, dass Sprache der Schlüssel zur Bildung ist und Bildung die Voraussetzung für Arbeit und Erfolg in Deutschland“, sagt Bramm. Bramm und seine Mitarbeiter versuchen, dies auch den Eltern zu vermitteln. Eine Beraterin für interkulturelle Bildung gehört deshalb mit zum „tollen Team“ (Bramm). Dennoch ist Schulverweigerung auch in der LAB ein Thema.

„Wir müssen die Eltern mitnehmen“, sagt Bramm. Nicht überall ist selbstverständlich, dass auch Mädchen ein Anrecht auf Bildung haben. Bei der Landesschulbehörde würde man sich vor diesem Hintergrund mehr herkunftssprachliche Lehrkräfte wünschen, junge Leute, die Arabisch sprechen zum Beispiel, und die, die Mentalität der Flüchtlinge aus diesem Kulturkreis einzuschätzen wissen.

Bei der Kürze der Aufenthaltsdauer können die Pädagogen in den Sprachlernklassen nicht viel mehr tun, als zu zeigen, „wie Schule in Deutschland funktioniert“, sagt Bramm. Die Kinder lernen, einen Bus zu benutzen. Kleine Ausflüge werden unternommen. Gemeinsamer Sport- oder Schwimmunterricht kommt allerdings für viele Eltern nicht infrage.

Das größte Problem für Kinder wie Pädagogen ist aber die hohe Fluktuation. „Erfolgsgeschichten wie früher, als wir Kinder in Einzelfällen hier sogar fit machen konnten für das Gymnasium oder die Realschule, gibt es nicht mehr“, sagt Albowsky und zitiert den Standardsatz, mit dem die Kinder zu ihm kommen, um sich zu verabschieden: „Ich hab Transfer.“ Die Familien werden auf aufnehmende Kommunen verteilt, die Kinder in den Regelschulen eingeschult. Dort gibt es Förderstunden, in größeren Städten sogar eigene Sprachlernklassen.

Bramm und Albowsky sind sich aber sicher: Es wäre besser, wenn die Kinder länger bleiben würden. „Wir sehen, dass die Kinder gern kommen. Eine längere Zeit täte ihnen sicherlich gut. Aber wir hoffen, dass wir ihnen Dinge mitgeben, an die sie später anknüpfen können“, sagt Albbowsky.

Mohammed war einer dieser Schüler. Vor Kurzem rief er seine Lehrerin aus Hesepe an und berichtete, wie gut er an seiner neuen Schule klarkommt. „Das trägt uns“, sagt der Schulleiter. „Aber es ist immer auch ein bisschen Abschied.“


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