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Am Augustaschacht in Ohrbeck stiegen Inhaftierte in die Georgsmarienhütten-Eisenbahn
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Quelle: /Neue Osnabrücker Zeitung 04. Oktober 2012 17:13 Uhr

Der Leidenshalt

Am Augustaschacht in Ohrbeck stiegen Inhaftierte in die Georgsmarienhütten-Eisenbahn

Hasbergen. Einen Bahnhof gab es hier nie. Doch auch ohne historisches Gebäude ranken sich um den Haltepunkt Augustaschacht zwischen Holzhausen und Ohrbeck viele Geschichten – die meisten davon tragisch.

 
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1957 herrschte viel Betrieb auf den umfangreichen Bahnanlagen der Hütten- und Hüggelbahn in Höhe des Augustaschachts (rechts unten im Bild): zwischen den Gleisbögen die Bahnhofsbaracke, darüber das Lager I. Foto: Archiv Beermann Direkt vor dem Gebäude verläuft bis heute das Gleis der Hüttenbahn, in deren fast 150-jähriger Geschichte der Haltepunkt Augustaschacht eine rund drei Jahrzehnte währende Episode blieb. Im Foto: der Leiter der Gedenkstätte Augustaschacht Dr. Michael Gander (rechts) und der Hasberger Gerd Hahn. Foto: Petra Pieper Östlich des Augustaschachts befand sich die Kalksteinbrechanlage, die 1958 noch in Betrieb war. Foto: Adolf Pahling 1969 passiert die werkseigene Diesellok 1 mit Güterwagen den Haltepunkt Augustaschacht. Foto: Joachim Petersen

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Das hohe vierstöckige Augustaschacht-Gebäude mit seiner eindrucksvollen Rundbogenarchitektur, das heute einsam am Nordhang des Hüggels liegt, war anfangs nur die bauliche Hülle um eine ungewöhnlich große, dampfgetriebene Pumpe, die mit einer Förderleistung von fünf Kubikmetern pro Minute die Erzgruben des Hüggels entwässerte. Aus diesem Grund zählt das 1876 errichtete Gebäude zu den bedeutendsten bergbaulichen Denkmälern des Osnabrücker Landes.

Gewichtiger ist die Erinnerung an die Zeit, da das Haus von den Nationalsozialisten zu einem Straflager umfunktioniert wurde, das für mehr als 2000 Inhaftierte zu einem Ort des Schreckens und Leidens wurde. Mehr als 100 Jugendliche und Männer überlebten die unmenschlichen Arbeits- und Haftbedingungen nicht. Seit 2008 ist der Augustaschacht offiziell Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus im Osnabrücker Land.

Kriegsgefangenenlager

Zunächst nutzte die Wehrmacht das Gebäude als Kriegsgefangenenlager. „Im Sommer 1940 kamen die ersten 330 Franzosen hierher“, berichtet der Leiter der Gedenkstätte, Michael Gander: „Sie mussten an der Nordseite des Hüggels die Barackenlager I und II bauen und wurden, ebenso wie die ab 1942 dort untergebrachten Zwangsarbeiter, als Arbeitskräfte im Hüttenwerk eingesetzt.“ Als Transportmittel bot sich die Georgsmarienhütten-Eisenbahn (GME) an, mit der schon seit Jahrzehnten die Werktätigen von Hasbergen über Wulfskotten und Patkenhof zur Hütte fuhren. Man ließ die Züge nun einfach auch am Augustaschacht-Gebäude halten. Aber außer einem Bahnsteig gab es keinerlei Infrastruktur.

Im Januar 1944 baute die Gestapo den Augustaschacht zu einem Straflager um, einem sogenannten Arbeitserziehungslager für flüchtige Zwangsarbeiter, „Arbeitsbummler“ und andere sich dem Regime Widersetzende. Kurzzeitig seien auch jüdische Männer nicht jüdischer Frauen in dem Hilfsgefängnis untergebracht gewesen, berichtet Gander. Die Inhaftierten wurden streng bewacht und bei Transporten eng zusammengetrieben. Beim Gedränge an der Bahnsteigkante kam es einmal – vermutlich ausgelöst durch die harschen Methoden der Bewacher – während der Einfahrt des Zuges zu einem tödlichen Unfall, wie ein überlebender Niederländer berichtete. Seit 1998 erinnert ein Mahnmal in Form einer symbolischen Wartehalle an das Schicksal aller hier Inhaftierten und zu Tode Gekommenen.

