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Wenn der Vater Kriegsverbrecher ist
Osnabrück. Erst Trauer über den vermeintlich toten Vater, dann Freude darüber, dass er doch lebte, vermischt mit Gram, weil er in der DDR zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden war – und schließlich, nach dem Fall der Mauer: Entsetzen über die wahre Geschichte ihres Vaters. Beate Niemann entdeckte, dass ihr Vater ein Massenmörder war. Sie begann, seine Taten aufzudecken, arbeitete an zwei Dokumentarfilmen mit und schrieb ein Buch: „Mein guter Vater.“
Jetzt war sie zu Besuch bei der Volkshochschule und im Gymnasium „In der Wüste“, um über Bruno Sattler zu berichten. So hieß ihr Vater, der 1898 geboren worden war und von 1933 an Karriere unter anderem als SS-Sturmbannführer und Gestapo-Beamter machte. Im Krieg war er zunächst in Belgien und Frankreich, um deutsche Emigranten gefangen zu nehmen, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen waren, berichtete Beate Niemann: „Er hat sie nach Deutschland transportieren oder sie gleich umbringen lassen.“
Später gehörte er zum „Vorkommando Moskau“, das die Besetzung des sowjetischen Innenministeriums vorbereiten sollte – wozu es allerdings nicht kam. Die nächste Station war Belgrad. Beate Niemann erläuterte am Beispiel eines „Gaswagens“, welche Rolle ihr Vater unter anderem bei der Ermordung von Juden spielte. Die Gefangenen saßen in einem geschlossenen Lastwagen und wurden während der Fahrt mit den Abgasen getötet. „Mein Vater hat ausgerechnet, wann das Gas in das Innere des Wagens geleitet werden musste.“ Unter anderem sei er verantwortlich für die Ermordung von Frauen und Kindern – „in der Zeit, als meine Mutter mit mir schwanger war“.
Ihre Mutter und sie lebten während des Krieges in Berlin-Tempelhof in einem Haus, das zuvor einer jüdischen Familie gehört hatte: Nationalsozialisten zwangen sie, es zu verkaufen. Doch erhielten sie das Geld nicht wirklich: „Es wurde auf ein Konto des Reiches überwiesen.“ Und die ehemaligen Eigentümer wurden im Konzentrationslager ermordet.
Von all diesen Gräueln erfuhr Beate Niemann erst nach dem Fall der Mauer. Vorher hatte sie geglaubt, was in ihrer Familie erzählt worden war: Ihr Vater habe sich nichts zuschulden kommen lassen. „Alles, was ich über ihn wusste, hatte ich von der Familie und von Freunden erfahren. Sie haben alle gelogen.“
Was die Familie zunächst nicht erfuhr: Nach dem Krieg wurde Bruno Sattler von sowjetischen Soldaten gefangen genommen. 1949 ließ seine Frau ihn für tot erklären. 1953 erhielt die Familie die Nachricht, dass Bruno Sattler lebte und in der DDR wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Gefängnis saß – lebenslänglich. Für die Familie war es ein Unrechtsurteil, und Beate Niemann versuchte, ihn auf die „Freikaufliste“ zu bekommen. 1972 starb er im Gefängnis. Nach dem Fall der Mauer erfuhr Beate Niemann, dass ihr Vater ein Kriegsverbrecher gewesen war. „Ich habe mich nur noch geschämt.“ Sie begann mit Recherchen, besuchte die Tatorte ihres Vaters und Nachfahren von Opfern – die Verbrechen von Bruno Sattler wurden zur Lebensaufgabe.
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