29.11.2016, 10:27 Uhr

Verein Mittendrin gründet WG Selbstständig trotz Handicap: In Bad Laer geht das

Tolles Team: Manuela Börnhorst, Falk-Frederik Strautmann, Verena Reichert und Markus Hegmanns können ihren Einzug ins neue Leben kaum noch abwarten. Foto: Wilhelm BeermannTolles Team: Manuela Börnhorst, Falk-Frederik Strautmann, Verena Reichert und Markus Hegmanns können ihren Einzug ins neue Leben kaum noch abwarten. Foto: Wilhelm Beermann

Bad Laer. Selbst bestimmen, wann man aufsteht, kochen, Wäsche waschen, im Blick haben, wann der Müll abgeholt wird, einfach unabhängig sein. Spätestens mit dem Einzug in die erste eigene Wohnung wird die Nabelschnur zum Hotel Mama – oder Papa – dünner. Für Menschen mit Handicap ist die Selbstständigkeit ein noch größerer Schritt, auf den sich vier junge Erwachsene aus Bad Laer, Glandorf und Melle sehr freuen.

Noch ist alles Baustelle. Meterhohe Kabelrollen blockieren das künftige Wohnzimmer, von der Küchendecke baumelt eine einsame Glühbirne. Und doch können sich Manuela Börnhorst, Falk-Frederik Strautmann, Verena Reichert und Markus Hegmanns schon vorstellen, wie sie hier auf dem Sofa lümmeln oder sich etwas Leckeres kochen werden.

Selbstverständlich ist das nicht, denn alle vier brauchen wegen eines geistigen oder körperlichen Handicaps Unterstützung im Alltag. Weiterhin wie Kinder in der Familie leben möchten sie natürlich auch nicht. Die Lösung: ein Wohnprojekt, das jetzt Raum für Raum an der Bielefelder Straße in Bad Laer Gestalt annimmt. Jeder der vier hat ein eigenes Appartement, Küche und Wohnzimmer nutzen sie gemeinsam. Möglich wird das durch den Verein „Mittendrin“. Vor neun Jahren war er mit dem Ziel gegründet worden, Menschen mit Behinderung bei ihrer Inklusion zu unterstützen.

Ein Zuhause schaffen

Der Verein um die Vorsitzenden Ute Rolf und Rita Börnhorst ist ein Zusammenschluss von Eltern und Freunden von Menschen mit Handicap. „Aufgrund der Liebe und der Verantwortung für unsere Kinder sehen wir uns gefordert, ein Zuhause zu schaffen und zu unterstützen, das die Perspektive unserer Kinder nicht nur im Sinne der Versorgung absichert, sondern ihnen ein erfülltes und sinnvolles Leben in der Gesellschaft ermöglicht“, fassen die Mitglieder ihre Wünsche in einer Info-Broschüre zusammen.

Dass das gelingen kann, beweist seit vier Jahren eine Wohngruppe in Georgsmarienhütte . „Alle Bewohner sind selbstständiger geworden“, freut sich Ute Rolf. „Das wollten wir auch für unsere Kinder“, ergänzt die Glandorferin Rita Börnhorst. Der Verein, das gemeinsame Baby, soll also wachsen.

Bad Laer ist deshalb die zweite Wohngruppe. „Für uns war es toll, dass schon so viel Vorarbeit geleistet war“, erzählt Falk-Frederiks Tante Anna Fellhölter. Schon jetzt werde die Gruppe in der Gemeinde gut aufgenommen, „das Interesse ist groß“, auch die erste Spende sei schon eingegangen: Die Kleiderkammer hat die Wohngruppe unterstützt. Weitere Spenden sind willkommen, beispielsweise für einen Aufzug, mit dem die körperbehinderte Verena Reichert ihre Mitbewohner im ersten Stock besuchen könnte.

Einfach mittendrin

„Klar wird das alles für mich ein großer Wechsel sein“, erzählt die 27-jährige Manuela Börnhorst mit Blick auf den ersehnten ersten März. „Wir werden üben, was wir noch nicht können.“ Im Moment lebt sie im südlichsten Zipfel von Glandorf, noch zwei Kilometer von Schwege entfernt. Mal eben schnell zum Bäcker flitzen funktioniert da nicht. Mehr aus Bad Laer

In Bad Laer schon. „Uns kam es darauf an, dass die Gruppe zu Fuß alles erreichen kann, mittendrin ist.“ Mittendrin heißt, mit Geschäften in der Nähe, der Bushaltestelle fast vor der Haustür, rasch erreichbaren Gemeindezentren. „Wir möchten, dass unsere Kinder am gesellschaftlichen Leben teilhaben, an Vereinen, Kirche, Sportvereinen, Kolping oder Schützenverein“, sagt Rita Börnhorst.

Gesellschaftsspiele

Schließlich haben die vier ihre Hobbys. Falk-Frederik liebt Fußball, hört gerne Musik und ist ein Familienmensch, der sich freut, wenn der Clan in der Nähe ist. Verena mag Gesellschaftsspiele, Spaziergänge und Musik, Manuela tanzt und schwimmt, zeichnet und ist begeistertes aktives Mitglied des Ostbeverner Sportvereins. Und alle vier lieben es, mit der Wii zu spielen.

Verena Reichert wohnt im Moment noch in einem ambulanten betreuten Wohnprojekt in Hopsten, weitab vom Schuss. „Meine Tochter fühlt sich dort wie eingesperrt“, berichtet ihre Mutter Bernadette Reichert. Der 33-jährige Markus Hegmanns kommt aus Melle.

Vorzeigeprojekt

Die vier treffen sich schon jetzt häufig, um sich besser kennenzulernen, zudem arbeiten alle in der Hilteraner Werkstatt der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO). Über die HHO wird auch die Betreuung der Wohngruppe gesichert. Das persönliche Budget der Bewohner wird zusammengefasst, um eine 24-Stunden-Betreuung zu gewährleisten. „Das Ganze ist inzwischen auch ein Vorzeigeprojekt des Landkreises“, berichtet Ute Rolf.

Stellt sich nur noch die typische WG-Frage: Wer bekommt welches Zimmer? „Das sollen die vier mal schön unter sich ausmachen“, finden ihre Familien. Denn da habe man von der GMHütter Wohngruppe gelernt. Während die Eltern noch hin und her diskutierten, hatten die Bewohner schon alles geregelt.


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