19.10.2016, 16:22 Uhr

Dankbar für Bildungsmöglichkeiten Schulstiftung in Bohmte vor 400 Jahren


Bohmte. Der 20. Oktober 1616 ist ein historisches Datum für die Schulgeschichte der Gemeinde Bohmte! Die damalige Besitzerin des Gutes Hünnefeld, die Witwe Heidewig von Münnighausen, stiftete an diesem Tag für Bohmte eine erste Schule, die somit eine reine Privatschule war.

In der Schulchronik der ehemaligen Haupt- und Realschule Bohmte, heute Oberschule, befindet sich eine Kopie der Gründungsurkunde. In der damaligen Zeit, die geprägt war von geistigen Strömungen und kriegerischen Auseinandersetzungen, kam es überall im Lande zu ersten Gründungen allgemeinbildender Schulen. Es lohnt sich ein Blick in das damalige Weltgeschehen, um zu verstehen, wie bedeutsam der Einstieg in erste Bildungsangebote für breite Bevölkerungsschichten war. Galileo Galilei, Tycho Brahe und Johannes Kepler hatten das mittelalterliche Weltbild durch neue Einsichten in das Planetensystem dramatisch verändert. Die Gegenreformation sorgte in weiten Landesteilen für erhebliche Unruhen, die schließlich 1618 zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges führten.

Jodocus Hasewinkel

Den ersten Unterricht übernahm in der neu gegründeten Bohmter Schule Jodocus Hasewinkel, der dafür mit einem jährlichen Salär sowie freier Unterkunft entlohnt wurde. Ein eigenes Schulgebäude gab es damals noch nicht. Der Unterricht fand in dieser Region oftmals in Heuerhäusern, Backhäusern, Scheunen oder Speichern statt. In Bohmte stand dafür der Remmertsche Markkotten zur Verfügung. Erst vor 200 Jahren begann man in den einzelnen Kirchspielen mit dem Bau eigener Schulgebäude. Aber auch das waren oft nur kleine, kaum belüftbare und beheizbare Gebäude, deren Pflege zumeist nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Im Jahre 1628, also zehn Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, wurde durch eine Synode für das Osnabrücker Land die Errichtung von Schulen allgemein angeordnet. Es gab damals auch schon so etwas wie eine Schulpflicht, an die man sich aber nicht unbedingt hielt. Besonders im Sommer, wenn die Kinder bei der Feldarbeit helfen mussten, sah es mit dem regelmäßigen Schulbesuch schlecht aus. Als Bischof Franz Wilhelm 1655 eine Schulvisitation anordnete, wurde festgestellt, dass in Bohmte während des Sommers überhaupt kein Unterricht stattgefunden hatte. Offensichtlich sahen die Eltern die Notwendigkeit eines regelmäßigen Schulbesuchs noch nicht ein. Andererseits wurde damals in der Landwirtschaft jede Hand gebraucht. Pferde und Ochsen waren die einzigen Helfer, durch Motoren angetriebene Maschinen waren noch nicht erfunden.

Lehrerschicksale

Die Lehrer fristeten in dieser Zeit oft ein erbärmliches Dasein. Vielfach konnten sie selber nur mit Mühe und Not schreiben, da sie keine fundierte Ausbildung besaßen. Mehr als Grundfertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen sowie Bibelkenntnisse und Talent zum Singen konnten die meisten von ihnen nicht nachweisen. Neben einem guten Leumund und der passenden Religionszugehörigkeit reichte das aber für die Ausübung des Berufs. Dass, so wie in Bohmte, eine wohlhabende Familie hinter der Schule stand, war nicht selbstverständlich. Die Kinder hatten üblicherweise Schulgeld zu bezahlen, was für den Lehrer oftmals die einzige Einnahmequelle war. Reichte das nicht zum Leben, war ein Nebenerwerb der einzige Ausweg.

Los der Kinder

Die Schülerzahlen in den Klassen früherer Jahrhunderte lassen sich mit den heutigen Zahlen nicht mehr vergleichen. Aus dem 19. Jahrhundert liegen Zahlen vor, die man sich kaum vorstellen kann. Viele einklassige Schulen hatten danach zwischen 200 und 350 Schülerinnen und Schüler. Bei solchen Unterrichtsbedingungen verwundert es nicht, wenn die Kinder häufig der Schule fernblieben. Im damaligen Königreich Hannover durfte erst ab einer Schülerzahl von 200 ein zweiter Lehrer eingestellt werden.

