11.10.2016, 17:13 Uhr

Auf großer Fahrt im Kleinen Berg Waldbauern: Hannover sieht den Wald vor lauter Habitat-Bäumen nicht


Bad Rothenfelde. Wer weiß besser, was dem Wald guttut: private Waldbesitzer und Förster oder Fachleute in Brüssel und deutschen Ministerien? An dieser Frage teilen sich die Waldgeister, geht es doch um Gefühle, Traditionen, Ökologie und nicht zuletzt um wirtschaftliche Interessen. Darüber war im Kleinen Berg zu reden – nicht zum ersten Mal.

Viel los im Wald: Zur zweieinhalbstündigen Fahrt mit zwei Planwagen hatten die privaten Waldbesitzer alle eingeladen, die mit der geplanten Naturschutzsatzung zu tun haben, allein vier Vertreter des Landkreises, der Gemeinde, der Förster und der Landwirtschaftskammer, insgesamt 40 Mitfahrer.

Die Waldeigentümer, es sind 280, bewirtschaften zwischen Bad Rothenfelde, Bad Laer und Hilter 530 Hektar Wald . Sie sind überzeugt, dass der Regulierungsdruck durch die EU ihre Bewirtschaftungsrechte massiv einschränken und erschweren wird und haben sich deshalb im Verein „Kulturlandschaft Osnabrücker Land“ organisiert , in dem sie für „die Wahrung der Eigentümerrechte an land- und forstwirtschaftlichen Flächen“ und die Stärkung ihrer Eigenverantwortung kämpfen.

Kreis muss Richtlinien umsetzen

Der Landkreis muss die Richtlinien von EU und Land in Form von Erlassen umsetzen. Der Kleine Berg ist noch nicht abschließend nach der Natura-2000-Richtlinie gesichert, soll es aber bis 2017 sein. Einige geplante Veränderungen missfallen den Waldbesitzern sehr.

Wo die Knackpunkte liegen, machten sie bei drei Halts im Kleinen Berg deutlich. Dabei sparten sie gelegentlich nicht mit Polemik. „Vogelfänger in Italien, Dynamitfischer in Griechenland und die Waldbesitzer im Kleinen Berg. Auf die muss man offenbar ganz genau aufpassen. Das greift in unser Eigentum ein“, gab Stefan Kleine-Wechelmann schon vor der Fahrt die Richtung vor.

Am ersten Haltepunkt erklärte Förster Franz-Josef Albers, Revierleiter im Kleinen Berg, wo es hakt: Auf einem erneuerten Waldweg erinnerte er an den ersten Entwurf des Landkreis-Erlasses: Darin war das Verschieben überschüssigen Materials an den Rand verboten. „Das ist jetzt raus“, stellte Albers zufrieden fest. Aber was gehört zum Weg, die Rinne am Rand auch? Und sind ein bis zwei Meter für den Lebensraum relevant?

Anstrengende Gespräche

Kreisrat Winfried Wilkens schaute daraufhin auf die vergangenen Jahre zurück: Der Kreis habe sicher schon ein halbes Dutzend Gespräche mit den betroffenen Waldbauern geführt: „Wir nehmen von ihnen eine ganze Menge mit“, bekannte er. In mehreren Entwürfen habe man sich an das Thema herangetastet - mit dem Ergebnis: „Wir machen nichts über die Erlasse hinaus.“

Wilkens dankte den Waldbewirtschaftern für die offene Diskussionen, „aber die sind ganz schön anstrengend“. Ziel des Kreises sei es, möglichst viele Diskussionspunkte vor dem offiziellen Beteiligungsverfahren zu sondieren. Sein Fazit: „Der Landkreis wäre auch ohne FFH schön. Das Blöde ist nur, die FFH-Richtlinie ist da und wir müssen sie umsetzen.“

Und diese sei durchaus parteipolitisch gefärbt, merkte er mit Blick auf die Fachministerien in Hannover kritisch an: „Die eine Abteilung formuliert einen knackigen Erlass, die andere sagt: Das ist aber ein bisschen teuer.“

Wirtschaften wie die Vorfahren

Wie groß die persönliche Betroffenheit der Waldbesitzer ist, wurde durch Dirk Meyer zu Theenhausen deutlich. „Wir haben seit 726 Jahren einen Betrieb. Im Prinzip mache ich dort heute den gleichen Job wie mein Vorfahr vor 700 Jahren.“

Den Wald auf dem Kleinen Berg bewirtschafte seine Familie seit mehr als vier Generationen. Umso unverständlicher sei es für ihn, dass er die Buche in einem gemischten Bestand aus Buche und Fichte herausschlagen müsse, damit die Fläche nicht zum sogenannten Lebensraum werde. Schützenswerter Lebensraumtyp auf dem Kleinen Berg ist der Waldmeister-Buchenwald.

