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Tippspiel
"Nur eine Stunde lang blind durch den Landtag gehen!"
"Das ist nicht in Ordnung. Die machen, wat se wollen", sagt ein älterer Herr aus Meppen kopfschüttelnd und setzt seine Unterschrift unter die Solidaritätsliste des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Niedersachsen e.V.
Viele, die zum Infostand des Blindenverbandes auf dem Meppener Rathausplatz kommen und sich in die Solidaritätsliste eintragen, haben kein Verständnis für die beabsichtigte Streichung des Blindengeldes in Niedersachsen und machen ihrem Unmut Luft. '"'Die Schwächsten sollen es jetzt ausbaden. Das ist bequem.'"'
Auch Waltraut Wahl aus Klein-Berßen schimpft. Sie macht Zwanette Hendriks, von Geburt an hochgradig sehbehindert und seit ihrem 19. Lebensjahr blind, sowie Gerhard Alsmeier, sehbehindert, leidenschaftlich Mut, für ihr Recht zu kämpfen. '"'Die Politiker sollten mal eine Stunde lang blind durch den Landtag gehen'"', fordert sie. Waltraut Wahl betreut selbst einen Neunzigjährigen, der seit zwanzig Jahren blind ist. Sie weiß, wovon sie spricht, und warnt vor '"'sozialer Vereinsamung aus Mangel an Geld.'"'
Der Blindenverband kämpft darum, dass das Landesblindengeld in Höhe von 409 Euro wie bisher einkommens- und vermögensunabhängig gezahlt wird - wie die Leistungen aus der Pflegeversicherung. Seit Sozialministerin Ursula von der Leyen angekündigt hat, das Landesblindengeld zum Anfang des nächsten Jahres zu streichen, steht bei Zwanette Hendriks, die sich als Obfrau des Blindenverbandes um mehr als 150 hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen im Emsland und der Grafschaft Bentheim kümmert, das Telefon nicht mehr still.
'"'Erst Anfang 2004 haben wir auf 20 Prozent verzichtet und jetzt will man uns alles wegnehmen'"', empört sich Hendriks. Das Flugblatt des Blindenverbandes erklärt, warum blinde Menschen bisher Blindengeld erhalten: '"'Blinde und sehbehinderte Menschen haben allein auf Grund ihrer Behinderung keinen Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung.'"' Sie brauchen jedoch zum Beispiel Hilfe bei der Körperpflege, Nahrungszubereitung und im Haushalt, einfach '"'weil die optische Kontrolle wegfällt'"'.
Taxifahrten, sprechende Uhren und Fieberthermometer, Streifenschreiber und Haushaltsgeräte, die so ausgestattet sind, dass sie auch von Blinden gefahrlos bedient werden können, kosten Geld.
Die Aktion des Blindenverbandes zu unterstützen, hat die 24-jährige Michaela Bublitz zu ihrer Sache gemacht. Die junge Heilerziehungspflegerin, die seit kurzem arbeitslos ist, hilft Zwanette Hendriks, wo sie nur kann. '"'Ich will was bewegen'"', ist ihr Motiv. Am 11. September ruft der Blindenverband zu einer Großdemonstration in Hannover auf. Zwanette Hendriks: '"'Wir hoffen, dass es uns mit Unterstützung der vielen Menschen, die unsere Situation verstehen, vorher gelingt, die Landesregierung zum Umkehren zu bewegen.'"'