Entwicklungen

Schaut man sich die Bohmter Schulgeschichte genauer an, so sind in der Vergangenheit stetige Aufwärtsentwicklungen zu beobachten. Im Jahre 1667 wurde ein Schulgebäude auf dem Grund und Boden des zu Streithorst eigenbehörigen Erbkotten Witte errichtet. Für die Schuldenregelung kam in hohem Maße die Familie von dem Bussche (Hünnefeld) auf. Die Schule wurde dann 200 Jahre später aufgrund der gestiegenen Schülerzahlen zu klein, und im Jahre 1859 konnte ein neues Schulgebäude mit 250 Kindern bezogen werden. Diese Zahl rechtfertigte auch die Anstellung eines zweiten Lehrers. Das Gebäude befand sich an der heutigen Schulstraße und wurde mit seiner Küche bis 2007 unterrichtlich genutzt.

Die gestiegene Bevölkerungszahl verlangte im Jahr 1897 die Errichtung einer zweiten Schule in der Bohmterheide. Beide Schulen waren evangelische Konfessionsschulen, neben denen eine katholische Schule mit langer Tradition bestand. Diese war am Kirchhof im alten Küsterhaus untergebracht, das jedoch 1820 einem Neubau weichen musste. Darin waren neben Wohn- und Wirtschaftsräumen auch ein Kuhstall und ein Schulraum vorhanden. 1903 wurde dann schließlich am Bahnwinkel die neue Katholische Schule erbaut, in der im selben Jahr eine Mädchenschule eröffnet wurde. 25 Jahre später erfolgte eine Gebäudeerweiterung zu einer dreiklassigen Schule, in der auch eine Lehrerwohnung untergebracht war.

Bauliche Erweiterungen

Im heutigen Schulzentrum entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg, dem gestiegenen Bedarf entsprechend, weitere Gebäude. 1951 wurde gleich hinter dem heutigen Lehrerparkplatz ein Gebäude errichtet, das später die Fachräume für Computer und Textilarbeit enthielt. Die Schülerzahl war in den Jahren nach dem Krieg wegen der vielen deutschen Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten stark angestiegen. Insgesamt besuchten 354 Kinder, darunter 184 Flüchtlinge, die Bohmter Schule. 2006 wurde dieses Gebäude wegen erheblicher Mängel gemeinsam mit dem alten aus Bruchstein bestehenden Gebäude von 1859 abgerissen. Im Eingangsbereich des im selben Jahr direkt an der Schulstraße neu errichteten Gebäudes für den inzwischen genehmigten offenen Ganztagsbetrieb erinnert ein künstlerisch hochwertig gestaltetes Wasserbecken an dieses alte Schulhaus. Es diente dort jahrelang als Trinkwasserspender und wurde mit viel Sorgfalt und großem Aufwand in das neue Gebäude übertragen.

Die zweite große Erweiterung erfolgte von 1960 bis 1962. Zehn Klassenräume und ein Lehrerzimmer entstanden. 1964 wurde im Altbau von 1859 eine Schulküche eingerichtet, die 1990 mit wissenschaftlicher Beratung durch Prof. Grocholl von der Universität Dortmund neu gestaltet wurde. Viele Gestaltungsprinzipien dieser modernen Küche finden sich auch in der heutigen Schulküche im Neubau wieder.

Mehrere Bauphasen

Von 1970 bis 1972 dauerte die nächste große Bauphase, in deren Verlauf das große dreistöckige Schulgebäude mit zahlreichen Klassenräumen, einer Pausenhalle und einem Getränkeverkauf entstand. Aber auch das reichte auf Dauer nicht aus. So wurde zu Beginn der 80er Jahre mit einem Kostenaufwand von 2,8 Millionen DM ein weiteres Projekt in Angriff genommen. Moderne Fachräume für Naturwissenschaften mit großzügiger Ausstattung sowie mehrere Verwaltungsräume wurden zur Verfügung gestellt.

Durch den Ganztagsbetrieb ergab sich im Laufe der letzten zehn Jahre immer mehr der Wunsch nach geeigneten Räumen für die Mittagsverpflegung. Im vergangenen Jahr wurden hierfür nun endgültig die Weichen gestellt. Ein eigenes Mensagebäudes schließt die Lücke in der Versorgung der Schülerinnen und Schüler.

