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Nach zehn Semestern schmiss Dorothe Hermes ihr Jurastudium – und ist froh darüber
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Nach zehn Semestern schmiss Dorothe Hermes ihr Jurastudium – und ist froh darüber
Nach zehn Semestern schmiss Dorothe Hermes ihr Jurastudium – und ist froh darüber
Osnabrück. Dorothe Hermes sitzt in einem Bürostuhl, der für größere Menschen gemacht ist. Vor ihr ein breiter Tisch, an der Wand zu ihrer Linken ein Flachbildschirm. Hinter ihr eine Fensterfront. Dahinter spannt sich der weite Himmel. „Du fängst an, nach Definitionen zu suchen und hinterfragst alles“, sagt sie. Es ist ein Satz, der beschreibt, was ihr früheres Studium mit ihr gemacht hat.
Im Oktober 2004 hatte sie begonnen. Jurastudium in Osnabrück, 200 Kilometer entfernt von der Heimat. Start in ein neues, ein eigenes Leben. Hermes schrieb in den Vorlesungen alles mit, las zu Hause nach, lernte. Von den ersten vier Klausuren schaffte sie eine. Sie war nicht die Einzige, der es so ging. Die Ersten brachen ab. Hermes machte weiter. Wird schon, sagte sie sich. Doch es wurde nicht. Sie fühlte sich stilistisch eingepfercht in den Gutachten-Stil der juristischen Sprache. Eine eigene Meinung war nicht gefragt. Der Druck nahm zu, von Semester zu Semester. Kommilitonen fuhren die Ellenbogen aus. Es ging um Zukunftschancen: Wenn du Richterin werden willst, brauchst du ein Prädikatsexamen, hieß es. Wer in einer großen Sozietät eine Chance sucht, muss zum Workaholic mutieren. Und Jurist in der freien Wirtschaft? Das ist ein besonders harter Weg – darin waren sich in der Uni alle einig. „Vielleicht war es der Weg, der mich abgeschreckt hat“, sagt Hermes und blickt zurück auf ihre letzten Semester, in denen erstmals ein Wort in ihr aufstieg: abbrechen. Doch wann immer dieser Gedanke auftauchte, war da eine Stimme, die sagte: Bist du verrückt? Jetzt? So kurz vor dem Examen? Das ganze Geld, die ganze Zeit, die du geopfert hast? Was werden deine Eltern sagen? Vor den Bekannten wirst du wie eine Versagerin dastehen. Du kannst nicht aufhören.
„Es ist das Gefühl: Ich sitze auf einer Schiene und muss dahin.“ Der Mann, der diese Worte sagt, hat seine Studienzeit längst hinter sich. Thomas Müller ist Diplom-Psychologe und arbeitet bei der Psychosozialen Beratungsstelle (PSB) des Studentenwerks Osnabrück. Er sitzt mit überschlagenen Beinen in einem Sessel und spricht mit einer Stimme, die so ruhig ist, als käme sie von einer Meditations-CD. Müller und seine Kollegen helfen Studierenden, die Prüfungs- oder Redeangst haben, die Geldsorgen plagen, die Legastheniker sind oder die Krankheiten beim Studieren behindern. Und sie helfen jungen Menschen, die auf einem eingeschlagenen Weg nicht weiterkommen. „Wir sagen niemandem: Hör auf mit deinem Studium! Wir versuchen zunächst einmal, auch Alternativen denkbar zu machen“, sagt Müller. Im zweiten Schritt sollten sich die Studenten mit den Fragen auseinandersetzen, welche Alternativen es gebe und welche Konsequenzen ein Ausstieg aus dem Studiengang habe. Die Angst, als Versager dazustehen, sei groß, sagt Müller. Viele rechneten auf, wie viel Geld und Zeit sie vertan hätten, sorgten sich ob des entstehenden Bruchs in ihrem Lebenslauf. Alle Kennziffern für eine vermeintliche Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt klopfen die Studenten ab.
„Das Studium ist kürzer und schneller geworden“, sagt Müller, „das hat sich in geringeren Spielräumen niedergeschlagen.“ Um das abzufedern, lässt er Studenten das Wort „Studienabbrecher“ googlen. Die Suchmaschine listet in Millisekunden Hunderttausende Ergebnisse auf, prominente Vorbilder, Foren und Tipps sind nur einen Klick entfernt. „Es ist eine Entlastung zu sehen: Ich bin nicht isoliert“, sagt Müller. Hat sich ein Student entschieden aufzuhören, empfehlen die PSB-Mitarbeiter einen Besuch bei der Zentralen Studienberatung und dem Arbeitsamt. Dort gibt es Informationen und Ideen zu Alternativen – an der Hochschule und im Berufsleben.
„Die bei der PSB wissen wirklich alles“, sagt Dorothe Hermes und lächelt ein wenig, weil der Satz seltsam pathetisch klingt. Aber für sie trifft er zu. Egal, mit welchen Fragen und Problemen sie kam, bei der PSB gab es eine Antwort oder zumindest eine gute Idee. So wie die, ein Praktikum zu machen, „um mich selbst auszutesten“, wie Hermes das nennt. Sie hat sich getestet. Bei der OS-Community. Hat gemerkt, wie gerne sie kreativ mit Sprache umgeht. „Jetzt habe ich eine Idee, wohin es gehen kann.“ Zunächst nach Bielefeld, Linguistik studieren, später dann in Richtung Werbung oder Marketing. Ob es das Richtige ist? Sie zuckt die Schultern. Wer kann das schon wissen?, fragt ihr Blick. Dann sagt sie: „Letztlich darf man nur eine Entscheidung fällen, zu der man steht. Ich habe lange gebraucht. Aber jetzt stehe ich zu 100 Prozent dahinter.“
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Ich sage: Gut gemacht, Dorothe, wenn du dich mit dieser Entscheidung besser fühlst und du bist nicht die einzige Jurastudentin, der er so ergangen ist!
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