Ein Experte des Landkreises erklärte: „Wenn es weniger als 30 Prozent Fichten und ansonsten Buchen sind, ist es ein Lebensraum-Typ, so aber nicht, sie können es normal bewirtschaften. Es gelten die Regeln eines Landschaftsschutzgebietes, aber nicht die eines Lebensraum-Typus‘.“ Allerdings solle es alle sechs Jahre eine neue Kartierung geben. Spontane Reaktion eines Waldbauern: „Das ist es ja.“

Kritikpunkt Rückegassen

Eine geplante Änderung, die Revierförster Albers besonders beschäftigt, ist der Abstand zwischen den Rückegassen für Harvester und Co. Bisher durften diese vier Meter breiten Streifen alle 20 Meter angelegt werden. In Zukunft soll der Abstand auf 40 Meter erhöht werden. Dadurch würden andere Bäume zerstört werden, prognostizierte Waldbesitzer Andreas Frieling. „Das ist hier der wertvollste Bestand des Südkreises“, ergänzte Theo Otten vom Forstamt Weser-Ems der Landwirtschaftskammer.

Greife hier die Pflicht zum Schutz sogenannter Habitatbäume, könnten die Waldbauern rechnerisch 20 Prozent der Fläche nicht mehr nutzen. Sechs pro Hektar sollen stehen- oder, wenn sie umfallen, liegenbleiben.

Pool-Lösung wird angestrebt

Deshalb wünsche man sich eine Pool-Lösung, bei der die 60 Habitatbäume auf einem Schlag von zehn Hektar auch zusammenstehen dürften. „Diese Flexibilität wäre schön“, sagte Hartmut Escher, Leiter des Fachdienstes Umwelt beim Landkreis, “aber im Erlass steht ganz klar: Soundsoviel Bäume pro Hektar“.

Die Folgerung der Waldbauern: „Also müssen auf Parzellen unter einem Hektar keine Habitatbäume stehenbleiben.“ Auch da musste ihnen Escher eine Absage erteilen. Er regte aber auch an, für Kleinstparzellen eine Pool-Lösung zu finden.

Doch nicht nur die Platzfrage treibt die Waldbauern um: Auch die zeitliche Eingrenzung für Fäll- und Rückearbeiten sei schwierig. „Der gesamte Kleine Berg gilt als empfindlicher Standort der Stufe 3“, erläuterte Albers, sei aber bei Trockenheit überall problemlos befahrbar – so wie auf der Fläche, die Albers im Kleinen Berg vorführte: „Sie sehen, hier gibt es keine Schäden, der Boden hat nicht gelitten.“ Förster und private Waldbesitzer bräuchten freie Zeit zum Arbeiten und Handlungsspielraum.

Fahrt nach Hannover

„Die Sorge vor Veränderungen werden wir ihnen nicht nehmen können“, kommentierte Wilkens die Bedenken. Die Waldbauern sind sicher, dass diese keine positiven Folgen haben werden. „Wir werden diesen Wald in 30 Jahren nicht mehr wiedererkennen, wenn Habitatbäume einfach liegenbleiben müssen.“ Was ist mit der Sicherheit, was passiert an Waldwegen?

Um all diese Fragen zu klären, wollen Kreis und Waldbauern nun gemeinsam in die Fachministerien nach Hannover fahren. „Es eilt“, betonte Kreisrat Wilkens. „Die Planung läuft schon“, erklärten die Waldbauern. Sie wollen den Ministerialen deutlich machen: Hannover sieht den Wald vor lauter Habitat-Bäumen nicht mehr.


Natura 2000

Der europäische Plan für Natura 2000 Die FFH-Richtlinie, (Fauna/Tiere, Flora/Pflanzen, Habitat/Lebensraum), ist eine EU-Naturschutz-Richtlinie. Sie soll wild lebende Arten, deren Lebensräume und die europaweite Vernetzung der Räume als Natura 2000 schützen. In der EU gibt es 26000 solcher Schutzgebiete, von der Tundra bis zum Mittelmeerstrand. Im Kreis Osnabrück sind es um die 20. Die EU-Staaten müssen diese Gebiete nun in nationales Recht umsetzen. Delegiert wurde das an die Landkreise. Das FFH-Gebiet Kleiner Berg punktet dabei mit dem größten Buchenwald Westniedersachsens, mit Bachneunauge, Teichfledermaus und Großem Mausohr. Über die Gefährdung des Areals heißt es: „Auf Teilflächen standortfremde Fichtenforste bzw. Beimischung standortfremder Baumarten. Wegebau. Bäche zum Teil durch Wasserverschmutzung, Fischteiche und Ausbau beeinträchtigt. Zerschneidung durch Straßen. Trinkwassergewinnung.“ Natura 2000 wird für den Kleinen Berg festlegen, in welchem Abstand Rückegassen angelegt werden dürfen oder wie viele Habitatbäume sie pro Hektar stehen lassen müssen: Habitatbäume gelten als Lebensraum und Nahrungsquelle zahlreicher Lebewesen. Der Mittelspecht findet in der Borke Insekten und zimmert in morsche Äste seine Höhle. Nachmieter sind Fledermaus und Hohltaube. sta

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