09.05.2016, 16:22 Uhr

Blick hinter die Kulissen So sieht die Bad Essener Mühle am Bach von Innen aus


Bad Essen. Sie ist und bleibt ein Hingucker, die Bad Essener Wassermühle. Kaum ein Wanderer kann hier vorbei gehen ohne einen Blick auf das schmucke Fachwerkgebäude zu werfen. Just in diesem Moment flaniert ein Ehepaar am Mühlenbach vorbei. Beide betrachten das sich drehende Mühlrad. „Was haben unsere Vorfahren doch früher für schöne Häuser gebaut?“, schwärmen die Beiden und genießen den Augenblick. So beschwingt ziehen beide zum historischen Kirchplatz weiter.

Ob just in diesem Moment einer der Müller den Weizen zu Mehl verarbeitet? Nein, im Augenblick dreht sich das Rad lediglich im Leerlauf. Erst am Sonntagnachmittag lassen die ehrenamtlichen Müller die weiße Handwerkskunst für einige Stunden wieder aufleben. Pünktlich um 14 Uhr ist es dann wieder soweit. Heute steht Manfred Schulpius an den Reglern, um die Wassermenge zu dosieren, die das schwere Holzrad gleich antreiben wird. Fünf Meter misst der Durchmesser des Rades. Die Kenner wissen es längst: Weil der Mühlenteich höher liegt als die Mühle und dementsprechend das Wasser „von oben“ auf das Rad fällt, sprechen die Fachleute von einem „oberschlächtigen Wasserrad“.

Den ersten Gang einlegen

Irgendwie scheint es sich rum zu sprechen, denn kaum klettert Manfred Schulpius durch die Mühle, stehen schon die ersten Neugierigen in der Tür und schauen interessiert den Vorbereitungen zu. „Das ist ja so ähnlich wie Autofahren“, staunt einer der Besucher: Kupplung treten, den ersten Gang einlegen, das Pedal wieder loslassen und schon setzt sich der Wagen in Bewegung. So ganz unrecht hat er mit seiner Beschreibung nicht. Das Starten geschieht so ähnlich, bestätigt der Müller.

Denn kaum setzt sich das schwere Mühlrad in Bewegung, hört jeder der Anwesenden wie sich diese mit Wasser betriebene Maschine anstrengen muss und spürt es regelrecht.

Es klappert die Mühle

Es erinnert zunehmend an das alte Kinderlied „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“. Der Komponist Ernst Anschütz muss wirklich hier in Bad Essen gewesen sein, als er im 19 Jahrhundert sein Lied geschrieben hat. Es klappert wirklich. Allerdings ist es nicht das schwere Mühlrad. Aber was ist es dann? Manfred Schulpius fängt an zu schmunzeln: „Da oben, genau unterhalb des großen Trichters!“ Stimmt, von dort kommt das rhythmische Tak, Tak, Tak. Die Lösung ist eigentlich recht einfach: Der Weizen rieselt aus dem Behälter auf den Rütteltrog. Durch eine Mechanik wird diese flache Wanne hin und her geschüttelt, damit sich das Getreide gleichmäßig verteilt und wohl dosiert auf den Mahlstein fallen kann. „Das ist schon eine Wissenschaft für sich“, verrät Manfred Schulpius, denn schüttet ein Müller zu viel des Gutes auf den Stein, kann es passieren, dass die Bremswirkung der Mahlsteine höher ist, als die Kraft des Wassers und die Mühle still steht.

Zum benachbarten Meyerhof

Eine Lohnmühle war das Bad Essener Wahrzeichen nicht. Sie gehörte zum benachbarten Meyerhof und leistete dort gute Dienste. Bezahlt wurde ein Müller übrigens nicht mit Geld, eher in Naturalien. Hier kommt die Himte ins Spiel. Das alte Maß ist von Region zu Region unterschiedlich. Hier im Osnabrücker Raum ist es eine flache Schüssel mit 49 Zentimetern im Durchmesser und genau 16 Zentimeter hoch. Ganz genau passen 23,4 Kilogramm Weizen rein. Das frisch gemahlene Mehl wird hineingeschüttet und mit einem Brett abgezogen und der Inhalt mit der oberen Kante genau abschließt. Was sich darin befindet, gehört dem Besitzer des Weizens, was bei diesem Prozedere daneben gefallen ist, die Matte, halt dem Müller.

Den Stein nachschärfen

„Früher musste ein Müller gut alle sechs Monate den Stein nachschärfen“, verrät Manfred Schulpius und ergänzt: „Was war diese Arbeit bei dem Müllergesellen beliebt“. Jeder Riffel musste per Hand Zeile für Zeile vorsichtig aus dem Stein geschlagen werden. Wenn also ein Geselle auf der Walz war, an die Tür einer Mühle klopfte und um Arbeit fragte, wusste der Handwerker ganz genau Bescheid, wenn der Meister ihm wohl gesonnen war und freundlich antwortete „Kannst gleich hier bleiben...“ „Kannst gleich hier bleiben“ können auch die Besucher hören, wenn sie am kommenden Pfingstmontag zur Mühlen streben. Steineklopfen muss dann allerdings niemand, nur ein paar Stufen nach oben steigen. Denn genau eine Etage oberhalb der eigentlichen Mühle, wartet dann Mühlenbodencafé auf seine Besucher. Gleich vor Ort lässt es sich ganz genau überprüfen, was für Leckereien sich aus Weizenmehl so alles Backen lässt.

Rohstoff für das Mühlenbrot

Noch heute schätzt eine Bäckerei aus der Region die Vorzüge einer historischen Wassermühle. So versorgt die Mühle aus Bad Essen, wie ihre Kollegin aus dem Nettetal die Backstube mit dem wichtigen Rohstoff für das Mühlenbrot.


Pfingstmontag ist wieder Mühlentag:

Am 16. Mai wird die Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde deutschlandweit die Pforten ihrer Mühlenbetriebe öffnen und zeigen, was alles mit Wind-, Wasser- und Muskelkraft gemahlen werden kann. Angefangen hat alles 1994, als der Mühlentag erstmalig am Pfingstmontag gestartet ist. Seitdem ist der Pfingstmontag einer der wichtigsten Termine im Mühlenkalender. Aus anfangs 460 teilnehmenden Mühlen wurden bis heute 1800 Betriebe, wo sich Müller wie Müllerin über die Schulter schauen lassen, wie sie mit der „ältesten Kraftmaschine der Menschheit“ arbeiten. Schließlich reicht die Geschichte diese technischen Innovation weit über 2000 Jahre zurück.

Mit dabei aus dem Altkreis Wittlage sind die Wassermühle Bad Essen, die Wittlager Mühle und die Linnenschmidt‘sche Mühle in Venne. In Venne findet auf der Mühleninsel an diesem Tag wieder ein großer Trödelmarkt statt. In Wittlage sind Interessierte zum Regional- und Ökomarkt eingeladen. Auch die Kolthoff‘sche Mühle im benachbarten Levern beteiligt sich wieder am Mühlentag 2016.

Internet: www.muehlen-dgm-ev.de oder www.muehlenland-niedersachsen.de

0 Kommentare