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Konflikte lösen, ohne sich in Gefahr zu bringen: Bramsche hat 15 neue Buslotsen
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Konflikte lösen, ohne sich in Gefahr zu bringen: Bramsche hat 15 neue Buslotsen
Konflikte lösen, ohne sich in Gefahr zu bringen: Bramsche hat 15 neue Buslotsen
Achmer. Die Praxisnähe hat ihre Grenzen – auch für angehende Buslotsen. Ob sie den Nothammer denn auch ausprobieren dürften, wollen einige der 12- bis 14-Jährigen wissen. Die Kinder lachen. Burkhard Pohl lacht mit ihnen. Aber der Busfahrer, der gerade die Benutzung des Nothammers erklärt hat, muss den dynamischen Nachwuchs bremsen: Für so viel Praxisnähe seien die Scheiben des Busses dann doch zu teuer.
Seit mehr als 20 Jahren sitzt Pohl hinter dem Lenkrad. Bei der Buslotsenausbildung gibt er 15 Schülern seine Erfahrungen weiter. „Busschule“ heißt der Programmpunkt, den Pohl im Auftrag der Verkehrsgesellschaft Osnabrück-Nord (VOS-Nord) übernommen hat. Zu lernen gibt es einiges.
Pohl erzählt unterhaltsam. Er erzählt anschaulich. Welche Kräfte bei einer Vollbremsung wirken, und warum man deshalb nie rückwärts auf dem Sitz knien darf. Er erzählt von Einschlaggewichten und dem Versuch, wie ein Kanister im Mittelgang bei einer Vollbremsung bei 40 Stundenkilometern durch den Bus fliegt und wie sich das Testobjekt „an der Windschutzscheibe zerlegt“ habe. Die geschilderte Überflutung auf dem Armaturenbrett sorgt wieder für Gelächter.
Aber es gibt auch andere Momente: Wenn Pohl Unfälle mit Kindern schildert, die vor oder hinter seinem Bus in ein Fahrzeug liefen oder die aufgrund der begrenzten Sicht vom Fahrersitz aus unter die Räder kamen. Dann sitzen die Kinder in ihren Sitzen. Ganz ruhig, mit großen Augen, und atmen erst einmal tief durch.
Warum das richtige Verhalten im Bus und um ihn herum so wichtig ist? „Euer Busfahrer hat etwa 180 Tage im Jahr die Aufgabe, euch sicher zur Schule zu bringen“, sagt Pohl. Es gebe Kinder, die verbrächten mehr Zeit im Bus als mit ihren Eltern im Auto, rechnet er vor.
Die Buslotsen können nach Ansicht von Karl-Heinz Klenke dazu beitragen, dass der Schulweg weniger stressig wird. Wenn ausgebildete Buslotsen an Bord seien, „sind sowohl die Schüler als auch die Busfahrer gleich viel entspannter“, sagt der Verkehrssicherheitsberater der Osnabrücker Polizei. Und nicht nur das: „Wir können feststellen, dass die Sachbeschädigungen in Bussen zurückgegangen sind“, seitdem vor drei Jahren die Buslotsenausbildung in der Stadt und im Landkreis Osnabrück begann.
Wie sie sich verhalten sollen, wenn andere einen Mitschüler nicht aussteigen lassen oder wenn Sitze beschmiert werden, lernen die Schüler von ihm. „Zivilcourage zu zeigen ist das A und O“, sagt Klenke. Die Schulungen hinterließen einen bleibenden Eindruck. „Einmal Buslotse, immer Buslotse. Was die mit 14 Jahren lernen, machen sie auch noch, wenn sie 25 oder 30 sind.“ Und Zivilcourage wird nicht nur im Bus oder an der Haltestelle – „da geht es manchmal zu wie auf dem Jahrmarkt“ – benötigt, sondern kann generell im Leben nicht schaden.
Das heißt nicht, um jeden Preis in einen Konflikt einzugreifen – auch, wenn sie immer in Zweierteams arbeiten sollen. Die Schüler „sollen sich nie selbst in Gefahr bringen“, sagt Klenke. Deshalb wüssten die Buslotsen, in welchen Situationen sie sich besser an den Busfahrer wenden, als etwas zu riskieren. „Die Kinder brauchen keine Hilfssheriffs zu spielen“, unterstreicht Klenke. Außer dem Busfahrer gebe es schließlich auch in jeder Schule einen Ansprechpartner für die Lotsen. „Gott sei Dank bekommen wir diese Unterstützung der Schulleitungen und Lehrer“, sagt der Polizist.
