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Als Wissingen noch einen Bahnhof hatte
Bissendorf. Wer in Wissingen aus dem Zug steigt, mag nicht glauben, dass hier mal ein richtiger Bahnhof gestanden hat. Mit einem stattlichen Wartesaal und einem Fahrkartenschalter, hinter dem ein leibhaftiger Schalterbeamter seinen Dienst verrichtete. Der Mann wurde durch einen Automaten ersetzt, der Bahnhof durch eine Haltestelle.
Als die Westbahn zwischen Löhne und Osnabrück 1855 in Betrieb ging, war Wissingen der einzige Bahnhof nördlich der Gleise. Südlich der Gleise gab es nur nasse Wiesen, die regelmäßig von der Hase überflutet wurden, wie es der Eisenbahnhistoriker Lothar Hülsmann in seinem Werk „Der Bahnhof Wissingen“ beschreibt.
Das erste Stationsgebäude aus massivem Klinker war zweistöckig. Es hatte zwei Wartesäle, einen für die 1. und 2., einen anderen für die 3. und 4. Klasse. Oben gab es kleine Wohnungen für die Weichensteller, und für die Postagentur war auch noch etwas Platz. An der Seite in Richtung Melle befand sich ein kleiner Anbau für die Güterabfertigung.
Ein Foto von 1906 zeigt diesen schnuckeligen Bahnhof mit einigen Reisenden und einer ganzen Garde wichtig dreinblickender Eisenbahnbeamter in ihren Uniformen mit blank polierten Knöpfen. Lothar Hülsmann weist in seinem Bildtext darauf hin, dass auf dem Handwagen vor dem Güterschuppen Milchzentrifugenteile für die Firma Beinecke zu erkennen sind. Und dass es sich bei dem jungen Mann mit dem Fahrrad um den späteren Oberweichenwärter Heinrich Kohrmeyer handelt. Der war damals aber noch einfacher Arbeiter und musste sich deshalb für das Foto im Hintergrund halten.
Wenige Jahre später wurde das Stationsgebäude durch ein größeres ersetzt. Mit einer Länge von 32,5 Metern war es recht stattlich, der Hauptflügel mit der Bruchsteineinfassung und dem Fachwerkgiebel hatte sogar drei Geschosse.
Dass dieses Bahnhofsgebäude 1987 abgerissen wurde, können viele Bissendorfer bis heute nicht verstehen. So geht es auch Jan Düthmann, der viele Jahre als Fahrdienstleiter im benachbarten Stellwerk gearbeitet hat. Er erinnert sich noch gut an Friedel Aßmann, den letzten Fahrkartenverkäufer, der auch für die Gepäckannahme verantwortlich war.
Ende der 60er-Jahre begann der langsame Niedergang des Wissinger Bahnhofs, weil immer mehr Berufspendler das eigene Auto für die Fahrt zur Arbeit bevorzugten. 1968 wurde die Güterabfertigung aufgegeben, 1980 der Schalter dichtgemacht. Zwei Jahre später machte die Deutsche Bahn das Stationsgebäude dicht, das daraufhin immer mehr verfiel. Um den Wertverlust ihrer Immobilie zu stoppen, ließ die Bahn noch neue Fenster einsetzen, wie sich Jan Düthmann erinnert. Aber es fand sich kein Interessent, der den geforderten Kaufpreis bezahlen wollte.
Als das Sägewerk Brinker Interesse an einem dritten Gleis für die Lieferung von Langholz aus Skandinavien bekundete, ließ die Deutsche Bundesbahn das alte Stationsgebäude von 1913 niederreißen.
Seitdem müssen die Reisenden mit einem zugigen Raum neben dem Stellwerk vorliebnehmen, wenn sie auf ihren Zug warten. Von einer krächzenden Lautsprecherstimme begleitet, öffnet sich dann irgendwann das Eisengitter zum Gleis. Schade, sagt Jan Düthmann, „der Wissinger Bahnhof ist nur noch ein Funktionsbahnhof“.
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