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Tippspiel
Da fallen die Spiegelkugeln von der Decke
Osnabrück. Felix Kummer will es wissen: „Wir sind jetzt Kommerz!!!“, schreit er ins Mikrofon und erwartet vom Publikum, dass es „Ausverkauf“ zurückschreit. Das tut aber keiner in der Kleinen Freiheit. Stattdessen skandiert der ausverkaufte Club begeistert und wie eine Eins „Kraftklub, Kraftklub, Kraftklub!“. So heißt nämlich die Band, die hier für eine derartig bombastische Stimmung sorgt, dass die Spiegelkugeln von der Decke purzeln und von Sänger Felix in Sicherheit gebracht werden müssen.
Kraftklub ist das neue Ding. Mit ihrer aufmüpfig-witzigen Single „Ich will nicht nach Berlin“ wurde die Band aus Chemnitz so bekannt, dass ihr gerade erschienenes Album „Mit K“ von null an die Spitze der Charts katapultiert wurde.
Dementsprechend hätte man das Quintett sicherlich in einer Location auftreten lassen können, die viermal mehr Zuschauer fasst als die Kleine Freiheit. Da der Kraftklub jedoch kein reguläres Konzert absolviert, sondern im Rahmen des 20-jährigen Jubiläums der Musikzeitschrift „intro“ gastiert, hat man an diesem Veranstaltungsort festgehalten. Aus diesem Grund handelt es sich auch um ein Doppelkonzert, denn nach den erfolgreichen Jungs aus dem Osten betritt Frank Spilker mit seiner Hamburger Band „Die Sterne“ die Bühne, die bereits seit 1992 ihre spezielle Art von Independent-Pop inszeniert.
Wie sich herausstellt, ist die Wahl, die „intro“-Chef Matthias Hörstmann mit seinem Team zur Jubelparty getroffen hat, durchaus passend: Beide Bands bedienen sich überwiegend des schlichten Viervierteltakts, um ihre deutschen Texte zu transportieren. Beide Bands haben sich den skurrilen Seiten des Lebens verschrieben. Aber hier beginnen schon die Unterschiede. Während Spilker von „Nebligen Lichtern“ oder vom „Universal-Tellerwäscher“ singt, sind Felix und Till Brummer (so nennen sich die Brüder) mit ihrer Truppe mehr im wirklichen Leben verortet.
Mitsingbare, markante Texte, die oft in hymnischen Rap umschlagen, werden mit Wucht und Energie in den Saal gepfeffert. Spaß kommt nicht zu kurz: „Randale“ oder „Nie wieder Ritalin“ skandiert Felix und dreht richtig auf. Dazu rummst der Bass, das Hi-Hat zischelt hektisch, und man bekommt das Gefühl, dass die Deichkind-Generation hier hyperaktiv auf Rock schaltet.
Dagegen kommt der Disco-Rock der Sterne eher gediegen, zum Teil fast psychedelisch daher. Ein Song mit dem Titel „Nach fest kommt lose“ ufert in schwebend-verhallte Klangexperimente aus, und die Frage „Was hat dich bloß so ruiniert?“ wird mit einem hippiesken Gitarrenzitat verschnörkelt.
Dennoch haben die Frontmänner der beiden Bands eine Gemeinsamkeit: Sie suchen die Nähe zum Publikum – auf ihre eigene Art. Während Felix zum Abschluss des Gigs auf den Händen der Zuschauer durch den Saal surft, geht Spilker zwischen die Fans, um mit denen zum Discobeat zu tanzen.
Hier der übermütige Kraftklub, der das heutige, extreme Bedürfnis nach Spaß auf sympathische Weise befriedigt, dort die gereiften Sterne, die ihren dreckigen Indie-Rock gegen einen groovy-verspielten Antipop eingetauscht haben – ein amüsanter Abend, den das „intro“ da inszeniert hat.
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