Der Haltepunkt als solcher war auch technisch problematisch, denn der Bahnsteig befand sich auf einer Steigungsstrecke und in einer Kurve. Schwere Güterzüge krochen zumeist nur im Schneckentempo durch die Engstelle – eine günstige Gelegenheit für den Kohlenklau, den verzweifelte Menschen in der kargen Nachkriegszeit unter Lebensgefahr ausübten. Einmal habe sich dabei auch ein tödlicher Zwischenfall am Augustaschacht ereignet, berichtet Gerd Hahn, der als Kind seine ersten Lebensjahre in der Siedlung I (Annaschacht) verbrachte. Der 1950 als Sohn aus Schlesien vertriebener Eltern Geborene begleitete in den 50er-Jahren oft seinen Vater zum Zug, um sich von den dampfenden, zischenden Lokomotiven beeindrucken zu lassen.

Er erinnert sich noch an das kleine Bahnstationsgebäude, „eine Holzbaracke“, die erst 1949 errichtet wurde, als die einstigen Zwangsarbeiterlager längst zu Behelfswohnungen für Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten umgebaut worden waren. „Das war eine zum Bahnsteig offene Wartehalle, in der es an der linken Seite einen Fahrkartenschalter gab.“ Auch das Augustaschacht-Gebäude wurde wegen der Wohnungsnot nach dem Krieg bis Ende der 1960er-Jahre von mehreren Familien bewohnt. In den dann als Werkssiedlung bezeichneten Anlagen gab es zwei Läden, eine Außenstelle der Gemeindeverwaltung Ohrbeck und einen Friseur, die sanitären Anlagen allerdings waren mehr als bescheiden. Die einzige Möglichkeit, zur Arbeit oder an andere Orte zu gelangen, bot den Bewohnern die Werksbahn. „Der Bahnsteig war stets gerappelt voll, wenn sich ein Zug näherte“, erinnert sich Gerd Hahn.

Probleme im Winter

Ein besonderes Schauspiel war es für den Jungen, wenn die voll besetzten Arbeiterzüge an nasskalten Wintertagen auf der Steigungsstrecke, von Ohrbeck kommend, am Bahnsteig Augustaschacht liegen blieben. Waren die Schienen vereist, konnten die Loks kaum wieder anfahren. „Die Lok hämmerte ihre Auspuffschläge förmlich auf die Schienen“, schreibt Hahn in seinem Buch „Bahnstation Hasbergen“, „erst als Sand auf die vereisten Schienen gestreut worden war, gelang es dem Lokführer, den Zug langsam in Bewegung zu setzen. Mit viel Gefühl musste er den Dampfregler bedienen, um die Maschine vor dem Schleudern, dem Durchdrehen der Räder, zu bewahren.“ Es sei sogar gelegentlich vorgekommen, dass Lok- und Zugführer, derartige Probleme vorausahnend, gar nicht am Bahnsteig anhielten, sondern in langsamer Fahrt den wartenden Arbeitern zuriefen: „Aufspringen! Wir können nicht halten.“ Sobald der letzte aufgesprungen war, ging es mit Volldampf die Steigung unterhalb des Kalkbrecherwerks an der Hüggelschlucht hinauf.

Zum Kalkbrecherwerk lieferte seit 1937 eine Seilbahn Kalksteine aus Holperdorp bei Lienen. Alle halbe Minute erreichte ein Seilbahnwagen die Entladestation an der GME, wo die Kalksteine entweder in die Brecheranlage oder über Rutschen direkt in die Waggons gekippt und zum Werk gefahren wurden. Aus dem Werk kommende Züge brachten mehrmals täglich Abfallprodukte wie Schlacken und Schlämme, die entweder in aufgegebene Gruben oder einen großen Teich neben dem Lager I entsorgt wurden. Gerd Hahn hat nicht vergessen, dass er, obwohl es eigentlich verboten war, gern am Schlammteich spielte: „Dort liegt wahrscheinlich noch heute einer meiner neuen Hausschuhe, die ich zu Weihnachten bekommen hatte und mit denen ich durch die trügerisch feste Oberfläche in den darunterliegenden Schlamm eingebrochen bin.“

Von alldem ist heute wenig zu sehen – der Wald hat die Flächen der längst abgerissenen Barackenlager zurückerobert, ein Schlammteich ist nicht mehr erkennbar, das Kalkbrecherwerk wurde, ebenso wie die Gleise der Hüggelbahn, vollständig zurückgebaut. Seit 1978 ist der Personenverkehr auf der Hüttenbahn eingestellt, aber mehrmals täglich passieren Güterzüge mit Schrott für die moderne Stahlproduktion die Gedenkstätte. Augustaschacht ist heute Inbegriff der Erinnerung an tausendfach erlittenes Unrecht.



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