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„Eine Entscheidung fürs Leben“ Vor 21 Jahren bricht Ina Hensch aus der alten Heimat in eine neue auf
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Autor: Carola Alge 31. Dezember 2011 12:00 Uhr  Mehr Artikel von dieser Autorin

Heimatwechsel

„Eine Entscheidung fürs Leben“ Vor 21 Jahren bricht Ina Hensch aus der alten Heimat in eine neue auf

Twist-Rühlerfeld. Dezember vor 21 Jahren. Es ist tiefer Winter in der Gegend von Karaganda. Ina Hensch steht mit ein paar Koffern und ihrem kleinen Sohn Richard am Flughafen, wartet auf einen für sie besonderen Flieger. Papiere, Bettwäsche, etwas zum Anziehen, ein paar Fotos, mehr hat sie nicht dabei, als sie aus ihrer Heimat Kasachstan aufbricht – in eine neue Heimat, nach Deutschland.

 
Die Heimat verließ Ina Hensch vor 21 Jahren. Foto: Carola Alge  Vergrößern

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Die Hälfte ihres Lebens lässt sie an jenem Tag wie viele mehr als zwei Millionen deutschstämmige Russen, die zwar ein Zuhause, aber keine wirkliche Heimat mehr hatten, zurück. „Wir waren in Kasachstan ein bisschen wie Zigeuner. Die Deutschen gehörten nirgendwo richtig hin. Abneigung gegen uns war immer wieder und überall spürbar“, erzählt die heute 42-Jährige, geboren und aufgewachsen in dem kleinen Dorf Karbyschewka nahe Karaganda.

Das Örtchen wurde von Wolgadeutschen in der kasachischen Steppe aufgebaut. Sie waren vor dem Krieg nach Kasachstan ausgesiedelt worden. Henschs Großeltern gehören dazu. Später zogen Menschen verschiedener Nationalitäten in das Dorf, auch viele Einheimische. Ina Hensch kam mit unterschiedlichen Kulturen in Berührung. „Ein Plus“, sagt sie. Diesen Ort irgendwann für immer zu verlassen, wenige Gedanken verschwendete sie zunächst daran. Abitur mit 1,1, Studium der Agrarwirtschaft, Hochzeit, Geburt des Sohnes. Alles lief seinen Gang.

Gedanke wird zum Ziel

Als das russische Parlament Anfang der 1990er-Jahre die Rehabilitation der deportierten Völker beschloss, beschäftigte sich Hensch immer wieder damit, nach Deutschland zu gehen. Schon da war der damals 21-Jährigen klar: Sie wollte sich und ihr Kind „sprachlich und gesellschaftlich voll integrieren“, wollte hier eine Ausbildung absolvieren, weil sie ihr Studium in Kasachstan abbrechen musste. Der Gedanke wurde zum Ziel. Wenn der Haushalt erledigt war und der kleine Richard schlief, kramte sie ihre Schul-Deutschbücher hervor und frischte abends ihre Deutschkenntnisse auf.

Dass sie bereits gut Deutsch sprach, bevor sie Kasachstan den Rücken kehrte, verdankt Ina Hensch den Großeltern. Sie sprachen zwar einen schwäbischen Dialekt, haben den jüngeren Familienmitgliedern aber immer wieder gesagt: „Wir sind Deutsche, und ihr dürft die deutsche Sprache nicht vergessen.“

Große Ängste hatte Hensch vor dem Tag X nicht. „Sicher, da war schon diese Ungewissheit, wo man in Deutschland hinkommt. Aber ich habe das in dem Alter ziemlich locker genommen und hatte da wie auch sonst immer ein klares Ziel“, erinnert sich Hensch. Das führte sie über Friesland im Sommer 1991 nach Twist. Die unendliche Weite des Landstrichs erschreckte sie nicht. „Das kannte ich ja aus Kasachstan. Dort konnte man 300 Kilometer fahren und sah nichts, nur Steppe“, schmunzelt sie und zeigt auf ein paar Fotos aus der alten Heimat, die nur Sand, Gras und Horizont zeigen.

Das emsländische Twist also sollte das Zuhause werden. Um hier schnell auch beruflich Fuß zu fassen, meldete sich die junge Frau bei den Berufsbildenden Schulen in Meppen für das BGJ Wirtschaft und Verwaltung an, wollte Industriekauffrau werden. Zu der Zeit war sie eine der ersten Aussiedlerinnen an den BBS, die eine kaufmännische Ausbildung absolvierten. Geld gab es im ersten Lehrjahr nicht. Um sich und den Sohn durchzubringen, putzte sie nach der Schule und machte am Wochenende Taxis sauber. Eine Ausbildungsstelle zu finden war trotz Abi mit 1,1 und guter Zeugnisse in der Berufsschule schwer. „Keiner wollte mich einstellen. Eine Aussiedlerin im Büro gab es damals im Emsland noch nicht. Alle waren vorsichtig“, erzählt Hensch. Bei einer Firma in Meppen-Hüntel schließlich wurde sie genommen. Eine Weiterbeschäftigung folgte hier nicht. Dafür aber konnte sie bei der Magnetschwebebahn in Lathen anfangen.