Oftmals reiche es schon, den Buslotsen-Ausweis zu zücken, um auch gegenüber älteren Schülern Autorität zu erlangen. „Die Jüngeren haben auch 18-Jährige im Griff. Sie machen das gut, wenn sie den Älteren die Regeln erklären müssen.“ Dabei bedeutet die Buslotsenausbildung keineswegs, dass die Kinder bei jeder Fahrt im Dienst sind. „Es gibt keinen Zwang. Die Schüler sollen das freiwillig machen“, betont Klenke.
Wer sich engagieren möchte, gibt sich dem Fahrer beim Einsteigen als Buslotse zu erkennen. Wer keine Lust hat, kann aber auch den Ausweis in der Tasche lassen „und einfach ganz normal Bus fahren“, sagt Stadtjugendpflegerin Stefanie Uhlenkamp. „Ich kenne keinen, der sich den Ausweis um den Hals hängt.“ Stolz seien die Schüler schon darauf, „aber Bus-Schaffner spielen möchten sie dann auch nicht. Das kommt auch nicht wirklich cool rüber.“
Die Lotsen würden ausdrücklich nicht eingesetzt, um andere Mitfahrer anzuschwärzen. „Es geht nicht darum, Leute wegen Kleinigkeiten zu denunzieren, sondern es geht um das Klima im Bus“, sagt Uhlenkamp.
Unaufgeregt seine Arbeit machen will auch John Grünebaum. Zwischen Malgarten und dem Gymnasium pendelt der Siebtklässler regelmäßig. „Ich finde es wichtig, dass man sich im Bus für Ordnung einsetzt“, sagt der 13-Jährige.
„Es freut mich, dass es Schüler gibt, die sich engagieren und einsetzen wollen“, sagt Uhlenkamp. Von allen weiterführenden Bramscher Schulen waren Anmeldungen eingegangen. Einigen musste sie für diesen Lehrgang absagen. „Es gibt immer eine Menge Schüler, die mitmachen wollen.“
Der Einsatz ist rein ehrenamtlich. Die Schüler erhielten ein Beiblatt zum Zeugnis, „das macht sich bei Bewerbungen ja auch ganz gut“, sagt die Stadtjugendpflegerin. In manchen Schulen hängen Plakate mit Fotos der Buslotsen – ein klein bisschen Sonderstatus. Ansonsten gibt es einmal im Jahr eine gemeinsame Ausflugsfahrt als Dank. Und während der zweitägigen Ausbildung in der Dorfgemeinschaftsanlage in Achmer zweimal Pizza zum Mittagessen.
Davor und danach lernen sie außer Erster Hilfe im Schnellkurs und technischen Grundlagen vor allem Soziales: Zum Beispiel Unstimmigkeiten zu entschärfen, bevor sie zum Streit ausarten. In Rollenspielen werden mögliche Verhaltensweisen simuliert. Gemeinsam lassen sich auch vertrackte Situationen lösen. „Die Kinder bringen ganz unterschiedliche Fähigkeiten mit: Der eine erkennt schnell Konflikte, ein anderer kann gut Streit schlichten“, freut sich Uhlenkamp über die versammelten Talente.
Viele Buslotsen hielten nach der Ausbildung weiter zur Stange, sagt Uhlenkamp. Langen Atem haben auch die Mitglieder des Stadtelternrates bewiesen. Bramsche sei die erste Kommune im Nordkreis gewesen, die Buslotsen ausgebildet habe. Damals gab es noch Bedenken, ob sich ein solches Projekt in der Hasestadt lohnt. Der Stadtelternrat blieb die treibende Kraft und holte die Jugendpflege mit ins Boot. Inzwischen ist die Buslotsenausbildung im dritten Jahr. „Es kommen immer wieder Neue hinzu, und das Klima im Bus ändert sich“, ist die Stadtjugendpflegerin optimistisch.
Es ist eine große Herausforderung für die Kinder, die nach der Ausbildung – Zweierteam hin oder her – „mehr oder weniger allein auf sich gestellt sind“, wie Uhlenkamp weiß. Jetzt, in der Busschule mit Burkhard Pohl, dürfen sie sich noch Hilfe von den Erwachsenen holen. Was sich hinter dem Kasten mit der Jalousie verberge, wollen sie wissen. Pohls Antwort ist harmlos: eine Miniküche. „Nur einen Pizzaofen habe ich nicht“, scherzt er.
Das Gelächter wird unterbrochen, plötzlich wird es unruhig. Am Übungsbus fährt ein Schulbus vorbei, der gerade Kinder an der Achmeraner Grundschule eingesammelt hat. „Da sitzt ein Kind verkehrtrum“, zeigen mehrere Finger gleichzeitig auf den vorbeirollenden Bus. Als Lotsen wären sie bei dieser Szene wohl sofort eingeschritten. Denn sie haben gelernt, was bei einer Vollbremsung alles passieren kann, wenn ein Kind rückwärts auf dem Sitz kniet. Burkhard Pohl kann das sehr anschaulich erzählen.
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