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Osnabrück: Pudding aus den Trümmern gerettet - Für Regina Petzold ist das alte Woolworth-Gebäude voller Erinnerungen
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2003
Autor: Rainer Lahmann-Lammert 27. Januar 2012 17:07 Uhr  Mehr Artikel von diesem Autor

Rückblick

Osnabrück: Pudding aus den Trümmern gerettet - Für Regina Petzold ist das alte Woolworth-Gebäude voller Erinnerungen

Osnabrück. Das Woolworth-Haus soll ein 50er-Jahre-Bau sein? Da muss Regina Petzold doch entschieden protestieren. Sie hat den amerikanischen Billigladen an der Großen Straße schon in den 30er-Jahren erlebt. Damals war sie noch ein Kind. Regina Petzold, Jahrgang 1921, hat auch die Zerstörung des Hauses im Krieg hautnah erlebt.

 
Mehr ist von Woolworth nicht geblieben: Polier Stephan Kirschner führte die 90-jährige Regina Petzold am Freitag über die Baustelle. Foto: Hermann Pentermann  Vergrößern

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„Ach du liebe Zeit!“, ruft Regina Petzold beim ersten Blick auf das Abbruchgelände. Die ehemalige Schneiderin sitzt im Rollstuhl, aber ihr Verstand ist wach, und ihre Erinnerungen sind präzise. Seit einem halben Jahr war sie nicht mehr in der Stadt. Und jetzt liegt Woolworth in Trümmern.

Die 90-jährige Dame verbindet viel mit dem Geschäftshaus, das die Bagger in den vergangenen Wochen niedergerissen haben. Als Kind hat sie den Satz aufgeschnappt: „Bei Woolworth kannst du alles für 50 Pfennig kriegen!“ Das war die Masche, mit der Frank Winfield Woolworth schon in Amerika Erfolg hatte. Seine Läden waren jenseits des Atlantiks als „five-and-ten-cent-stores“ in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen.

Dass Regina selbst etwas bei Woolworth kaufte, muss später gewesen sein. Einmal, so erinnert sie sich, war es Geschirr. Viel wichtiger ist aber, dass sie das Haus mit ihrer Jugendliebe verbindet. Ihr Freund Horst Fiedler wohnte mit seinen Eltern im 3. Stock. Doch der junge Mann fiel schon im ersten Kriegsjahr. Regina blieb mit den Eltern in Kontakt und besuchte sie noch oft. Auch am berüchtigten Palmsonntag 1945, dem schlimmsten Bombenangriff auf die Stadt.

Stundenlang, so erinnert sich Regina Petzold, „saßen wir im Hochbunker an der Redlingerstraße“. Als sie endlich wieder aus dem Schutzraum ins Freie treten durfte, lag ein Teil des Woolworth-Hauses in Schutt und Asche. Auch die Wohnung von Familie Fiedler war nicht mehr bewohnbar.

Aber in der Küche stand noch ein frisch gekochter Pudding auf dem Tisch. Den holte die junge Schneiderin aus den Trümmern, obwohl es eigentlich streng verboten war, die Ruine zu betreten.

In den 50er-Jahren baute Woolworth das Haus wieder auf – und setzte noch ein Geschoss obendrauf, wie Regina Petzold sich erinnert. Sie bekam nach dem Krieg eine Stelle als Schneiderin im Modeatelier Annelie Niemann. Auch das war im Woolworth-Gebäude untergebracht, sodass es angebracht erscheint, von einem schicksalhaften Zusammenhang zu sprechen.

Regina Petzold ging 1954 nach Berlin, heiratete dort und kehrte 1969 mit ihrem Mann nach Osnabrück zurück. In all den Jahren und danach pflegte sie Kontakt zu Mieterinnen, die in dem Woolworth-Haus wohnten.

Inzwischen lebt die 90-jährige Zeitzeugin im Franziskus-Altenheim in der Dodesheide. Wegen ihrer Gehbehinderung kommt sie nur noch selten in die Innenstadt. Am Freitag hatte sie Gelegenheit, das Abbruchgelände in Augenschein zu nehmen, auf dem die Deka Immobilien GmbH ein viergeschossiges Geschäftshaus errichten will. Polier Stephan Kirschner ließ keine melancholische Stimmung aufkommen: „Hier kommt was schönes Neues hin!“

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