Wie Exoten gesehen

„Den Mutigen begleitet das Glück.“ Ina Hensch zitiert ihr Lebensmotto oft. Es habe ihr vor allem zu Anfang geholfen, als Aussiedler im Emsland wie Exoten gesehen worden seien, als sie auch auf Menschen traf, die Aussiedlern gegenüber negativ eingestellt waren, sie als Menschen sahen, die nur Geld kassieren würden und sich davon auch noch Häuser bauten. Solche Begegnungen seien aber die Ausnahme gewesen. „Zum Glück haben die meisten eine andere Einstellung, sehen, wie fleißig der Großteil meiner Landsleute ist. Viele von uns, die alles verloren haben, wollten als Erstes einfach nur wieder ein Dach über dem Kopf bekommen.“

Wenn Ina Hensch von dieser Zeit berichtet, tut sie das ohne Anflug von Groll oder Ähnlichem. Im Gegenteil. In den 20 Jahren sei sie im Emsland „vielen wundervollen Menschen“ begegnet, die sie unterstützt hätten – in guten und in schlechten Zeiten. Keinen Tag habe sie überlegt, aus dieser Region wieder wegzuziehen: „Es war eine Entscheidung fürs Leben.“

Längst hat sich die 42-Jährige gut in Deutschland eingelebt. Klar, ihre Freunde in Kasachstan fehlten ihr natürlich schon ab und zu. Aber die besuche sie eben und halte per E-Mail Kontakt. Nein, mittlerweile gebe es für sie keinen Unterschied mehr, ob sie mit „einheimischen Deutschen oder Russlanddeutschen“ Umgang hat. Dass Ina Hensch ihr Ziel, die volle Integration, erreicht hat, wird ihr immer wieder deutlich, wenn sie mit ihren Kindern (zum inzwischen 22-jährigen Sohn ist vor 15 Jahren Tochter Sonja dazugekommen) darüber spricht, dass sie viel Zeit darin investiert habe, um die zwei in Deutschland gut zu integrieren. „Sie schauen mich dann erstaunt an, fragen, was ich damit meine. Für sie gibt es einfach keinen Unterschied. In den Momenten denke ich, ich habe mein Ziel erreicht, meine Kinder sind hier zu Hause.“

Zwei Heimaten

Vergessen sind Gedanken, die Ina Hensch zu Anfang in Deutschland ab und zu begleiteten. Gedanken, wie viel einfacher und schöner alles hätte sein können, wäre sie hier geboren. Mittlerweile ist sie sogar froh, „zwei Heimaten kennen und lieben zu dürfen, in zwei Ländern wertvolle Erfahrungen zu machen.

Ina Hensch ist angekommen. Als Betriebswirtin arbeitet sie in einem Maschinenbaubetrieb in Twist-Rühlerfeld im Betrieb ihres Lebensgefährten und hat sich mit ihrem Fortuna-Erfolgscoaching nebenbei selbstständig gemacht. Glücklich und zufrieden sei sie. Und dankbar all den Menschen, die zu ihrer Integration, zu ihrem Erfolg beigetragen hätten. Der 42-Jährigen ist es ein großes Anliegen, diesen Menschen zu danken. Ob Lehrer, Ausbilder, Kollegen, Chefs oder Ärzte – Viele hätten ihr geholfen. Ihnen wünscht sie zum heutigen Jahreswechsel „von Herzen nur das Beste“.

Und für sich? „Das Wichtigste ist Gesundheit für mich und meine riesengroße Familie, die auf der Welt verteilt ist.“ Drei mit der alten Heimat verbundene Menschen leben vor der Haustür. Ihre Mutter und ihre Großeltern, Heinrich und Elisabeth Wachtel. Beide haben erst vor wenigen Tagen das seltene Fest der Gnadenhochzeit gefeiert, kamen 1992 ins Emsland. Wenn Hensch von ihnen erzählt, strahlt sie besonders. „Wie sie miteinander umgingen und es immer noch tun, ist einfach toll. Sie sind so cool, waren immer unser Fels in der Brandung. Sie sind mein großes Vorbild“, sagt sie von den alten Leuten, die unter anderem miterleben mussten, wie Russlanddeutsche zwangsumgesiedelt wurden und nach dem Zweiten Weltkrieg Deportationen nach Sibirien und Mittelasien folgten. Und eben nach Kasachstan. Der alten, der ersten Heimat von Ina Hensch, in die sie in eine neue Heimat aufgebrochen ist – an jenem Wintertag im Dezember vor 21 Jahren...

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