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Hankenberge war der Gipfel
Hilter. Als höchstgelegener Bahnhof im Netz der Eisenbahn-Direktion Münster erwarb sich Hankenberge an der Strecke Osnabrück–Bielefeld schon früh einen besonderen Ruf: Während Ausflügler die schönen Wandergebiete des Teutoburger Waldes liebten, fürchteten Lokführer und Heizer die als „Kleiner Brenner“ bekannte enorme Steigung des Streckenabschnitts zwischen Hilter und Hankenberge.
Trotz herausgesprengter Geländeeinschnitte beim Bau der Strecke blieb eine Steigung von 1:50 – auf eine kostspielige Untertunnelung, obwohl immer wieder diskutiert, wurde verzichtet. „Besser ließ sich’s nicht machen“, kommentierte ein Schreiber in der Neuen Tagespost 1961 zum 75. Geburtstag des Haller Willem.
Von Osnabrück, das auf 75 Höhenmetern liegt, steigt die Strecke auf ihren mit 177 Metern höchsten Punkt bei Hankenberge an. Steiler gestaltet sich der Anstieg in der Gegenrichtung: Von Hilter (128 Meter) in weniger als drei Kilometern auf den höchsten Punkt zu gelangen, erforderte von den Dampflokomotiven höchste Leistung. Deshalb waren in Wellendorf und Hilter Zugteilungen, Dreifachvorspann und Schiebe-Lokeinsatz an der Tagesordnung. Und trotzdem ging dem „pingelnden Teckel“, als den der Tagespost-Schreiber den Haller Willem in seiner Kindheit kannte, „oftmals die Puste aus“.
Wenn ein Zug zum Stehen gekommen war, musste er geteilt werden. Das ging, wie Lothar Hülsmann in Erfahrung brachte, nicht immer gut: So sollten 1946 vier schadhafte Lokomotiven zur Reparatur von Bielefeld nach Osnabrück transportiert werden. Sie wurden „in kaltem Zustand“, so der Fachmann, von einer Dampflok der Baureihe 50 gezogen. Doch am „Kleinen Brenner“ war die Maschine überfordert. Hinter Hilter kam der Zug zum Stehen, der Lokführer kuppelte zwei der angehängten Stahlkolosse ab und stellte sie fest. Als er mit der Zuglok aus Wellendorf zurückkam, waren die Loks nicht mehr da, sie hatten sich auf dem abschüssigen Gelände selbstständig gemacht. „Unter großer Lärmentwicklung“ waren sie durch den Bahnhof Hilter gerast und – nachdem der dortige Beamte seine Kollegen gewarnt hatte – in Dissen/Bad Rothenfelde auf ein Abstellgleis gelenkt worden. Der Aufprall war so heftig, dass beide Maschinen über den Prellbock hinaus ins Erdreich gedrückt wurden und die Ausfahrt Richtung Bielefeld versperrt war.
Oftmals soll auch ein Bahnbeamter problematischen Zügen von Hankenberge aus entgegengegangen sein und den schwer arbeitenden Lokomotiven aus einem Eimer Sand vor die Räder gestreut haben, damit sie „über den Berg“ kamen. Ob dies gelegentlich auch die Aufgabe von Gottlieb Friedrich Schönknecht war, kann nur vermutet werden. Der 1870 geborene Weichensteller verbrachte nahezu sein gesamtes Arbeitsleben am Bahnhof Hankenberge. Er war damals der Herr über die Weichen, die das Versandgleis für die benachbarte Kalkfabrik, ein weiteres Ladegleis sowie ein Aufstellungsgleis mit dem Durchgangsgleis der Strecke Osnabrück–Bielefeld verbanden.
Die Eisenbahn als modernes Transportmittel begünstigte überall die wirtschaftliche Entwicklung. In Hankenberge florierte über Jahrzehnte der Kalkabbau. Mit eigenen Dampfloks auf Schmalspurgleisen schafften die Wickingschen Kalkwerke tonnenweise Kalk zu einer Verladerampe und von dort auf die Staatsbahn. Später nutzten auch die Wortmannschen Kalkwerke die Bahn zum Transport, ebenso wie die Maschinenfabrik Vorwald.
Weichensteller Gottlieb Schönknecht lebte mit Frau und zwölf Kindern bis zu seinem Tod 1953 in der Nähe des Bahnhofs. Er muss eine Institution gewesen sein, denn die Kollegen stellten ihm zu Ehren 1934, vermutlich zum Abschied aus dem Berufsleben, im benachbarten Steingarten einen Findling mit dem Namen „Gottliebstein“ auf. „Der Bahnhof war zwar der kleinste, aber der schönste an der ganzen Strecke“, erinnert sich der 85-jährige Walter Hilgemann, der in seiner Jugend täglich mit dem Zug von Hankenberge zur Ausbildung nach Oesede fuhr. Der Bahnhofsvorsteher habe offenbar genügend Zeit gehabt, die Blumenrabatten in Ordnung zu halten, und auch eine große Linde mit einem Stammdurchmesser von einem Meter und einer Sitzbank drum herum habe den Bahnsteig geziert. Bei einem heftigen Sturm sei der stolze Baum abgedreht worden, bedauert Hilgemann.
Auch den Bahnhof ereilte das Los der Vergänglichkeit, er wurde abgerissen. Heute erinnert kaum mehr etwas an das Kleinod. 1980 wurde der noch verbliebene Haltepunkt geschlossen. Zwar bemühte sich parallel zur Wiederinbetriebnahme des modernen Haller Willem die Initiative „Hauptbahnhof Hankenberge“ darum, die noch vorhandenen Bahnsteigreste so zu sanieren, dass eine Bedarfshaltestelle für Wanderer eingerichtet werden könnte, jedoch hat sich das Vorhaben (noch) nicht realisieren lassen. Heute nutzt die Firma Höcker-Polytechnik den Bereich als Parkplatz.
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