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„Leben wie jeder andere“: Caritas-Akademieabend zum Thema Inklusion
Lingen/Papenburg. Ein eigenes Zimmer in den Werder-Bremen-Farben Grün-Weiß, viel Platz für eine Kommode mit Krimskrams und eine Terrasse, die er mit dem Rollstuhl selbstständig erreichen kann – davon hat Martin Westerhoff früher oft geträumt. Der körperlich und geistig schwerstbehinderte 44-jährige Bewohner des St.-Lukas-Heims in Papenburg lebte jahrzehntelang in einem Dreibettzimmer, nun wurde innerhalb des Heims sein Traum von eigenen vier Wänden in einer Wohngruppe wahr.
Das berichtet Westerhoff mithilfe von Wohngruppenleiter Stefan Barg beim zweiten Akademieabend des Caritasverbands für die Diözese Osnabrück im LudwigWindthorst-Haus Lingen. Das Thema: „Inklusion – nur eine gute Idee?“ Dabei geht es um die Rechte von Menschen mit Behinderung und um die Konsequenzen für die Gesellschaft.
Martin Westerhoff verfolgt die Diskussion genau. Sobald der Begriff Vierbettzimmer fällt, stöhnt er auf. Wenn es hingegen um seine neue Wohnstätte geht, strahlt der 44-Jährige über das ganze Gesicht. Im Bereich Wohnen ist Inklusion für ihn persönlich gelungen – dank des Projektes „Leben wie jeder andere“, das von der Aktion Mensch gefördert wurde.
Genau das steckt auch hinter einem dezentralen Wohnprojekt, dass das St.-Lukas-Heim seit 2006 nach und nach umsetzt. Ziel ist es, Bewohnern mit sehr schweren geistigen und mehrfachen Behinderungen neue Wohnperspektiven mit einem maximal möglichen Maß an Selbstbestimmung zu bieten.
Konkret bedeutet dies, dass bis 2014 insgesamt 60 der 120 Bewohner des Hauses Vosseberg in Papenburg, dem größten Wohnheim des St.-Lukas-Heimes, in dezentrale Wohneinheiten mit Einzelzimmern ziehen. Das Projekt sieht den Bau von insgesamt fünf Doppelhäusern für je zwölf Bewohner vor – drei in Papenburg und zwei in Dörpen. Die beiden ersten Gebäude wurden in Papenburg (am Mittelkanal und am Vosseberg) gebaut. Dort leben seit 2008 beziehungsweise 2010 jeweils ein Dutzend Bewohner in zwei Wohngruppen mit je sechs Einzelzimmern, Duschbädern, Pflegebad, Wohnzimmer, Küche, Terrasse und Garten.
Auf dem Bildschirm von Martin Westerhoffs Sprachcomputer sind Symbole und Buchstaben zu sehen. Darüber kann er sich verständigen. Auch diese Technik ist eine Form von Teilhabe. Referent Bernhard Sackarendt, Vorsitzender des Sozialverbandes Deutschland, Kreisverband Emsland, erklärt einige wichtige Regeln des seit 2009 in Deutschland gültigen UN-Übereinkommens. Demnach wird beispielsweise in der Konvention gefordert, Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu geben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben wollen. Und dass sie ein Recht auf eine Arbeit haben.
In einer lebhaften Diskussion melden sich viele der 80 Gäste zu Wort. Zur Sprache kommt unter anderem, dass Unternehmen die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nicht nur als soziale Pflicht sehen sollten, sondern auch als Chance.
Thema sind auch die Finanzierbarkeit und die Sorge um möglicherweise übereilte Entscheidungen, unter denen die fachliche Betreuung leiden könnte. Der emsländische Landrat Reinhard Winter (CDU) betont: „Die emsländischen Förderschulen leisten hervorragende Arbeit. Dies wissen die Eltern auch zu schätzen.“ Die SPD-Landtagsabgeordnete Karin Stief-Kreihe sagt: „Inklusion muss in die Köpfe und Herzen der Menschen rein.“ Caritasdirektor Franz Loth moderiert den Abend. Sein Fazit: „Inklusion ist ein Thema, das uns alle angeht. Es darf kein Thema von Fachzirkeln bleiben. Wir als Kirche haben allerdings eine besondere Verantwortung, für einen umfassenden Lebensschutz zu sorgen. Inklusion ist eine Herkulesaufgabe, für die wir Ressourcen, Zeit und Geduld brauchen.“
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