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Thomas Freitag brilliert bei Auftritt in Papenburg
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Quelle: /Ems-Zeitung 27. September 2012 14:44 Uhr

Politisches Kabarett

Thomas Freitag brilliert bei Auftritt in Papenburg

Papenburg. Der Bibliothekar Schüttlöffel hat sich mit 5800 Büchern in seiner Bücherei verschanzt, draußen ist ein Sonderkommando der Polizei aufgefahren, der Polizeipsychologe versucht, den Bücherfreund zur Aufgabe zu überreden. Aber Schüttlöffel gibt nicht auf! Er kämpft einen ebenso heroischen wie wahrscheinlich aussichtslosen Kampf zur Rettung der europäischen Kultur vor der Alternativlosigkeit

 
Kabarettist Thomas Freitag überzeugte bei seinem Auftritt in Papenburg. Foto: Archiv  Vergrößern

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Das Publikum im Theater auf der Alten Werft in Papenburg hatte das Privileg, die erste Vorpremiere von Thomas Freitags neuem Kabarettprogramm zu erleben: Es war einfach großartig!

Freitag bot eine ganz außergewöhnliche Vielfalt von Ideen und Themen, dabei war nichts beliebig, alles passte zusammen, fügte sich zu einem Gesamtbild der herrschenden Umstände. Es wurde klar, erschreckend klar, wie alles funktioniert, wie die Ideologie des Neoliberalismus in totalitärer Weise alle Lebensbereiche der Menschen durchdringt, weltweit. Und wir lassen es zu, wir machen sogar mit! Solange wir noch beim Billiganbieter ein Schnäppchen machen können, drei Paar Tennissocken der Marke Bolis Beckel made in China, solange machen wir keine Revolution. Kein Wunder, dass Karl Marx resigniert.

Thomas Freitag ließ all jene zu Wort kommen, Dichter, Denker und Philosophen, die „entsorgt“ worden sind bei der „Entrümpelung“ der Lehrpläne. Er widerlegte den Polizeipsychologen mit Lyrik, pries die Eloquenz Romeos, berief sich auf Goethe, argumentierte mit der Bibel, stritt sich mit Hobbes und war sich mit Hamlet einig: Ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode!

Bisweilen verließ der Kabarettist die Rolle des Bibliothekars, setzte mit kleinen Spielszenen besondere Akzente: Er trat als Karl Marx auf, der an den Billigsocken verzweifelt; als philosophisch angehauchter kölscher Frittenbudenbesitzer, der Foucault liest beim Auftauen der Zigeunerschnitzel und seine Bude dichtmachen muss, weil die Leute nur noch Salat essen und den Gürtel enger schnallen. Dabei ist die deutsche Fritte, schön dick geschnitten und fett, ein Bollwerk gegen den grassierenden Selbstoptimierungswahn: Liberté, Egalité, Pommes frittées!

Wir wurden Zeugen der Tagesplanung eines flexiblen, optimierten Ehepaares, das so virtuos mit Kita-Kind, Job in London, Omas Geburtstagsschwarzwälderkirschtorte, Projekt in Stuttgart, Opas künstlicher Hüfte und Meeting in München jonglierte, dass einem Hören und Sehen verging.

Ein Bayer, seit 48 Jahren in der CSU, beklagte sich über die Zumutungen der Twitter-Demokratie und trauerte der guten bodenständigen Korruption nach: Machst mir nachher die zwei Morgen Ackerland zu Bauland?

Wir sahen Schiller bei seinem Verleger: Sie besprechen sein neuestes Werk, „Die Räuber“. Das Ergebnis ist eine köstliche Satire über den modernen Literaturbetrieb: Karla Moor hat sich gerade ein Intimpiercing machen lassen – oder ist in den Wechseljahren – das Stück spielt in Cornwall, oder in Schweden, im schwedischen Teil von Cornwall, Carla Moor ist Profilerin, die den Fall lösen soll. Sie hat Burnout, das läuft super...

Nichts ist alternativlos

Der Affe aus Kafkas „Bericht für eine Akademie“ hatte seinen Auftritt. Dieser Verwandte beklagte sich bitter über den von der Menschheit eingeschlagenen Weg: Wir gehen in der Evolution Schritt für Schritt zurück – wir lassen uns zum Affen machen. Thomas Freitags neues Programm bietet politisches Kabarett in Vollendung: er balanciert trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen intelligentem Witz und bitterem Ernst, bringt das Publikum zum Lachen und zum Denken. Und er hat eine Botschaft: Nichts ist alternativlos! „Wagen wir einen neuen Wahnsinn!“



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