Strukturwandel

Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich auch die Schulstruktur innerhalb der Gemeinde verändert. Am 1. August 1969 erfolgte mit Beginn des neuen Schuljahres die Zusammenlegung der oberen Bohmter Jahrgänge mit der Oberstufe der Katholischen Volksschule, der oberen Klassen aus Herringhausen und der Schule aus der Bohmterheide. Die neue Bezeichnung lautete nun „Schule für Schüler aller Bekenntnisse mit Förderstufe“.

1975 nahm die Orientierungsstufe Bohmte ihre Arbeit auf, wobei wie an allen Standorten in Niedersachsen erhebliche didaktische Grundlagenarbeit zu leisten war.

Ein bedeutender Tag war dann der 1. August 1977. Die Grundschule wurde selbstständig und zog in das neue Gebäude an der Tilingstraße um. Die Hauptschule erhielt einen Realschulzweig und nannte sich nun „Haupt- und Realschule Bohmte“. Gleichzeitig wurde an der Hauptschule das 10. Schuljahr eingeführt, das den freiwilligen Erwerb des Realschulabschlusses bot und damit ganz erheblich zur Durchlässigkeit des Schulsystems beitrug. Aber ein weiterer wichtiger Schritt fand in diesem Jahr statt: Der damalige Rektor Oelgeschläger konnte den ersten Jahrgang der Orientierungsstufe offiziell begrüßen. Damit war für die Gemeinde Bohmte nach der Gebietsreform von 1972 ein wichtiger Meilenstein innerhalb der Schullandschaft gesetzt. Für die Schülerinnen und Schüler aus Hunteburg wurde ein großzügiger Bustransport installiert, um die zeitlichen Belastungen möglichst gering zu halten.

1990 erhielt Hunteburg eine eigene Orientierungsstufe, die an die bestehende Hauptschule angebunden wurde. Über viele Jahre waren die Realschule und das freiwillige 10. Hauptschuljahr Bindeglieder innerhalb der Gemeinde.

Schon 2004 wurde die Orientierungsstufe landesweit aufgelöst. Die Eltern hatten nun allein zu entscheiden, welche Schulform ihre Kinder nach der Grundschule besuchen sollten.

Auszeichnungen

Im Jahr 2007 prüfte erstmals die Schulinspektion die Haupt- und Realschule auf Herz und Nieren. Am Ende der einwöchigen Inspektion erhielten Schule und Schulträger einen Bericht mit einem überdurchschnittlich guten Ergebnis, das Ansporn für die folgenden Jahre war und zu weiteren Auszeichnungen führte. Neben der schon zur Tradition gewordenen Anerkennung als Umweltschule in Europa gesellten sich unter anderem der Naturschutzpreis des Landkreises und die regelmäßige Teilnahme am Wettbewerb „Starke Schule“ mit hervorragenden Platzierungen auf Landesebene, darunter zweimal unter den zehn landesbesten Hauptschulen . Das Schulmuseum, ein starkes naturwissenschaftlich-technisches Profil mit intensiver Berufsorientierung, Schüleraustauschprogramme mit Bolbec in Frankreich, Meppel in den Niederlanden und Budapest in Ungarn waren einige der herausragenden Elemente der Schule. Hinzu kamen Anstrengungen im sportlichen Bereich, die zu vielen Auszeichnungen führten.

Neue Herausforderungen

Das Jahr 2014 brachte dann eine neue einschneidende Veränderung der Schulstruktur. Die Haupt- und Realschule wurde zur Oberschule und muss sich vielen neuen Herausforderungen stellen, die mit Begriffen wie Integration und Inklusion nur grob umschrieben werden können.

Über viele Jahrzehnte war die Zusammenarbeit mit der Förderschule für Lernbehinderte ein absolutes Erfolgsmodell in der Gemeinde. Bleibt zu hoffen, dass diese Kompetenzen auch in der Zukunft in geeigneter Form zur Verfügung stehen werden.

Das 400-jährige Bestehen der Schule in Bohmte bietet Gelegenheit, einmal innezuhalten und dankbar zu sein für die derzeitigen Bildungsmöglichkeiten. Vieles wird heute als selbstverständlich erachtet, was vor 400 Jahren und in den Jahrhunderten danach für die überwiegende Zahl der Menschen besonders auf dem Land unerschwinglich und unerreichbar war.


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