27.10.2012, 06:30 Uhr zuletzt aktualisiert vor

Das Gesicht der Varusschlacht 25 Jahre Archäologie in Kalkriese: Das Museum mit der eisernen Maske


Bramsche. Blasen und Krusten hatten den Klumpen Metall verformt, den Ausgräber am 11. Januar 1990 aus der Erde der Kalkrieser-Niewedder Senke pulten. Die eiserne Maske eines römischen Reiters lag unter einer dicken Schicht aus Rost und Erde verborgen. Nichts deutete darauf hin, dass das Fundstück mit der Nummer 778 bald darauf der Varusschlacht ein Gesicht geben würde.

Kaum eine Veröffentlichung zur Varusschlacht kommt ohne die Helmmaske aus, die ein römischer Reiter 9 nach Christus im mythenumrankten Gefecht verloren hatte. Das eiserne Gesicht ziert Bücher, Briefköpfe und eine Briefmarke. Sie ist das Markenzeichen von Museum und Park Kalkriese – ein Glücksfund in vielerlei Hinsicht. Eines ist das Visier nicht: Es ist nicht die Maske des Varus. Des Mannes, der als Oberbefehlshaber in Germanien die drei Legionen anführte, die von germanischen Stämmen unter der Führung des Cheruskers Arminius aufgerieben wurden, dessen Name, Niederlage und Tod für immer mit dem Gemetzel verbunden sind.

Die Legende, dass der Fund die Maske des Statthalters ist, hält sich hartnäckig. So eng verwoben sind Objekt, Ort und Person. Und oft schon musste Museumsdirektorin Heidrun Derks diese falsche Annahme geraderücken. Schätzungen gehen davon aus, dass so ein silberverzierter Reiterhelm durchaus einen gewissen Wert hatte. 57 bis 83 Tagessätze seines Solds musste ein Legionär immerhin aufbringen, um sich dieses Ausrüstungsstück zu leisten. Der Helm ist allerdings keineswegs Teil einer Prunkrüstung. „So eine Maske leistete sich die mittlere Führungsebene der römischen Armee“, erklärt Derks. Das Bild eines Mittelklassewagens wählt sie als Vergleich. Für Varus war der Helm also mehrere Nummern zu klein. Sein Wert heute für das Museum und die Wissenschaft ist hingegen unschätzbar.

Als der britische Offizier und Hobbyforscher Tony Clunn 1987 drei Schleudergeschosse aus Blei in Kalkriese gefunden hatte, begannen die ersten systematischen archäologischen Ausgrabungen. Professor Wolfgang Schlüter übernahm deren Leitung. Der Wissenschaftler war auch der Mann, der sich Ende 1989 für einen großen Suchschnitt auf dem Flurstück Oberesch entschied: 180 Meter lang, fünf Meter breit. „Das war wagemutig“, sagt die Museumsdirektorin. Die Grabung bezeichnet Derks als „schicksalsträchtig“. Denn die bisherigen Explorationen förderten zwar Münzen und Militaria zutage, ein Fund von immenser Bedeutung war aber nicht darunter.

Dann, am 11. Januar 1990, schälten die Ausgräber in der Mitte des Schnitts einen Brocken Metall aus dem Boden, von der langen Lagerung in der Erde bis zur Unkenntlichkeit verformt. Vielleicht witterten die Wissenschaftler die Sensation, Gewissheit brachten erst die Arbeiten in der Werkstatt der Restauratoren. „Mit dem Fund war klar, dass man an diesem Ort nicht aufhören durfte zu forschen“, sagt Derks. „Schlüter befand sich auf dem richtigen Weg.“ Die Kalkrieser Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf. Womöglich hätte es ohne die Maske weder Museum noch Park je gegeben.

Christiane Matz ist die Restauratorin der Varusschlacht. Büro und Werkstatt sind vollgestopft mit Exponaten und Geräten, die den Werkzeugen eines Zahntechnikers ähneln. Münzen liegen neben Gürtelschnallen, Nägel neben Bleistücken, bearbeitet und unbearbeitet. Über 40000 Stücke sind auf dem Grabungsgelände bisher gefunden worden, eines wie die Maske mit der Nummer 778 ist nicht darunter.

Seit acht Jahren ist Matz bei der Varusschlacht, das Visier hatte sie nicht freigelegt. Ihr Respekt vor der Arbeit des damaligen Restaurators Günter Becker vom kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück ist groß. „Je komplexer das Objekt ist, desto größer die Herausforderung“, sagt sie. Das gelte vor allem, wenn der Restaurator nicht wisse, was für einen Gegenstand er in den Händen halte. „Man muss ja die richtige Form freilegen und nichts hineininterpretieren oder verformen.“ Man stelle sich die Maske nur mit einem lächelnden Mund vor.

Das Fundstück ist in die Wissenschaft als Typ Kalkriese eingegangen, ein vergleichbares Exponat gibt es nicht. „Es ist nach wie vor die älteste Gesichtsmaske“, sagt Museumsdirektorin Derks. „Helme sind allerdings schon gefunden worden.“

Das Visier ist 17,1 Zentimeter hoch, maximal 16,2 Zentimeter breit. Einst war das Gesicht mit einem Silberblech überzogen, doch dieses hebelten und rissen wohl Germanen bei ihrem Beutezug herunter. Die Spuren der gewalttätigen Demontage sind an der Randeinfassung zu erkennen. Aber ist Kalkrieses gutes Stück nur ein Accessoire für Paraden? Wissenschaftler sind sich uneins, ob Helm und Maske überhaupt für den Kampf geeignet waren. Skeptiker führen an, dass Träger der Maske durch die Schlitze in Mund und Nase zu wenig Luft bekommen würden, um damit ins Gefecht zu ziehen. „Neuere Untersuchungen gehen allerdings davon aus, dass der Einsatz der Maske im Kampf durchaus möglich ist“, erklärt Derks. Die Wangenpartien sind auffällig verstärkt. In Versuchen sind Experimentalarchäologen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Klinge eines Schwertes, die bei einem Schlag auf dem Helm abgerutscht ist, dort das Gesicht treffen würde. Die Schlitze zum Sehen und Atmen sind ausreichend groß, wenn das Gesicht zur Maske passt. „Nimmt man alle Argumente zusammen, waren Helm und Visier zum Kampf geeignet“, legt sich die Museumsdirektorin fest.

Der Fund ist ein Leichtgewicht, einem Wespennest gleich. Die Korrosion hat die Substanz weggefressen. Inzwischen ist das Exponat so empfindlich, dass es bei 30 Prozent Luftfeuchtigkeit in einem Glaskasten stehen muss. Sonst setzt der Verfall wieder ein. Derks ist sicher: „Die Maske wird Kalkriese nicht mehr verlassen.“

Quelle: Varusschlacht im Osnabrücker Land, Museum und Park Kalkriese (Hrsg.), Verlag Philipp von Zabern, 2009


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