21.11.2016, 15:06 Uhr

Tilman Birr gastiert im Schafstall In Bad Essen flossen schnell erste Lachtränen

Der Lesebühnenleser, Kabarettist und Liedchensinger Tilman Birr gastierte im Rahmen der 4. Literatur- und Musiktage im Schafstall Bad Essen. Foto: Christa Bechtel:Der Lesebühnenleser, Kabarettist und Liedchensinger Tilman Birr gastierte im Rahmen der 4. Literatur- und Musiktage im Schafstall Bad Essen. Foto: Christa Bechtel:

Bad Essen. Einige Wiederholungstäter waren auch am Samstagabend in den Bad Essener Schafstall gekommen, um die Literatur- und Musiktage im „zweiten Akt“ mit Tilman Birr zu hören und zu erleben. Nur mit Stimme, Gitarre und ihm selbst – eben „ohne Zusätze“, so der Programmtitel, begegneten die Besucher Menschen und ihren Seltsamkeiten.

Im Namen der Gemeinde Bad Essen, des Kur- und Verkehrsvereins, des Kunst- und Museumskreises, des Literaturbüros Westniedersachsen und der OLB hieß Annette Ludzay, Geschäftsführerin des Kur- und Verkehrsvereins, die Zuhörer willkommen . Dabei betonte sie: „Wir haben uns heute Abend etwas gegönnt. Da wir auch touristischer Standort sind, haben wir uns einen Touristiker eingeladen.“ Unter anderem habe Birr nämlich einen alternativen Reiseführer über Berlin geschrieben.

Tilman Birr, der 1980 in Frankfurt am Main geboren wurde, ist Lesebühnenleser, Kabarettist, Liedchensinger und tritt bei Poetry Slams auf. In Frankfurt am Main betreibt er seit 2002 die „Lesebühne Ihres Vertrauens“, lebt aber in Berlin. Mit dem bissigen Lied „In der Wohnung nebenan ist ein Nazi Zuhause…“ eröffnete der 36-Jährige sein Programm, um kurze Zeit später Vornamen nachzuspüren. Denn: „Es gibt keinen Ort auf der Welt, wo mein Name nicht für Verwirrung sorgt. Wenn ich mich Leuten vorstelle und sage: Hallo, Tilman, dann sagen die gerne: Und wie ist der Vorname? Oder ich stelle mich vor – zehn Minuten später nennen sie mich Till, manchmal auch Horst oder Holger.“

Wie stellt man sich ein Dagmar vor?

Es gebe zudem Menschen, „die einen Namen tragen, der überhaupt nicht zu ihnen passt.“ Hier erwähnte er eine wunderschöne Blondine mit bayerischem Humor, die aber Dagmar hieß. „Entschuldigung, unter einer Dagmar stelle ich mir eine Mittvierzigerin aus der Kleinstadt vor mit pinkfarbenen angeklebten Fingernägeln, solargebräunt, die einen Renault Clio mit Kuhmuster-Sitzbezug fährt und in der Heckscheibe klebt der Schriftzug www.hundetrainerin.langenselbold.de. Das ist eine Dagmar.“

Inzwischen rollten bei dieser plastischen Schilderung die ersten Lachtränen im Publikum. Zumal Birr sich nun auf den Namen „Jörg“ stürzte, ihn mit Klischees wie gebildet, versoffen und unrasiert oder elegant verband. „Wenn man dieses George-Clooney-Bild von sich vermitteln will, wäre es von Vorteil, wenn man keinen Namen trägt, der klingt, wie wenn man auf einen Frosch tritt. Was gar nicht geht, ist Ralf“, meinte der Kabarettist. Allerdings saß einer im Publikum…

Per Bahn nach Bad Essen

Er berichtete aber auch von seiner Bahnreise von Berlin nach Bad Essen, die einer Odyssee glich: Drei Stunden Verspätung! Ein Fahrgast wollte sich mit ihm solidarisieren und sagte: „Frechheit! Verstehen Sie, warum die das machen?“ Birr: „Nein, ich verstehe das nicht; ich bin Historiker und kein Techniker.“ Historiker ist Birr tatsächlich mit dem Hauptfach „Geschichte“ und im Nebenfach „Soziologie“.

Kurze Zeit später nahm er das Thema „Altwerden“ auf die Schippe. „Für viele Menschen hört es sich so an, als sei das Leben Anfang 30 stehengeblieben.“ Erfrischend frech, mit scharfzüngigen Gedankengängen, die manchmal auch etwas unter die Gürtellinie rutschten, schilderte er so manche Begebenheit.

Und dann kam sein Buch „Zum Leben ist es schön, aber ich würde da ungern auf Besuch hinfahren“. Aus dem las er die Geschichte „Antrag auf ständige Einreise“. Im Dialog berlinerte er angriffslustig mit einer imaginären Postfrau. Bevor er sein „Studentenpartygespräch“ zum Besten gab, erklärte er: „Studentenpartys bei Geisteswissenschaftlern waren weit von Orgien entfernt. Sie waren eher so eine Art Selbsthilfegruppe für zukünftige Arbeitslose.“

Wer noch mehr Birr wollte

Super findet Birr Wortspiele und Dialekte, mit denen er das Auditorium kreuz und quer durch Deutschland, aber auch ins Ausland nach Österreich, Italien oder der Schweiz führte. Doch auch aus seinem Episodenroman „On se left you see se Siegessäule“ schilderte er bizarre Situationen, die er als Stadtbilderklärer in Berlin erlebt hatte. Wer am Ende des Abends noch mehr Tilman Birr wollte, nahm aus seinem sogenannten „Offline Shop“ Bücher, Hörbücher oder CDs mit nach Hause…


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